Die Diachronie des substantivierten Infinitivs im Deutschen
The Diachrony of the nominalized infinitive in German
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Morphology,
Conversion,
Infinitive,
Diachrony,
Word-Formation,
Language History
Der substantivierte Infinitiv (auch Konversion, Gerund) ist im Gegensatz zu früheren Sprachstufen des Deutschen ein hochfrequentes Phänomen des Gegenwartsdeutschen. Überraschenderweise ist sein Auftreten, d.h. seine morphosyntaktische Entwicklung und die Ermittlung seiner grundlegenden Motivation, ist noch nie umfassend untersucht worden, obgleich synchrone Untersuchungen zum Mittelhochdeutschen (wie z.B. MONSTERBERG-MÜNCKENAU 1885, KONING 1933, KLOOCKE 1974) durchaus existieren. Diese Forschungslücke soll durch das vorliegende Projekt, an der Schnittstelle von Morphologie und Syntax (VOGEL 1996: 250), geschlossen werden. Ziel der Untersuchung ist damit die Diachronie des substantivierten Infinitivs des Deutschen unter Berücksichtigung seiner Entstehung, der diachronen Motivationund morphosyntaktischenEntwicklungunter besonderer Berücksichtigung der Nominalisierung von Verbalkomplexen und Verbalphasen (VPs), auch vor dem Hintergrund formaler Restriktionen des Gegenwartsdeutschen (vgl. bspw. ?das Gegessen-Haben, ?das Besucht-Worden-Sein). Im Gegenwartsdeutschen begegnet der substantivierte Infinitiv neben dem Gebrauch als Abstraktum (wie bspw. das Laufen, das Herumstehen) auch in Funktionsverbgefügen (wie etwa ins Rollen kommen, zum Verschwinden bringen), in Progressivkonstruktionen (wie in Er ist am Arbeiten) sowie ggf. auch (vgl. ENGELBERG 2004) in Form des sog. Absentiv (wie etwa Er ist Arbeiten/arbeiten). Innerhalb der Funktionsverbgefüge ist der Infinitiv niedrigfrequent, allerdings zweifelsohne nominal, auch wegen der teilweise zu beobachtenden Konkurrenz zu den in dieser Konstruktion viel häufiger anzutreffenden -ung-Nominalisierungen (wie bspw. zur Aufführung kommen / zum Aufführen kommen). Ähnliche Konkurrenzsituationen innerhalb des nominalen Bereichs sind auch aus dem Sprachvergleich bekannt (vgl. bspw. AHADI 2002 zum Farsi). Das Forschungsprojekt vereint empirische Forschung (in Form von diachronen, korpusbasierten Untersuchungen und einem Fragebogen-ExperimentzuAkzeptabilitätsurteilen im Gegenwartsdeutschen) mit theoretischer Forschung, in dessen Rahmen der Sprachvergleich mit verwandten (insbesondere Germanischen) und nicht-verwandten Sprachen (wie das Türkische), der kindliche Erstspracherwerb, die Aphasiologie sowie die Variationslinguistik Mitberücksichtigung finden sollen. Beide gleich gewichtete Komponenten des Projekts zielen somit auf Beantwortung der prinzipiellen Frage nach einer Entstehung des substantivierten Infinitivs ab aus synchroner und diachroner Perspektive.
Nominalisierte Infinitive wie das Tragen, das Herumgehen, das In-der-Ecke-Stehen sind für das Gegenwartsdeutsche typische und häufig verwendete Kodierungsformen. In früheren Sprachstufen jedoch war dem nicht so. Dass verbale Infinitive zu Substantiven werden konnten, ist ein jahrhundertelanger Entstehungsprozess sprachlichen Wandels, der bereits im Spätalthochdeutschen (ca. um das Jahr 800 herum) beginnt, so ein Ergebnis des kürzlich finalisierten FWF-Projektes "Nominalized Infinitives in the Diachrony of German" (V-347), das am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt wurde. Unter Miteinbeziehung elektronischer Textressourcen bzw. Korpora wurden Daten aus der frühsten Überlieferung des Deutschen bis ins Gegenwartsdeutsche untersucht. Dabei zeigte sich auch, dass die Entstehung nominalisierter Infinitive nicht einfach "aus dem Nichts" kommt. "Die Produktivwerdung des nominalisierten Infinitivs", sagt Projektleiterin Dr. Martina Werner, "ist eng verschränkt mit der Inproduktivwerdung der Wörter auf -ung. Wörter wie Drehung, Steuerung, Haftung sind zwar noch im Gegenwartsdeutschen aus früheren Sprachstufen erhalten, aber sie drücken im Gegenwartsdeutschen im Vergleich zu früher immer weniger abstrakte Sachverhalte aus, sondern bezeichnen eher Resultate: Heizung bezeichnet den 'Heizkörper', immer weniger den 'Prozess des Heizens', Wohnung bedeutet heute 'Apartment' und nicht mehr wie früher 'das Wohnen' (sic). Aufgrund dieses Sprachwandels werden Nominalisierungen wie Lachung oder Herumstehung heute normalerweise nicht mehr gebildet. Es sind nur noch Relikte des einstigen -ung-Musters erhalten. Da nehmen wir heute ausschließlich den nominalisierten Infinitiv." Mit der sukzessiven Produktivwerdung des nominalisierten Infinitivs verbunden ist also gleichzeitig die schleichende Inproduktwerdung der Nomina auf -ung, während im Englischen Wörter auf -ing, dem englischen Pendant des etymologisch verwandten deutschen -ung, hochfrequent geworden sind. "Dem englischen -ing entspricht grammatisch-semantisch im Deutschen jedoch nicht mehr -ung, sondern der nominalisierte Infinitiv", führt Werner aus. "Sprachwandel folgt regelgeleiteten Mustern. Diese bilden sich über Jahrhunderte heraus, weswegen Grammatikwandel für uns SprecherInnen in der Regel unbemerkt bleibt. Würden wir 300, 400 Jahre werden können, würden wir es vielleicht bemerken. Aber unsere Lebensspanne nimmt sich im Vergleich zur Dauer grammatischen Wandels eher wie das einer Eintagsfliege aus." Allerdings wird Sprache durch den Wandel weder 'besser noch 'schlechter'. "Denn wäre das so, so hätten unsere Vorfahren im Barock viel besser gesprochen, im Mittelalter noch viel besser usw." Es macht also keinen Sinn anzunehmen, dass Sprache besser würde, je weiter man historisch zurückginge. Vielmehr verändert sich Sprache unentwegt, aber ihr Komplexitätsniveau bleibt gleich. "Kodierungsformen können sich ändern. Aber die dahinterliegenden Prinzipien bleiben erhalten" fasst Werner zusammen.
Research Output
- 28 Zitationen
- 11 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
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2016
Titel Linguistische Pragmatik in historischen Bezügen. (Lingua Historica Germanica, 9) Typ Book Autor Ernst P editors Ernst P, Werner M Verlag De Gruyter Link Publikation -
2016
Titel Genus und Fugenelemente. Zur Herleitung einer motivierten Relation; In: Linguistische Pragmatik in historischen Bezügen Typ Book Chapter Autor Werner M Verlag De Gruyter Seiten 285-311 Link Publikation -
2016
Titel Die Entwicklungslogik der nominalen Determinativkomposition im Deutschen – verstanden als Grammatikalisierung DOI 10.13092/lo.77.2908 Typ Journal Article Autor Werner M Journal Linguistik Online Link Publikation -
2016
Titel Die Zukunft der Derivation oder: Derivation 2.0 DOI 10.13092/lo.77.2909 Typ Journal Article Autor Fuhrhop N Journal Linguistik Online Link Publikation -
2019
Titel Categorial shift via aspect and gender change in deverbal nouns DOI 10.1016/j.langsci.2018.08.011 Typ Journal Article Autor Iordachioaia G Journal Language Sciences Seiten 62-76 -
2018
Titel Wortbildung als grammatische Strukturbildung. Plädoyer für die Berücksichtigung der morphologischen Antimaterie; In: Grammatiktheorie und Grammatikographie Typ Book Chapter Autor Werner M Verlag Narr Verlag Seiten 175-198 Link Publikation -
2016
Titel Linguistische Pragmatik in historischen Bezügen DOI 10.1515/9783110353327 Typ Book editors Ernst P, Werner M Verlag De Gruyter -
2015
Titel The development of gender and countability effects in German ung- and English ing-nominals; In: Historical Linguistics 2015. Selected papers from the 22nd International Conference on Historical Linguistics, Naples, 27-31 July 2015. Typ Book Chapter Autor Werner M Verlag John Benjamins Seiten 115-133 Link Publikation -
2017
Titel Zur Linguistifizierung von *Semmelnknödeln. Zur Relevanz der morphologischen Antimaterie für die morphologische Theoriebildung; In: Im Spiegel der Grammatik. Beiträge zur Theorie der sprachlichen Kategorisierung. (Stauffenburg - Linguistik, 95) Typ Book Chapter Autor Werner M Verlag Stauffenburg Seiten 33-50 Link Publikation -
2017
Titel Im Spiegel der Grammatik. Beiträge zur Theorie der sprachlichen Kategorisierung Typ Book Autor Werner M editors Zeman S, Werner M, Meisnitzer B Verlag Stauffenburg Link Publikation -
2017
Titel Zur Entwicklung der synthetischen Komposition in der Geschichte des Deutschen Typ Journal Article Autor Werner M Journal Zeitschrift für Wortbildung / Journal of Word-Formation Seiten 73-92 Link Publikation
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2019
Titel Relational Adjectives in the history of German Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2019 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)