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(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert

(Techno)epistemic cultures in 21st century life sciences

Karen Gerhild Astrid Kastenhofer (ORCID: 0000-0001-5843-6489)
  • Grant-DOI 10.55776/V383
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2014
  • Projektende 30.09.2019
  • Bewilligungssumme 251.864 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (75%); Andere Technische Wissenschaften (25%)

Keywords

    Epistemic Cultures, Systems Biology, Technoscience, Synthetic Biology, Life Sciences, Technoscience Governance

Abstract Endbericht

Müssen wir neu entstehende Forschungsfelder in den Lebenswissenschaften wie die Systembiologie und synthetische Biologie auf fundamental andere Weise verstehen als die moderne Konzeption von Wissenschaft nahelegt? Begriffsneuschöpfungen wie Technowissenschaft oder Konvergierende Technologien deuten ebenso in diese Richtung, wie ein gesteigertes Interesse an den materialen und technischen Aspekten von Forschung. Das vorgeschlagene Habilitationsprojekt widmet sich dieser Frage auf empirischer und theoretischer Ebene. Aufbauend auf das Konzept der epistemischen Kulturen, das in der klassischen Periode der Laborstudien von Knorr-Cetina geprägt wurde, erweitert es die Definition seines Forschungsgegenstands. Das neu vorgeschlagene Konzept der technoepistemische Kulturen umfasst eine Orientierung nicht nur an dem Ideal der Wissenserzeugung, sondern auch der Konstruktion von Artefakten und dem Design technischer Instrumente. So baut dieses Konzept auf theoretische Positionen der Sociology of Scientific Knowledge (SSK, mit einem Fokus auf die soziale Konstruktion von Wissen) und der Social Construction of Technology (SCOT, mit einem Fokus auf die soziale Konstruktion von Technologie) auf, liegt aber quer zu deren impliziter Trennung von Wissenschaft und Technik. Empirisch widmet sich das Projekt der gleichzeitigen Existenz unterschiedlicher primärer Orientierungen, die alltägliche Forschungspraxis strukturieren und sich aus Interviews mit ForscherInnen und ethnographischen Studien (zwei Feldstudien in Forschungsstätten der Systembiologie und synthetischen Biologie, eine in der universitären Ausbildung von BiologInnen) rekonstruieren lassen. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: (i) Welche Konzepte tragen zu einem Verständnis der Bedeutung epistemischer Gemeinschaften, Kulturen und Praktiken in den (spät)modernen Lebenswissenschaften bei? (ii) Inwiefern sind gegenwärtige Lebenswissenschaften in spezifische epistemische Gemeinschaften und Kulturen differenziert? (iii) Inwiefern zeigen die Lebenswissenschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts eine Veränderung im Gefüge ihrer Kulturen und Praktiken (die sich sehr wahrscheinlich mit Veränderungen in ihrem gesellschaftlichen Kontext in Bezug setzen lassen)? (iv) Wie verstehen wir als Gesellschaft die gegenwärtigen lebenswissenschaftlichen Dispositionen und wie reagieren wir auf sie? Entlang dieses Forschungsprogramms wird das Konzept der technoepistemischen Kulturen detailliert ausgearbeitet, durch empirische Beispiele illustriert und mit der Analyse bestehender, verwandter Konzepte in Bezug gesetzt. In Folge wird die gesellschaftspolitische Relevanz eines veränderten Verständnisses von Wissenschaft (von einem epistemischen hin zu einem technowissenschaftlichen Unterfangen) diskutiert. Gegenwärtige Entwicklungen neuer Ansätze der Technowissenschafts- Governance und des Technowissenschafts-Assessments werden dargestellt und Vorschläge für weiterführende politische Überlegungen gemacht.

Zusammenfassung "(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert" (V-383) Wie verändert sich Wissenschaft mit der Zeit? Was bedeutet es konkret, wenn aus der Biologie als vormaliger "Naturgeschichte" mit Beginn des neuen Jahrtausends eine "Lebenswissenschaft" geworden ist? Wie verändert sich damit auch die Rolle der Biologie in unserer Gesellschaft und die Rolle von Gesellschaft für die Biologie? Das Elise Richter Projekt "(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert" widmete sich dieser Frage aus mehreren Perspektiven. Es geht davon aus, dass aus der Biologie in den letzten Jahrzehnten eine Technowissenschaft geworden ist und untersucht diesen Wandel auf der Ebene von Forschungspraxen, Biographien, Institutionen und Innovationsregimes. In der Wissenschaftspraxis zeigt sich eine Verschiebung einer vorrangigen Orientierung auf Naturverständnis und Naturerklärung hin zu einer vorrangigen Orientierung auf Konstruktion und Design - kurz: ein Engineering lebender Systeme. Auf der Objektebene verschiebt sich der Fokus von Organismen hin zu Molekülen und Genomen. Auf der institutionellen Ebene zeigen sich Generationenbrüche und Organisationsreformen als wesentliche Wegbereiter des Wandels. Zusätzlich manifestiert sich der Einfluss sich wandelnder Organisationslogiken von der akademischen Ordinarienuniversität der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin zur autonomen Universität des 21. Jahrhunderts mit starker Einbettung in nationale und internationale Innovationsregimes. Damit einher gehen auch veränderte Gemeinschaftlichkeit und Identitätskonzeptionen in der Wissenschaft. Es liegt nahe, dass solch fundamentaler Wandel nicht nur für die Wissenschaft und die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft bedeutsam ist. Die Hinwendung zu einem Engineering hat die Biologie nicht nur zu einer Technowissenschaft gemacht, sie hat auch zu Rufen nach gesellschaftlicher Mitsprache - etwa in Hinblick auf Risikoregulierung oder ethische Bewertung - geführt. Es sind kaum noch theoretische Provokationen wie jene der Abstammung des Menschen vom Affen durch Darwins Evolutionstheorie, die die Gesellschaft aus der Reserve locken; vielmehr sind es die Eingriffe und Artefakte moderner Biotechnowissenschaft. Auch haben sich die Logiken der Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft verändert. Universitäten gelten einerseits als autonom, sie sind andererseits Leistungsindikatoren und -vereinbarungen, einem kompetitiven Förderregime und medialen Hype-Zyklen unterworfen. Die detaillierte Analyse zeigt damit, dass wissenschaftlicher Wandel auch in der Biologie weit über die Akkumulation immer neuer Erkenntnisse hinausgeht. Er geht selbst weit über paradigmatische Revolutionen, wie jener durch Darwins Evolutionstheorie ausgelösten, hinaus und umfasst alle Ebenen wissenschaftlicher Praxis, Identität, Sozietät, Kultur und gesellschaftlicher Bedeutung.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Regula Valérie Burri, Hafencity Universität Hamburg - Deutschland
  • Alfred Nordmann, Technische Universität Darmstadt - Deutschland
  • Bernadette Bensaude-Vincent, Université Paris 1 - Panthéon Sorbonne - Frankreich

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 23 Publikationen
  • 3 Disseminationen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2015
    Titel Spekulative Verantwortung
    DOI 10.5771/9783845272825-349
    Typ Book Chapter
    Autor Kastenhofer K
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 349-358
  • 2020
    Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences
    Typ Book
    Autor Kastenhofer K
    editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S
    Verlag Springer
  • 2020
    Titel Making Sense of Community and Identity in 21st Century Technoscience; In: Community and Identity in Contemporary Technosciences
    Typ Book Chapter
    Autor Kastenhofer K
    Verlag Springer
  • 2020
    Titel Systembiologie und Synthetische Biologie als emergierende Technowissenschaften
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal ITA manu:script
  • 2017
    Titel Bridging gaps and squaring circles: attempts at a cross-European technology assessment
    DOI 10.1093/scipol/scx026
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal Science and Public Policy
    Seiten 728-729
  • 2022
    Titel "Are you a TA practitioner, then?" - Identity constructions in post-normal science
    Typ Journal Article
    Autor Bauer A
    Journal Minerva
  • 2022
    Titel Natural Sciences in Academic Vienna in the 1990s: From "[Peripheral] Outpost Near the Iron Curtain" to "Central Hub"
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal Studia Historiae Scientiarum
    Seiten 1-24
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Technology Assessment of Socio-Technical Futures - A Discussion Paper; In: Socio-Technical Futures Shaping the Present: Empricial Examples and Analytical Challenges
    Typ Book Chapter
    Autor Lösch A
    Verlag Springer VS
    Seiten 285-305
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Making Sense of Community and Identity in 21st Century Technoscience; In: Community and Identity in Contemporary Technosciences
    Typ Book Chapter
    Autor Kastenhofer K
    Verlag Springer
    Seiten 1-37
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences
    Typ Book
    Autor Kastenhofer K
    editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S
    Verlag Springer
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Community and identity in contemporary technosciences: conceptual issues and empirical change
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal EASST Review
    Seiten 32-35
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Vom Wissen zum Können, vom Lehren zum Forschen? Der Wandel biologischer Wissenschaftskultur am Universitätsstandort Wien
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal ITA manu:script
    Seiten 31
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The seamless web of next generation sequencing and Covid-19
    DOI 10.14512/tatup.30.2.18
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal TATuP - Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis
    Seiten 18-23
    Link Publikation
  • 0
    Titel "Should we stay or should we go now?" Dis/engaging with emerging technosciences
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal Science & Technology Studies
  • 2021
    Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences
    DOI 10.1007/978-3-030-61728-8
    Typ Book
    editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S
    Verlag Springer International Publishing
  • 2020
    Titel The new technosciences
    Typ Other
    Autor Kastenhofer K
    Seiten 1-4
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Die neuen TechnoWissenschaften
    Typ Other
    Autor Kastenhofer K
    Seiten 1-4
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Systems Biology: Science or Technoscience?
    DOI 10.1007/978-3-319-47000-9_15
    Typ Book Chapter
    Autor Kastenhofer K
    Verlag Springer Nature
    Seiten 157-167
  • 2016
    Titel Biología de sistemas y biología sintética como tecnociencias emergentes
    DOI 10.3989/isegoria.2016.055.07
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal Isegoría
    Seiten 529-550
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Technikfolgenabschätzung von soziotechnischen Zukünften
    Typ Other
    Autor Lösch A
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Gene editing - new technology, old risks?
    Typ Other
    Autor Kastenhofer K
    Seiten 1-2
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Genkorrekturen - neue Technik, altes Risiko?
    Typ Other
    Autor Kastenhofer K
    Seiten 1-2
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Transhumanismus und Neuroenhancement: technowissenschaftliche Visionen als Herausforderung für die Technikfolgenabschätzung
    Typ Journal Article
    Autor Kastenhofer K
    Journal FIfF-Kommunikation
    Seiten 52-56
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2017 Link
    Titel Workshop on Community and Identity in Technoscience
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
    Link Link
  • 2014 Link
    Titel Club Research on "Verbotenes Wissen - Tabus in der Wissenschaft"
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Club Research on "Steigende Ansprüche, sinkende Akzeptanz: Die Wissenschaft in der Vertrauenskrise?"
    Typ A talk or presentation
    Link Link
Weitere Förderungen
  • 2017
    Titel Vom Wissen zum Können, vom Lehren zum Forschen? Der Wandel biologischer Wissenschaftskultur am Universitätsstandort Wien
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2017
    Geldgeber Vienna City Administration

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