Ausländer in Ägypten, Archäologie und Kulturkontakt
Foreigners in Egypt, The Archaeology of Culture Contact
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (60%); Soziologie (5%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
-
Egypt,
Archaeology,
Acculturation,
Settlement,
Middle Kingdom,
Material Culture
Das vorliegende Projekt möchte einige seit Längerem diskutierte theoretische Ansätze in der Archäologie mit Hilfe eines archäologischen Befundes aus Ägypten beleuchten. Den archäologischen Nachweis von Migration im Unterschied zu oder zusätzlich zu Handelsbeziehungen oder Diffusion zu erbringen, bleibt häufig problematisch. Während am Anfang des vorigen Jahrhunderts Änderungen der materiellen Kultur häufig Migrationen zugeschrieben wurden, kam diese Betrachtungsweise später aus der Mode. Erst in jüngerer Vergangenheit wurden erneut Versuche unternommen ein komplexes Phänomen in einen theoretischen Rahmen zu stellen und Kriterien für den archäologischen Nachweis von Migrationen zu isolieren. Speziell die Betrachtung der internen Sphäre`, des privaten Bereichs von Migranten, von dem anzunehmen ist, daß sie ihrer ursprünglichen Kultur verbunden bleiben, verspricht gute Resultate. Es bleibt jedoch zu überprüfen, ob dieses Modell auf ägyptische Befunde übertragbar ist und unverändert akzeptiert werden kann besonders in Anbetracht des Vorhandenseins von Literatur und darstellender Kunst. Ägypten, oft als isolierte Hochkultur betrachtet, die sich ohne äußere Einflüsse entwickelt hat, kann im späten Mittleren Reich und in der Zweiten Zwischenzeit (ca. 1800 - 1550 v. Chr.) zu dieser und einigen anderen Fragen Substantielles beitragen. Der archäologische Befund einer organisch gewachsenen Siedlung des späten Mittleren Reiches, die sich in Tell el-Dabca im nord-östlichen Nildelta und damit am Schnittpunkt von ägyptischer und levantinischer Kultur befindet, umfaßt neben der Anlage der Siedlung selbst, Architektur und archäologische Funde (Keramik, Silex-Werkzeuge, Reibsteine, Reibmühlen, Steingefäße, Mörser, Tierknochen und archäobotanische Reste) sowie Gräber innerhalb der Siedlung, deren Beigaben teils der Mittleren Bronzezeit-Kultur der Levante und teils der ägyptischen Kultur angehören. Die Untersuchung dieser Siedlung, besonders im Hinblick auf die interne Sphäre`, soll Aufschluß darüber bringen, ob deren Bewohner tatsächlich Immigranten aus der Levante sind und wie ihre Akkulturation verlaufen ist, oder ob andere Erklärungsmodelle für diese Erscheinung vorzuziehen sind. In dieser Analyse ist vor allem die räumliche Verteilung der Artefakte und deren quantitative Konzentration von Bedeutung, da auf diese Art ungewöhnliche Konstellationen deutlich gemacht und auf ihre Relevanz überprüft werden können. Mit Hilfe dieser Datensammlung kann jedoch auch auf andere Fragestellungen eingegangen werden, z.B. auf ethnische Zugehörigkeit der Bewohner, horizontale Stratifizierung der Gesellschaft, Handelsbeziehungen und -volumen, Frauenforschung, funktionale Areale in der Siedlung und ökologische Umstände dieser Zeit. Der Vergleich mit anderen Siedlungen in Ägypten und der Levante wird ebenfalls Parallelen und Affinitäten ans Tageslicht bringen, obwohl Siedlungsarchäologie in beiden Bereichen ein relatives Schattendasein führt. Naturwissenschaftliche Methoden, die neue Daten für diese Diskussion liefern könnten, wie die vergleichende Messung von stabilen Strontiumisotopen in Bodenproben und menschlichen Zähnen, um etwaige Mobilität feststellen zu können, stehen aufgrund des Ausfuhrverbots von Proben aus Ägypten bis dato nicht zur Verfügung, aber auf eine Lösung dieses Problems in der Zukunft wird gehofft.
Das Projekt untersuchte theoretische Ansätze der Archäologie anhand eines Befundes aus dem späten Mittleren Reich Ägyptens (ca. 18001700 v. Chr.), mit Fokus auf Kulturkontakten (Handel, Migration, etc.) und mit dem Ziel, archäologische Nachweise für Migration zu definieren. Im frühen 20. Jhdt. wurden Änderungen der materiellen Kultur durch Eroberungen oder Migrationen erklärt, inzwischen existieren viel diversere theoretische Modelle für dieses komplexe Phänomen, u.a. das Vorliegen einer Sekundärkultur innerhalb der internen oder nicht-öffentlichen Sphäre von Migranten. Dazu gehören Gegenstände des täglichen Gebrauchs, religiöse Rituale, die räumliche Anordnung von Arbeitsbereichen z.B. in Küchen, Werkstätten oder bei Feuerstellen und eine mögliche Alltagssprache.Die Siedlung A/II in Tell el-Daba/Avaris im nord-östlichen Nildelta liegt in einem Gebiet, wo sich ägyptische und syro-palästinensische Kultur aufgrund der Nähe natürlich begegneten und beeinflußten. Schriftliche Quellen fehlen, daher konnten ausschließlich Architektur und archäologisches Material (Keramik, Kleinfunde, Steinwerkzeuge, Tierknochen etc.) sowie acht in der Siedlung befindliche Gräber, deren Beigaben und Gebräuche teils der ägyptischen und teils der syro-pal. Kultur angehören, zur Untersuchung herangezogen werden. Während manche Gräber syro-pal. Züge (Waffen, Körperposition der Bestatteten, Gewandnadeln) zeigen, sind andere nicht von ägyptischen Bestattungen anderswo zu unterscheiden (Amulette, Kosmetikgefäße, Körperposition). Beide Bestattungstypen umfaßten ägyptische und importierte Keramik, die hier als Statussymbol zu verstehen ist. Aufgrund beschränkter Datenlage aus zeitgleichen ägyptischen und syro-pal. Siedlungen, bleiben archäologische Hinweise auf Migration - abgesehen von diesen Bestattungen, die die Anwesenheit von einigen Immigranten belegen - selten. Weitere Hinweise auf nicht-ägyptische Bewohner in Areal A/II im späten Mittleren Reich bilden der sehr geringe Anteil von syro-pal. Kochgeschirr und Keramik, die zuvor importierte Gefäße kopiert. Diese Keramik wurde in derselben Technologie hergestellt, wie die früheren Importe, aber aus lokalen Rohstoffen. Dies läßt auf die zumindest temporäre Anwesenheit von Handwerkern schließen, die spezielle Kenntnisse aus erster Hand hatten. Syro-pal. Baumethoden hingegen, wie Fundamente aus Klaubsteinen, konnten im steinarmen Delta nicht nachgewiesen werden, der umfassende Gebrauch der ägyptischen Königselle (52,5 cm) in der Anlage belegt eine starke Affinität zur ägyptischen Kultur und wohl ägyptische Planungshoheit in diesem Stadium der Siedlungsentwicklung. Neben der umfassenden Darstellung von Siedlungsdaten (Häufigkeitsverteilungen von Tierknochen, Gefäßtypen, Raumverteilung, etc), die von enormer Wichtigkeit für die weitere Forschung sind, ließ sich nachweisen, daß sich das Viertel A/II in vielen Aspekten (Anzahl der Bestattungen, Keramikrepertoire, Aussehen der Siedlung, etc.) vom etwa 500 m entfernten gleichzeitigen Viertel F/I unterscheidet und daher ein weitaus differenzierteres Bild von der Genese der späteren Mischkultur in Avaris zu zeichnen ist, die nunmehr besser verstanden und beschrieben werden kann. Das Ausfuhrverbot für archäologische Proben aus Ägypten besteht weiterhin, sodass innovativere Methoden wie Isotopenuntersuchungen von Knochen zur Bestimmung von Mobilität nicht zur Verfügung stehen.
- Universität Wien - 100%
- Irene Forstner-Müller, Österreichische Akademie der Wissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
- Greame Barker, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Janine Bourriau, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Kate Spence, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Robert Dewar, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 28 Zitationen
- 10 Publikationen
-
2012
Titel Migrations: Interdisciplinary Perspectives DOI 10.1007/978-3-7091-0950-2 Typ Book editors Messer M, Schroeder R, Wodak R Verlag Springer Nature -
2011
Titel Traces of Foreign Settlers in the Archaeological Record of Tell el-Dab'a/Egypt.; In: Intercultural Contacts in the Ancient Mediterranean Typ Book Chapter Autor Bader B -
2011
Titel Traces of Foreign Settlers in the Archaeological Record of Tell el-Dabca/Egypt. Typ Book Chapter Autor Bader B -
2013
Titel Cultural Mixing in Egyptian Archaeology: The 'Hyksos' as a Case Study. Typ Journal Article Autor Bader B Journal Archaeological Review from Cambridge, Archaeology and Cultural Mixing Seiten 257-286 -
2013
Titel Cultural Mixing in Egyptian Archaeology: The 'Hyksos' as a Case Study. Typ Journal Article Autor Bader B Journal Archaeological Review from Cambridge, Archaeology and Cultural Mixing -
2021
Titel Material Culture and Identities in Egyptology. Towards a Better Understanding of Cultural Encounters and their Influence on Material Culture DOI 10.1553/978oeaw87981 Typ Book Autor Bader B Verlag Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Verlag Link Publikation -
2011
Titel Contacts between Egypt and Syria-Palestine as seen in a Grown Settlement of the late Middle Kingdom at Tell el-Dabca/Egypt. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Bader B Konferenz Mynárová (ed.), Egypt and the Near East - The Crossroads, Proceedings of the International Workshop on the Relations between Egypt and the Near East in the Bronze Age September 1-3, 2010, Charles University in Prague, Czech Institute of Egyptology, Fa -
2011
Titel Contacts between Egypt and Syria-Palestine as seen in a Grown Settlement of the late Middle Kingdom at Tell el-Dab'a/Egypt. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Bader B Konferenz Mynárová (ed.), Egypt and the Near East - The Crossroads, Proceedings of the International Workshop on the Relations between Egypt and the Near East in the Bronze Age September 1-3, 2010, Charles University in Prague, Czech Institute of Egyptology, Fa Seiten 41-72 -
2011
Titel Vessels in Ceramics and Stone: The Problem of the Chicken and the Egg? Typ Book Chapter Autor Bader B -
2011
Titel Vessels in Ceramics and Stone: The Problem of the Chicken and the Egg?; In: Under the Potter's Tree, Studies on Ancient Egypt Presented to Janine Bourriau on the Occasion of her 70th Birthday Typ Book Chapter Autor Bader B