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Piraterie, Krise und Legitimität in Atlantisch-Amerikanischen Erzählungen, 1678-1865

Negotiating Crisis and Legitimacy: Atlantic American Narratives of Piracy, 1678-1865

Alexandra Ganser-Blumenau (ORCID: 0000-0001-5629-0703)
  • Grant-DOI 10.55776/V396
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 14.02.2015
  • Projektende 13.10.2018
  • Bewilligungssumme 145.392 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)

Keywords

    Narratives Of Piracy, Crisis, Law & Literature, Legitimacy, Popular Culture, Atlantic

Abstract Endbericht

DasProjekt untersuchtdie Konstruktiondes Piraten in einer transatlantisch geprägten nordamerikanischen Literatur und Kultur vom späten 17. Jahrhundert bis zum Sezessionskrieg und fragt, auf welche Weise das kulturelle Imaginäre das ambivalente Potenzial des Piraten als Identifikations- und Alterisierungsfigur ausgelotet hat, um Vorstellungen von (Il)Legitimität zu artikulieren und zu verhandeln. Piratennarrative waren bedeutsam für die Entstehung und Entwicklung einer Reihe populärer anglophoner Genres: Gerichtsreportagen und Galgenpredigten im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert, in denen verurteilte Piraten ihre Taten rechtfertigten; popular histories des 18. und die historical romance des 19. Jahrhunderts, die den Piraten als Revolutionär romantisierten; die captivity narrative während der so genannten Barbareskenkriege (1801-1805, 1815), welche die Vereinigten Staaten gegen eine Reihe nordafrikanischer Stadtstaaten führten und in denen ehemals im Mittelmeer gefangengenommene und versklavte US-AmerikanerInnen muslimische Piraten mit atlantischen Sklavenhändlern verglichen; oder Karikaturen am Beginn des US-amerikanischen Bürgerkriegs, als Südstaaten-Piraten auf Brief- und Feldpostumschläge des Nordens gedruckt wurden, um die Praxis der Sklaverei und die Sezession der Südstaaten illegitim anzuprangern. Auch Autoren wie Cotton Mather, James Fenimore Cooper und Herman Melville nutzten den Piraten als Topos für die rhetorische und literarische Verarbeitung von Legitimationsfragen. Historisch waren Piraten durch ihre zweifelhafte nationale, ethnische und sogar geschlechtliche Affiliationen und wechselnde Loyalitäten gekennzeichnet; dementsprechend waren politische Denker und Juristen quer durch die Jahrhunderte damit beschäftigt, den Piraten als Rechtssubjekt sowie den Status von Piraterie an sich völkerrechtlich festzuschreiben. Aufgrund dieser kategorialen Unzuordenbarkeiten wurden Piraten auch als literarische Figuren dazu verwendet, um die Legitimität konkurrierender bzw. in die Krise geratener Identitätskonstruktionen symbolisch zu verhandeln (z.B. britische Kolonie versus unabhängige Republik, oder Vereinigter versus geteilter, sklavenfreier versus sklavenhaltender Staaten während des Sezessionskriegs). Das Projekt analysiert, wie Piratenerzählungen auf Text- und Metatextebene angelegt waren, um damit solche (Il)legitimitätdiskurse zu führen und solch gegensätzliche Identitätsentwürfe zur Disposition zu stellen etwa mittels eines Piraten, der sowohl Volksheld als auch blutrünstigerKriminellerwar,oder mittels seines destabilisierendenPotenzialsbezüglich Differenzkonstruktionen im Bereich race und gender. Es versteht Piraterie als facettenreiche diskursive Kategorie, die sich in einem Kontinuum zwischen Propagierung (post-)kolonialen Abenteuers und Ausbeutung einerseits und kritischem Kommentar zu Gewalt und Unterdrückung andererseits bewegt. Die geplante Studie liest Piratenerzählungen als symptomatisch für den Stellenwert kultureller Aushandlungsprozesse in der Bewältigung diverser Krisenszenarien. Es soll zeigen, wie der Pirat während (zeitgenössisch konstatierter) Krisenzeiten mit (ent)legitimisierender Bedeutung aufgeladen wurde und damit, wie populärkulturelle Texte von einem Publikum jenseits gesellschaftlicher Eliten forderten, dringliche Legitimitätsfragen anhand des Piraten zu reflektieren und damit am Diskurs um die amerikanische Zukunft teilzunehmen.

Das Projekt untersuchte Repräsentationen von Piraterie in der transatlantisch-anglophonen und US-amerikanischen Literatur und Kultur vom späten 17. Jahrhundert bis zum amerikanischen Bürgerkrieg. Es hat erforscht, wie das kulturelle Imaginäre der Zeit das ambivalente Potenzial des Piraten/der Piratin als Identifikationsfigur einerseits und kriminelle Abgrenzungsfigur anderseits benutzte und funktionalisierte, um Legitimität bzw. Illegitimität literarisch und kulturell auszuhandeln. Es beschäftigte sich mit Erzählungen über Piraten auch im Hinblick auf deren Bedeutung für die Entwicklung einer Reihe populärer narrativer Genres: veröffentlichte Gerichtsprotokolle, Galgenpredigten und Flugblätter, in denen verurteilte Piraten ihre Handlungen rechtfertigten, im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert; populäre Historiographien und historische Romane im 19. Jahrhundert, die Pirat*innen als revolutionäre Outlaws romantisierten; Erzählungen ehemaliger Gefangener während der sogenannten amerikanischen Barbareskenkriege gegen nordafrikanische Stadtstaaten (1801-05, 1815) und muslimischer `Piraten` im Mittelmeer; oder auf Briefumschläge gedruckte Karikaturen der Union, die die Südstaaten zu Beginn des Bürgerkriegs als sklaven- und sezessionstreibende Piraten anprangerten. Das Projekt untersuchte sowohl wenig bekannte (z.B. M. Maxwell Philip, M. M. Ballou) als auch kanonisierte Autoren der amerikanischen und transatlantisch-karibischen anglophonen Literatur (z.B. Cotton Mather, James Fenimore Cooper, and Herman Melville), die das ambivalente Potenzial des Piraten zwischen Kriminalisierung und Heroisierung benutzten, um zeitgenössische Legitimationsfragen zu verhandeln: etwa in Bezug auf puritanische Autorität und Moral, die amerikanische Revolution oder die Sklaverei. Es hat gezeigt, dass Pirat*innen v.a. marked by their shifting national, racial, and at times even gender affiliations. Aufgrund ihrer semantischen elusiveness, wurde Piraterie auch zum literarischen Tropus, der eine symbolische Neuaushandlung verschiedener nationaler Identitätskonzepte ermöglichte (z.B. britische Kolonie versus unabhängige Republik; vereinigte versus in sklaventreibende und sklavenfreie geteilte Staaten während des Sezessionskriegs), die in die Krise geraten waren. Das Projekt recast Piraterie als diskursive Kategorie in einem Kontinuum zwischen der Propagierung (post-)kolonialen Abenteuers und Akkumulation einerseits und kritischem Kommentar zu Ausbeutungsverhältnissen und kolonialer Unterdrückung andererseits. Piraterieerzählungen stellten sich als symptomatisch für verschiedene Krisenszenarien heraus, während derer der Pirat ideologisch-diskursiv vereinnahmt wurde. Populäre Texte bezogen dabei auch die lesende Bevölkerung jenseits der bürgerlichen Eliten mit ein. Archivarbeit im Rahmen des Projekts hat außerdem die Popularität der Piratenfigur im Theater des 18. und 19. Jahrhunderts bewiesen, häufig in Form populärer Melodramen und nautischer Spektakel. In der Forschung sind diese sind bisher wenig bis gar nicht berücksichtigt worden, sodass hiermit ein Korpus für weitere Forschungen entstanden ist. Außerdem hat das Projekt dazu beigetragen, die Hinwendung zum Meer in den gegenwärtigen Kulturwissenschaften auch für die Amerikanistik fruchtbar zu machen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Christian Cwik, Universität Graz , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Heike Paul, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg - Deutschland
  • Gesa Mackenthun, Universität Rostock - Deutschland
  • Daniel A. Cohen, Northeastern University - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 3 Zitationen
  • 1 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel From the black Atlantic to the bleak Pacific: Re-reading “Benito Cereno”
    DOI 10.1080/14788810.2017.1384612
    Typ Journal Article
    Autor Ganser A
    Journal Atlantic Studies
    Seiten 218-237
    Link Publikation

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