Wissenssammlungen. Versuch einer Typologisierung arabischer Kompendien
Gathering Knowledge. Towards a Typology of Arabic Compendia
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
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Arabic Literature,
History of Ideas,
Compendia,
Wisdom Literature,
Graeco-Arabic tradition,
Knowledge Transfer
Kompendien sind der beste Weg zum Verständnis der geistigen und wissenschaftlichen Kultur einer Epoche. Darin sammeln Kompilatoren das Allgemeinwissen der Gebildeten. Anders als in den Werken der großen Denker, in denen wir geistige Höhenflüge beobachten können, präsentieren Kompendien das durchschnittliche Niveau der Bildung und Gelehrsamkeit einer Zeit und geben uns so Kunde vom intellektuellen Alltagsleben, das sonst im Dunkeln bliebe. Eine geistesgeschichtlich besonders interessante Epoche sind die ersten Jahrhunderte des neugegründeten islamischen Reiches, eine Zeit, in der die arabisch-islamische Welt mit dem intellektuellen Erbe der Griechen, teilweise über das Syrische, und, zu einem geringeren Ausmaß, mit jenem der Perser bekannt wurde, es sich aneignete und für sich fruchtbar machte. Die großen Gelehrten dieser Zeit, beginnend mit al-Kindi und Hunayn ibn Ishaq im neunten Jahrhundert, gefolgt von al-Farabi im zehnten und schließlich den herausragenden Gestalten Ibn Sinas im elften und Ibn Ruschd im zwölften Jahrhundert, sind heute allgemein bekannt und erforscht. Viel weniger bekannt hingegen ist der intellektuelle Hintergrund ihrer Zeit. Jedoch ist es erst im Vergleich mit jenem möglich, ihre Leistungen zu verstehen und richtig einzuschätzen. Ein ausgezeichneter Weg um diese Situation zu ändern und Licht auf das durchschnittliche Niveau der Bildung und Gelehrsamkeit vom neunten bis zum zwölften Jahrhundert der islamischen Welt zu werfen, ist die Analyse von Kompendien der genannten Periode. Heute häufig nur in Manuskripten erhalten bewahren diese Kompendien die ethischen Werte der Zeit in Gnomologien, also Sammlungen von Weisen und Philosophen zugeschriebenen Anekdoten und Aussprüchen mit moralischem Gehalt. Der Kenntnisstand der Philosophiegeschichte zeigt sich in Doxographien, das sind Zusammenstellungen von Themen, über die verschiedene Philosophen unterschiedliche Ansichten vertraten. Eine weitere Kategorie von Kompendien, die im Mittelpunkt des Projektes steht, sind die philosophischen und wissenschaftlichen Reader. In diesen Lesebüchern werden Textpassagen von unterschiedlicher, oft beträchtlicher Länge aus einer Reihe von Quellen kompiliert, um auf diese Weise Bereiche des philosophischen und wissenschaftlichen Wissens der Zeit darzustellen. Das Projekt Wissenssammlungen stellt ein repräsentatives Textkorpus an Kompendien vor, das analysiert, teilweise editiert und typologisiert wird. Auf diese Weise ergeben sich Antworten auf Fragen nach Zweck, Funktion, Gebrauch und Leserschaft von Kompendien und ein Bild der geistigen Kultur der mittelalterlichen arabisch-islamischen Welt.
In Kompilationen und Kompendien werden Abschnitte und Auszüge aus anderen Texten unter einem bestimmten Aspekt oder zu einem, häufig auch mehreren Themen zusammengestellt. So entstehen Wissenssammlungen, die über die Kenntnisse und Interessen des Kompilators und seiner Zeit Auskunft geben. Darüber hinaus erhalten die auf diese Weise bewahrten Textfragmente besondere Bedeutung, wenn die Werke, aus denen sie exzerpiert wurden, heute verloren sind. Dann sind Kompilationen oft der einzige Weg, diese heute nicht mehr bekannten Texte zumindest teilweise zu rekonstruieren als auch ihren Einfluss auf die damalige Leserschaft abzuschätzen. Im Zuge des Projektes Wissenssammlungen ist es gelungen, eine bisher kaum beachtete Textgattung als Quelle für arabische Kompendien des 9. und 10. Jahrhunderts nachzuweisen. Es handelt sich dabei um die sogenannten Prolegomena, d.s. Vorbemerkungen oder Einleitungen, die in der Spätantike im Griechischen und Syrischen weitverbreitet waren, und deren Verbreitung und Beliebtheit sich nun auch in der arabisch-islamischen Welt eindrücklich nachweisen lässt. Griechische Prolegomena wurden in der neuplatonischen Schule von Alexandria verwendet, um die Studierenden an die Philosophie, die Medizin und andere Wissensgebiete heranzuführen. Daher enthalten sie einfaches und anschauliches Textmaterial, das sich gut und ohne weitere Erklärungen zum Exzerpieren und Kompilieren eignet. Eine anonyme und titellose arabische Kompilation, die in einer Teheraner Handschrift unvollständig erhalten ist, enthält Textmaterial, das zweifellos in der Tradition der griechischen Prolegomena zur Philosophie und Medizin steht. Damit gibt diese Kompilation einen wichtigen Anhaltspunkt für das Vorhandensein, die Bekanntheit und die Popularität dieses Materials auch in der arabisch-islamischen Welt des 9. Jahrhunderts. Ein weiteres Kompendium, das für den Kalifen al-Mamun (reg. 813-33) von Ibn al-Bahriz verfasste Buch der Definitionen der Logik (Kitab udud al-maniq) erweist sich als fast zur Gänze aus Prolegomena-Material zusammengestellt. Dies ist insofern von besonderer Bedeutung als vollständig erhaltene, arabische Prolegomena-Versionen rar sind und lediglich aufgrund der noch heute vorhandenen Textzeugen leicht der Eindruck entstehen kann, dass diese Textgattung im Arabischen kaum eine Rolle gespielt habe. Jedoch lässt sich bei genauerer Betrachtung deren Verwendung bei einer Reihe Arabisch schreibender Philosophen und Gelehrten nachweisen. Prolegomena-Material, das sich in Kompilationen und Kompendien erhalten hat, kann nun näheren Aufschluss über die Quellen geben, die dazu zur Verfügung standen. Zudem wird auf diese Weise die Kontinuität in der philosophischen Wissensvermittlung von der griechischen Spätantike bis in die frühe islamische Zeit deutlich.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 1 Publikationen
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2018
Titel La division des catégories chez al-Sara?si. Un fragment méconnu et ses rapports avec la tradition alexandrine, al-Kindi et Ibn al-?ayyib DOI 10.3917/leph.183.0377 Typ Journal Article Autor Wakelnig E Journal Les Études philosophiques Seiten 377-392