(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert
(Techno)epistemic cultures in 21st century life sciences
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (75%); Andere Technische Wissenschaften (25%)
Keywords
-
Epistemic Cultures,
Systems Biology,
Technoscience,
Synthetic Biology,
Life Sciences,
Technoscience Governance
Müssen wir neu entstehende Forschungsfelder in den Lebenswissenschaften wie die Systembiologie und synthetische Biologie auf fundamental andere Weise verstehen als die moderne Konzeption von Wissenschaft nahelegt? Begriffsneuschöpfungen wie Technowissenschaft oder Konvergierende Technologien deuten ebenso in diese Richtung, wie ein gesteigertes Interesse an den materialen und technischen Aspekten von Forschung. Das vorgeschlagene Habilitationsprojekt widmet sich dieser Frage auf empirischer und theoretischer Ebene. Aufbauend auf das Konzept der epistemischen Kulturen, das in der klassischen Periode der Laborstudien von Knorr-Cetina geprägt wurde, erweitert es die Definition seines Forschungsgegenstands. Das neu vorgeschlagene Konzept der technoepistemische Kulturen umfasst eine Orientierung nicht nur an dem Ideal der Wissenserzeugung, sondern auch der Konstruktion von Artefakten und dem Design technischer Instrumente. So baut dieses Konzept auf theoretische Positionen der Sociology of Scientific Knowledge (SSK, mit einem Fokus auf die soziale Konstruktion von Wissen) und der Social Construction of Technology (SCOT, mit einem Fokus auf die soziale Konstruktion von Technologie) auf, liegt aber quer zu deren impliziter Trennung von Wissenschaft und Technik. Empirisch widmet sich das Projekt der gleichzeitigen Existenz unterschiedlicher primärer Orientierungen, die alltägliche Forschungspraxis strukturieren und sich aus Interviews mit ForscherInnen und ethnographischen Studien (zwei Feldstudien in Forschungsstätten der Systembiologie und synthetischen Biologie, eine in der universitären Ausbildung von BiologInnen) rekonstruieren lassen. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: (i) Welche Konzepte tragen zu einem Verständnis der Bedeutung epistemischer Gemeinschaften, Kulturen und Praktiken in den (spät)modernen Lebenswissenschaften bei? (ii) Inwiefern sind gegenwärtige Lebenswissenschaften in spezifische epistemische Gemeinschaften und Kulturen differenziert? (iii) Inwiefern zeigen die Lebenswissenschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts eine Veränderung im Gefüge ihrer Kulturen und Praktiken (die sich sehr wahrscheinlich mit Veränderungen in ihrem gesellschaftlichen Kontext in Bezug setzen lassen)? (iv) Wie verstehen wir als Gesellschaft die gegenwärtigen lebenswissenschaftlichen Dispositionen und wie reagieren wir auf sie? Entlang dieses Forschungsprogramms wird das Konzept der technoepistemischen Kulturen detailliert ausgearbeitet, durch empirische Beispiele illustriert und mit der Analyse bestehender, verwandter Konzepte in Bezug gesetzt. In Folge wird die gesellschaftspolitische Relevanz eines veränderten Verständnisses von Wissenschaft (von einem epistemischen hin zu einem technowissenschaftlichen Unterfangen) diskutiert. Gegenwärtige Entwicklungen neuer Ansätze der Technowissenschafts- Governance und des Technowissenschafts-Assessments werden dargestellt und Vorschläge für weiterführende politische Überlegungen gemacht.
Zusammenfassung "(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert" (V-383) Wie verändert sich Wissenschaft mit der Zeit? Was bedeutet es konkret, wenn aus der Biologie als vormaliger "Naturgeschichte" mit Beginn des neuen Jahrtausends eine "Lebenswissenschaft" geworden ist? Wie verändert sich damit auch die Rolle der Biologie in unserer Gesellschaft und die Rolle von Gesellschaft für die Biologie? Das Elise Richter Projekt "(Techno)epistemische Kulturen der Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert" widmete sich dieser Frage aus mehreren Perspektiven. Es geht davon aus, dass aus der Biologie in den letzten Jahrzehnten eine Technowissenschaft geworden ist und untersucht diesen Wandel auf der Ebene von Forschungspraxen, Biographien, Institutionen und Innovationsregimes. In der Wissenschaftspraxis zeigt sich eine Verschiebung einer vorrangigen Orientierung auf Naturverständnis und Naturerklärung hin zu einer vorrangigen Orientierung auf Konstruktion und Design - kurz: ein Engineering lebender Systeme. Auf der Objektebene verschiebt sich der Fokus von Organismen hin zu Molekülen und Genomen. Auf der institutionellen Ebene zeigen sich Generationenbrüche und Organisationsreformen als wesentliche Wegbereiter des Wandels. Zusätzlich manifestiert sich der Einfluss sich wandelnder Organisationslogiken von der akademischen Ordinarienuniversität der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin zur autonomen Universität des 21. Jahrhunderts mit starker Einbettung in nationale und internationale Innovationsregimes. Damit einher gehen auch veränderte Gemeinschaftlichkeit und Identitätskonzeptionen in der Wissenschaft. Es liegt nahe, dass solch fundamentaler Wandel nicht nur für die Wissenschaft und die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft bedeutsam ist. Die Hinwendung zu einem Engineering hat die Biologie nicht nur zu einer Technowissenschaft gemacht, sie hat auch zu Rufen nach gesellschaftlicher Mitsprache - etwa in Hinblick auf Risikoregulierung oder ethische Bewertung - geführt. Es sind kaum noch theoretische Provokationen wie jene der Abstammung des Menschen vom Affen durch Darwins Evolutionstheorie, die die Gesellschaft aus der Reserve locken; vielmehr sind es die Eingriffe und Artefakte moderner Biotechnowissenschaft. Auch haben sich die Logiken der Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft verändert. Universitäten gelten einerseits als autonom, sie sind andererseits Leistungsindikatoren und -vereinbarungen, einem kompetitiven Förderregime und medialen Hype-Zyklen unterworfen. Die detaillierte Analyse zeigt damit, dass wissenschaftlicher Wandel auch in der Biologie weit über die Akkumulation immer neuer Erkenntnisse hinausgeht. Er geht selbst weit über paradigmatische Revolutionen, wie jener durch Darwins Evolutionstheorie ausgelösten, hinaus und umfasst alle Ebenen wissenschaftlicher Praxis, Identität, Sozietät, Kultur und gesellschaftlicher Bedeutung.
- Regula Valérie Burri, Hafencity Universität Hamburg - Deutschland
- Alfred Nordmann, Technische Universität Darmstadt - Deutschland
- Bernadette Bensaude-Vincent, Université Paris 1 - Panthéon Sorbonne - Frankreich
Research Output
- 1 Zitationen
- 23 Publikationen
- 3 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
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2015
Titel Spekulative Verantwortung DOI 10.5771/9783845272825-349 Typ Book Chapter Autor Kastenhofer K Verlag Nomos Verlag Seiten 349-358 -
2020
Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences Typ Book Autor Kastenhofer K editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S Verlag Springer -
2020
Titel Making Sense of Community and Identity in 21st Century Technoscience; In: Community and Identity in Contemporary Technosciences Typ Book Chapter Autor Kastenhofer K Verlag Springer -
2020
Titel Systembiologie und Synthetische Biologie als emergierende Technowissenschaften Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal ITA manu:script -
2017
Titel Bridging gaps and squaring circles: attempts at a cross-European technology assessment DOI 10.1093/scipol/scx026 Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal Science and Public Policy Seiten 728-729 -
2022
Titel "Are you a TA practitioner, then?" - Identity constructions in post-normal science Typ Journal Article Autor Bauer A Journal Minerva -
2022
Titel Natural Sciences in Academic Vienna in the 1990s: From "[Peripheral] Outpost Near the Iron Curtain" to "Central Hub" Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal Studia Historiae Scientiarum Seiten 1-24 Link Publikation -
2019
Titel Technology Assessment of Socio-Technical Futures - A Discussion Paper; In: Socio-Technical Futures Shaping the Present: Empricial Examples and Analytical Challenges Typ Book Chapter Autor Lösch A Verlag Springer VS Seiten 285-305 Link Publikation -
2021
Titel Making Sense of Community and Identity in 21st Century Technoscience; In: Community and Identity in Contemporary Technosciences Typ Book Chapter Autor Kastenhofer K Verlag Springer Seiten 1-37 Link Publikation -
2021
Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences Typ Book Autor Kastenhofer K editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S Verlag Springer Link Publikation -
2018
Titel Community and identity in contemporary technosciences: conceptual issues and empirical change Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal EASST Review Seiten 32-35 Link Publikation -
2018
Titel Vom Wissen zum Können, vom Lehren zum Forschen? Der Wandel biologischer Wissenschaftskultur am Universitätsstandort Wien Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal ITA manu:script Seiten 31 Link Publikation -
2021
Titel The seamless web of next generation sequencing and Covid-19 DOI 10.14512/tatup.30.2.18 Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal TATuP - Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis Seiten 18-23 Link Publikation -
0
Titel "Should we stay or should we go now?" Dis/engaging with emerging technosciences Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal Science & Technology Studies -
2021
Titel Community and Identity in Contemporary Technosciences DOI 10.1007/978-3-030-61728-8 Typ Book editors Kastenhofer K, Molyneux-Hodgson S Verlag Springer International Publishing -
2020
Titel The new technosciences Typ Other Autor Kastenhofer K Seiten 1-4 Link Publikation -
2020
Titel Die neuen TechnoWissenschaften Typ Other Autor Kastenhofer K Seiten 1-4 Link Publikation -
2016
Titel Systems Biology: Science or Technoscience? DOI 10.1007/978-3-319-47000-9_15 Typ Book Chapter Autor Kastenhofer K Verlag Springer Nature Seiten 157-167 -
2016
Titel Biología de sistemas y biología sintética como tecnociencias emergentes DOI 10.3989/isegoria.2016.055.07 Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal Isegoría Seiten 529-550 Link Publikation -
2016
Titel Technikfolgenabschätzung von soziotechnischen Zukünften Typ Other Autor Lösch A Link Publikation -
2016
Titel Gene editing - new technology, old risks? Typ Other Autor Kastenhofer K Seiten 1-2 Link Publikation -
2016
Titel Genkorrekturen - neue Technik, altes Risiko? Typ Other Autor Kastenhofer K Seiten 1-2 Link Publikation -
2016
Titel Transhumanismus und Neuroenhancement: technowissenschaftliche Visionen als Herausforderung für die Technikfolgenabschätzung Typ Journal Article Autor Kastenhofer K Journal FIfF-Kommunikation Seiten 52-56 Link Publikation
-
2017
Link
Titel Workshop on Community and Identity in Technoscience Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2014
Link
Titel Club Research on "Verbotenes Wissen - Tabus in der Wissenschaft" Typ A talk or presentation Link Link -
2019
Link
Titel Club Research on "Steigende Ansprüche, sinkende Akzeptanz: Die Wissenschaft in der Vertrauenskrise?" Typ A talk or presentation Link Link
-
2017
Titel Vom Wissen zum Können, vom Lehren zum Forschen? Der Wandel biologischer Wissenschaftskultur am Universitätsstandort Wien Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2017 Geldgeber Vienna City Administration