Beharrliche Leiblichkeit
Persistent Coporeality: Early Modern meets Postmodern Theory
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Soziologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
-
Gender Theory,
History of Ideas,
Romance literature,
History of Medicine,
Cultural Studies,
Historical Anthropology
Das vorliegende Projekt umfasst zwei Textcorpora, die auf den ersten Blick völlig disparat wirken: Postmoderne Feministische und Gender Theorien einerseits und vormoderne Naturphilosophie andererseits. Dieses eher ungewöhnliche Forschungsinteresse resultiert aus meiner Dissertation, die sich der umfassenden Analyse sowie der Übersetzung des Werks einer spanischen Philosophin aus dem 16. Jahrhundert widmete: Oliva Sabuco de Nantes y Barrera (Bidwell-Steiner 2009). In ihrer Nueva filosofa de la naturaleza del hombre (1587) entwickelt diese einen erstaunlich philogynen Materialismus. Die Rekonstruktion zentralen Theoreme des Werkes verlangte nach der Kontextualisierung in einem intellektuellen Umfeld, respektive einer materialistischen Ausrichtung innerhalb des Wissenschaftsdiskurses der Renaissance, wie sie Jean Fernel, Girolamo Fracastoro, Leone Ebreo, Juan Huarte de San Juan, Miguel Servet and Bernardino Telesio vertreten. Deren epistemologische Hypothesen offenbaren erstaunliche Parallelen zu Körpervorstellungen heutiger wissenschaftlicher Untersuchungen. Die genannten AutorInnen verhandeln äußerst originäre Theorien zu Materialität und Leiblichkeit, die auf eine spezifisch mediterrane Tradition des Materialismus verweisen. Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf ein Zusammenspiel von Körper und Seele, Materie und Form, das relationale Modelle von Natur und Kultur zeitigt, was etwa eine ausgeklügelte Affektelehre dokumentiert. Das darin angelegte komplexe Feld wechselseitiger Einflüsse zwischen Körperinnerem und Körperumgebung ist auch zentraler Forschungsgegenstand rezenter Untersuchungen zu Körperregimes. Insbesondere Gender Theoretikerinnen wie Anne Fausto Sterling, Donna Haraway oder Karen Barad verfolgen Konzepte eines verkörperten Geistes, die die dichotome Ordnung von Form und Materie unterlaufen. Ordnungsprinzipien sind immer rhetorisch konstruiert. Deshalb verwundert es wenig, dass die meisten ForscherInnen aus dem Feld der Gender und Cultural Studies in ihrer Analyse besonderes Augenmerk auf die Offenlegung der metaphorischen Verfasstheit von wissenschaftlichen Wahrheiten und Kanones legen (zu Kanones vgl. Bidwell-Steiner/Wozonig 2005, zu Körpermetaphern Bidwell-Steiner/Zangl 2009). Vorrangiges Anliegen meines Projektes ist es nun aufzuzeigen, dass heutige Gender Theorie dabei ähnliche Argumentationslinien und Strategien entwickelt wie die genannten DenkerInnen der Renaissance. Die Archäologie historischer Körpermodelle eröffnet in diachronem Schnitt die Perspektive einer Alterität, die ihrerseits neue Zugänge und wichtige Erkenntnisse in Bezug auf Konstruktionen einer Verkörperung der Anderen des (männlichen) Subjektes und damit auf einen Schlüsselbegriff der Gender Theory ermöglichen. Da Geschlechterregime immer auf Ordnungen von Körper und Geist basieren, ist es unerlässlich, deren weitere Verstrickungen mit technologischen, sozialen und kulturellen Überzeugungen zu untersuchen. Deshalb werde ich mich nicht nur mit Leiblichkeit als Ideengeschichte beschäftigen, sondern auch die Verarbeitung philosophischer Körperkonzepte in wirkmächtigen literarischen Texten erkunden. Dieser intertextuelle Ansatz legt wichtige kulturelle und soziale Rahmenbedingungen für die Produktion von Wissen frei. So werden wissenschaftliche Innovationen in ihrer Situiertheit und ihrer Gebundenheit fassbar
Dieses Projekt konfrontiert zwei Wissensformationen miteinander, die vermeintlich völlig disparat sind: Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts und rezente feministische und Gender Theorie. Ein Close Reading der beiden Textkorpora zeigte, dass die beiden Epochen, welche die sogenannte Scientific Revolution rahmen, ähnliche epistemologisch Spekulationen und Denkstile verfolgen, die holistischen Körpermodelle hervorbringen.Intellektuelle der Renaissance verhandeln äußerst originäre Theorien zu Leiblichkeit, die auf eine spezifisch mediterrane Tradition des Materialismus verweisen. Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf ein Zusammenspiel von Körper und Seele, das relationale Modelle von Natur und Kultur zeitigt. Die komplexen wechselseitigen Einflüsse zwischen Körperinnerem und Körperumgebung sind auch zentraler Forschungsgegenstand rezenter Untersuchungen. Insbesondere Gender TheoretikerInnen verfolgen Konzepte eines verkörperten Geistes, welche die binäre Ordnung von Form und Materie unterlaufen. Der diachrone Vergleich ähnlicher Ideen zum (Geschlechts-)Körper ermöglichte es, neue Körpermodelle der Gender Theorie auf ihre Chancen und Risken hin zu befragen. Die Neudefinition von Leiblichkeit führt in beiden Textkorpora zu Grenzverschiebungen. Ich identifizierte drei Grenzmarken, entlang derer sich Körperkonzepte modellierten: Affekt & Leidenschaft, Mensch & Tier, Mensch und Artefakt.Der Vergleich von Affekttheorien offenbarte, dass sowohl vormoderne DenkerInnen als auchpostmoderne GenderforscherInnen von einer vorbewussten Verarbeitungsinstanz ausgehen, allerdings mit unterschiedlichen strategischen Zielen: GenderforscherInnen untergraben so die Bedeutung von Rationalität, während PhilosophInnen des 16. Jahrhunderts damit die Vorstellung des Menschen als reines Naturwesen außer Streit stellen. Paradoxerweise fällt die Geltendmachung des Menschen als ausschließlich naturdeterminiert mit dem Tod der Natur zusammen, wie etwa der Aufstieg der Anatomie illustriert: Das Paradigma, Naturprinzipien freilegen zu können, beflügelte Machbarkeitsvorstellungen. Eine der bemerkenswerten Parallelen zwischen den beide Epochen ist die Idee, der menschliche Körper könne durchinvasive Technologien verbessert werden. Diese Allmachtsfantasien gingen mit dem Aufstieg eines männlichen Expertentums einher, das die nunmehr passive weibliche Natur domestizierte. So verwundert es wenig, dass feministische Materialismen des 21. Jahrhunderts andere Episteme bemühen. Doch die neue Fokussierung auf Ontologie anstelle von Natur oder Realität erweist sich als zweifelhaftes Versprechen: GenderforscherInnen begeben sich so auf ein Terrain, das feministische VordenkerInnen bereits dekonstruiert hatten: die Metaphysik. Denn stehen (Da-)Seinsbedingungen im Zentrum des Interesses, kommen Letztbegründungen ins Spiel. Diese bilden aber die Legitimationsmythen patriarchaler Ideologie.
- Universität Wien - 100%
- Claus Zittel, Universität Stuttgart - Deutschland
- Anne Fausto-Sterling, Brown University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Karen Barad, University of California at Santa Cruz - Vereinigte Staaten von Amerika
- David Halperin, University of Michigan - Vereinigte Staaten von Amerika
- Bernadette Wegenstein, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 7 Publikationen
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2012
Titel Metabolisms of the Soul. Typ Book Chapter Autor Bidwell-Steiner M -
2012
Titel Arguments about Female Deficiencies in Changing Discoursive Clothes: From the 'Humournome' via the Genome to the 'Hormonome'. Typ Book Chapter Autor Bidwell-Steiner M -
2012
Titel Verknotungen: Beim Sichten gerissener Fäden. Typ Book Chapter Autor Babka/ Finzi/ Ruthner: Die Lust An Der Kultur/ Theorie -
2011
Titel Im Blickpunkt: Masken, Personen und Projektionen. Typ Book Chapter Autor Bidwell-Steiner M -
2013
Titel Bespoke Spanish Passions: Calderon's Medico de su honra Against the Backdrop of Early Modern Doctrines of Affect. Typ Journal Article Autor Bidwell-Steiner M -
0
Titel (Un)Doing Gender als gelebtes Unterrichtsprinzip: Sprache - Politik - Performanz. Typ Other Autor Bidwell- Steiner M -
0
Titel Obskure Differenzen: Psychoanalyse und Gender Studies. Typ Other Autor Babka A