Prekäres Performen
Performing the Precarious
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (80%)
Keywords
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Theaterwissenschaft,
Das Prekäre,
Performance Studies,
Das Posttraumatische,
Tanzwissenschaft,
Geschlechtertausch
Im Jahr 2006 gilt Performativität als Grundlage westlicher Subjektkonstitutionen und die Verkörperung von Präsenz als veritabler Marktfaktor westlicher Spassgesellschaften: Unterschiedliche Phänomene des Theatralen sind in die Realität eingewandert, die oftmals nicht mehr umstandslos von Kunst zu unterscheiden ist. Umgekehrt gelten Theater, Tanz und Performance als real und medialisiert, körperlich und virtuell zugleich: Die Performing Arts und andere Realitäten sind ineinander verkehrt, ununterscheidbar und unwiderbringlich, weshalb auch mit Dieter Mersch von performativen Künsten als "prekären Akten" zu sprechen ist. Aus theateranthropologischer Sicht ist von einer performativen Schleife zwischen den Performing Arts und anderen Realitäten auszugehen. Überlagerungen, Schichtungen, Wiederholungen und Verschiebungen kennzeichen ihre Windungen. In den letzten Jahren zirkulieren Phänomene, die eindeutig erkennbare Bezüge zu sozialen Veränderungen und Problematiken aufweisen, vermehrt in dieser performativen Schleife: Obdachlosigkeit, Gewalt und Psychose, Armut und Kindesvernachlässigung sind beliebte Themen grosser deutscher Theaterhäuser. Die Theaterkritik reagiert auf die (neuen) sozialkritischen Stücke und Inszenierungen mit Preisverleihungen, die Theaterwissenschaft steht vor einem neuen Forschungsfeld, dem sich das vorliegende Projekt widmet: Traumatisierung angesichts politisch motivierter Gewalten (Holocaust, Unterdrückung von Minderheiten, Krieg), ökonomische Prekarität (Erwerbslosigkeit und ungeschützte Arbeitsverhältnisse) und die Verstörung der Geschlechterordnung (Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit) sind die drei Phänomene des Prekären, die exemplarisch analysiert werden. Dreizehn (Theater-, Tanz- und Performance-)Aufführungen, die seit der Jahrtausendwende in Österreich und Deutschland zirkulieren, sind im Fokus der Analysen. Eine These ist, dass theatrale (sowie tänzerische und performance-spezifische) Verhandlungen des Prekären als Wirkungsweisen kontextspezifischer Ängste und Imaginationen zu verstehen sind. Das Projekt verwendet theater- und tanzwissenschaftliche Methoden der Aufführungsanalyse und fragt nach den ästhetischen Strategien der Herstellung des Prekären. Prekäres Performen situiert die Theaterwissenschaft aber auch in dem interdisziplinären Rahmen der Kulturwissenschaften: Zu der Klärung einzelner Phänomenen des Prekären werden Traumatheorie, Anthropologie, Kultursoziologie, Philosophie und Rhetorik herangezogen. Die neue Übertragung des "Prekären" aus den Sozial- in die Kunst- und Kulturwissenschaften etabliert die Theaterwissenschaft einmal mehr als interdisziplinär informiert und theoretisch Richtung weisend.
- Privat - Ausland - 100%
- Theresia Birkenhauer, Universität Hamburg - Deutschland
- Haiping Yan, University of California at Los Angeles - Vereinigte Staaten von Amerika
- Susan Leigh Foster, University of California at Los Angeles - Vereinigte Staaten von Amerika