Verschwinden, Fotografie und das Fantomatische
Disappearance, photography and the phantomatic
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)
Keywords
- French narrative literature,
- Phantomatic,
- Italian narrative literature,
- Disappearance,
- Photography,
- "dead mother"
Französische und italienische Erzähltexte der letzten drei Jahrzehnte werden vom Motiv des Verschwindens geprägt. Häufig beschäftigen sich zeitgenössische Autoren beinahe zwanghaft mit spektralen Figuren, deren textuelle (und oft auch fotografische) Anwesenheit in der Literatur paradoxerweise auf die Abwesenheit dessen hindeutet, wofür diese Figuren stehen und zugleich auf die Fähigkeit dieser Figuren hinweist, wieder aufzutauchen, sich in literarischer oder foto-grafischer Materie einzunisten und so das Verschwundene zu überleben. Dieses Projekt - auf-bauend auf substantieller Forschungsarbeit zu einem Korpus von französischen Texten - geht davon aus, dass literarische Geisterfiguren in der französischen und italienischen Literatur, oft im Zusammenhang mit Fotografie, auf historische oder individuelle traumatische Ereignisse zu-rückführbar sind. Um dieses Phänomen zu beleuchten, schlägt das Projekt drei spezifische, aber zusammenhängende Forschungslinien vor. Die erste wird das Fantomatische als literarischen Modus (im Gegensatz zu den Modi des Thematischen und des Allegorischen) im Kontext von individuellem und historischem Trauma untersuchen und dabei André Greens psychoanalytisches Konzept der "toten Mutter" (eine depressive Mutter, die in Wirklichkeit lebendig ist, aber in der psychischen Realität des Kindes tot ist) verwenden. Es wird angenommen, dass der Bezug auf die "tote Mutter" und auf den "Tote Mutter"-Komplex eine Verinnerlichung von Verschwinden, Unterlegenheit und Schuld widerspiegelt und eine literarische Reaktion darauf darstellt. Die zweite Forschungslinie wird das Fantomatische in Bezug auf die versteckte Anwesen-heit eines Texts in einem anderen unter Verwendung von Theorien der Intertextualität analy-sieren. Von besonderem Interesse werden textuelle Verweise auf Mythen, Märchen und bib-lische Fragmente sein; denn es wird angenommen, dass solche Texte in besonderem Maße in einer bestimmten Kultur verankert sind und daher besonders gut dazu geeignet sind, andere Texte zu "besetzen", während sie zugleich als kollektive transitionelle Objekte fungieren. Die dritte Forschungslinie wird das Fantomatische auf die Fotografie beziehen, wobei Verweise auf Fotos in praesentia und in absentia, auf wirkliche und fiktive Fotografen sowie auf die Arbeitsabläufe der analogen und digitalen Fotografie untersucht werden sollen. Das Fantomatische wird hier als eine Spur von ruhendem Leben gesehen, welches vom fotogra-fischen Bild wiedererweckt werden kann. Es wird angenommen, dass das Foto - wie das textuelle Fragment - die Fähigkeit besitzt, eine Abfolge von Bildern zu produzieren, einen Text zu "verstrahlen" und als Bindeglied zwischen jetzt Anwesendem und Verschwundenem zu dienen.
Französische und italienische Erzähltexte der letzten vier Jahrzehnte werden vom Motiv des Verschwindens heimgesucht. Spektrale Figuren haben zeitgenössische Autoren beinahe zwanghaft beschäftigt. Aufbauend auf substantieller Forschung zu einem Korpus von französischen Texten, geht dieses Projekt davon aus, dass literarische Geisterfiguren, oft im Zusammenhang mit Fotografie, auf traumatische historische Ereignisse oder auf individuelle Traumata hindeuten. Meistens verweist ein Text oder ein literarisches Gesamtwerk sowohl auf ein kollektives als auch auf ein privates Trauma. Das Projekt versteht das Fantomatische als grundlegenden literarischen Modus, der den Modi des Thematischen und Allegorischen gegenübersteht. Somit gilt das Interesse des Projekts literarischen Texten, welche die Erfahrung kollektiven oder privaten Verlusts nicht direkt erzählen, sondern indirekt andeuten, etwa durch Verweise auf andere Texte, Bilder oder Filme. Es wird untersucht, wie eine traumatische Erfahrung ein bestimmtes Gesamtwerk besetzt. André Greens psychoanalytisches Konzept der toten Mutter dient als thematischer und methodischer Rahmen. Die tote Mutter ist eine körperlich anwesende, aber emotionell abwesende Mutter, die unfähig ist zu spontanen Reaktionen ihrem Kind gegenüber, sodass auch das Kind selbst schlussendlich wie tot ist. Greens Konzept bezeichnet das psychische Konstrukt eines Kindes, welches genauso plötzlich wie unverständlicherweise von seiner Mutter verlassen wird, nachdem die Mutter aufgrund des unerwarteten Todes eines anderen Kindes in eine Depression gefallen ist. Gemäß der psychischen Vorstellung des überlebenden Kindes ist seine Mutter zu einer kalten, quasi unbelebten Figur mutiert. Einerseits wird also der Korpus der untersuchten Texte thematisch auf solche Erzählungen eingegrenzt, welche fantomatisch von der Beziehung zur Mutter, der ambivalenten Rolle der Mutter oder/und der Bedeutung von Mutterschaft handeln. Andererseits bezieht sich das Projekt auf Greens Theorie des Komplexes der toten Mutter wie auch auf Theorien der Intertextualität, Intersemiotik und Fotografie, um die diffusen Gefühle von Leere, Minderwertigkeit und Schuld des literarischen Subjekts zu untersuchen sowie die textuelle Vorstellungswelt von Mutterschaft oder/und Geburt zu analysieren, welche metaphorisch auf unfreiwillige Trennung oder den Tod verweisen. Die Relevanz des Projekts geht über seine Bedeutung in thematischer, theoretischer und methodischer Hinsicht für die Literatur- und Medienwissenschaften weit hinaus. Die Traumata der Geschichte und der traumatische Verlust der Mutterliebe werden höchstwahrscheinlich immer wieder Fragen aufwerfen. Zeitgenössische Erzähltexte und kritisches Lesen leisten einen wertvollen Beitrag zu einer konstruktiven Erinnerung der Geschichte, aber auch zu einem konstruktiven Verständnis der menschlichen Natur.
- Universität Wien - 100%
- Jean-Bernard Vray, Université Jean Monet - Frankreich
Research Output
- 18 Publikationen