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Zur Performativität des Biofakts

The Performative Biofact

Adja Lucie Johanna Strecker (ORCID: 0000-0002-6407-2738)
  • Grant-DOI 10.55776/V501
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2016
  • Projektende 30.11.2020
  • Bewilligungssumme 354.102 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (15%); Geschichte, Archäologie (15%); Kunstwissenschaften (55%); Philosophie, Ethik, Religion (15%)

Keywords

    New Materialism, Animal Studies, Performativity and Performance Studies, Archeology, Synthetic Biology, Ecology

Abstract Endbericht

Seit dem 20ten Jhdt. prägen Theorien der Ökologie die Ausdrucksformen und Reflexionen der performativen Kunst. Diese entwickelte ihre Trainings- und Arbeitssysteme, wie etwa Biomechanik, somatische Tanztechniken oder psychologisch-realistische Schauspieltechniken kontinuierlich anhand der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Natur (Giannachi und Steward 2005). Da die Life Sciences jedoch das, was wir unter Natur und Ökologie verstehen grundlegend verändern und weil nach der Biologin und Philosophin Nicole C. Karafyllis die Aristotelische Abgrenzung von Natur und Technik, die das Wachsenden vom Nicht-wachsenden unterscheidet, nicht mehr gültig ist, will das hier vorgestellte Projekt Zur Performativität des Biofakts über dieses Verhältnis neu nachdenken und praktisch forschen. Lebewesen gehören heute nicht mehr vorbehaltlos zum Reich des Natürlichen, denn sie werden durch Methoden der Agrar- und Biotechnik maßgeblich zu Künstlichem bzw. Technischem (vgl. Nicole Karafyllis). Die Theorien des Neuen Materialismus und im speziellen die Arbeit von Karen Barad, welche die etablierte Trennung zwischen Ontologie und Epistemologie in Frage stellt, eröffnen uns neue Sichtweisen auf die Beziehung zwischen Materie und Performativität. Bisher wurde beides in Performancetheorie- und Praxis nur ansatzweise berücksichtigt. Dieses Projekt entwickelt eine neue experimentelle Anordnung. Sie soll dem durch die molekularbiologischen und genetischen Techniken der Life Sciences veränderten Verhältnis zwischen Materie und Performativität Rechnung tragen. In Form von künstlerischer Forschung wird provokativ eine Entität erzeugt, deren ontologischer Status zwischen belebt und unbelebt changiert. Nicole C. Karafyllis schuf für solche Entitäten den Begriff des Biofakts. Wir fragen nun auf welche Geschichte die performative Erzeugung von Materie zurückgeht und wie technologische Erneuerungen in der Zukunft unser Verständnis von Ökologie und Kunst verändern werden. Dies geschieht unter Einbezug historischer, kulturrelevanter Relikte. Aus deren biologisch-tierlicher Materie werden neue Biofakte geschaffen. Somit tritt in die Interaktion zwischen Mensch und Technik auch die Figur des Tieres. Dieser Vorgang verhindert eine allein anthropozentrische Sicht auf den Prozess und zwingt zu neuen kreativen Lösungen. Denn die Herausforderung besteht darin, das Tier nicht zu anthropomorphisieren, sondern aus seiner passiven Position des ausgebeuteten Anderen zu befreien. Gemeinsam mit ForscherInnen aus dem Bereich der Life Sciences soll eine Experimentalanordnung entwickelt werden, bei der Methoden der Archäologie, der Performance, der Molekularbiologie und Genetik in Austausch treten. Durch das Konzept der performativen Erzeugung von Materie im modellierten Versuch entstehen neue Handlungs- und Empfindungsräume. So lässt sich das im Wandel begriffene Verhältnis zwischen Ökologie und Kunst weiter erforschen.

Während die Covid-Pandemie das Bewusstsein dafür geschärft hat, dass nicht-menschliche Akteure einen großen Einfluss auf das menschliche Leben haben, befassen sich Künstler und Performer*innen zunehmend mit mikroskopischen Akteuren, die tatsächlich makroskopische Auswirkungen haben. Wie "performen" Bakterien, Viren, außerirdische organische Materie, Enzyme, Pheromone, kleinere Organismen wie Ameisen oder Würmer, gezüchtete Neuronen oder algorithmische Hochgeschwindigkeits-Finanzsysteme? Und wie können Künstler*innen, Regisseur*innen und Kulturproduzent*innen mit dieser großen Bandbreite von im Allgemeinen übersehenen Wirkmächten zusammenarbeiten? Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts "The Performative Biofact" haben wir durch Praxis und Forschung Einblicke in das Konzept der "Mikroperformativität" gewonnen und uns kreativ mit diesen konzeptionellen, ästhetischen, technischen und ethischen Herausforderungen auseinandergesetzt, um anthropozentrische Haltungen in der Kunst zu hinterfragen. Mikroperformativität" bezeichnet einen aktuellen Trend sowohl in der performativen Kunstpraxis als auch in Theorien zu Performativität, menschliche Maßstäbe (sowohl räumlich als auch zeitlich) als dominante Bezugsebene zu destabilisieren und biologische und technologische Mikro-Agenturen zu betonen, die über den mesoskopischen menschlichen Körper hinaus die Unsichtbarkeit des Mikroskopischen mit der unbegreiflichen Grösse des Makroskopischen verbinden. Untersuchungen zur Mikroperformativität definieren neu, was Kunst, Philosophie und die Technowissenschaften heute als "Körper" betrachten, in Zeiten, in denen sich die Performancekunst in Richtung einer verallgemeinerten und allgegenwärtigen Performativität in der Kunst bewegt. Mikroperformative Positionen fragen danach, wie sich künstlerische Methoden kritisch mit Technologien auseinandersetzen können, die das Leben auf mikroskopischer und molekularer Ebene ausbeuten, um Bio- und digitale Medien zu verschmelzen, und globale Kapitalisierung von Leben als solchem ermöglichen. Wie können die performative Künste und Diskurse diese Prozesse informieren, um Biopolitik und Nekropolitik in Bezug auf die Dystopie der Ökonomie und die Utopie der Ökologie gleichermaßen zu denken?

Forschungsstätte(n)
  • Universität für angewandte Kunst Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Hans-Jörg Rheinberger, Max-Planck-Institut - Deutschland
  • Rosi Braidotti, Utrecht University - Niederlande
  • Jane Bennett, Johns Hopkins University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Karen Barad, University of California at Santa Cruz - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 9 Zitationen
  • 6 Publikationen
  • 1 Policies
  • 11 Künstlerischer Output
  • 6 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2020
    Titel Microbial Keywording
    DOI 10.1080/13528165.2020.1807755
    Typ Journal Article
    Autor Spiess K
    Journal Performance Research
    Seiten 56-62
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Transmaterial Becoming
    DOI 10.1080/13528165.2016.1223453
    Typ Journal Article
    Autor Spiess K
    Journal Performance Research
    Seiten 78-80
    Link Publikation
  • 2020
    Titel On Microperformativity
    DOI 10.1080/13528165.2020.1807739
    Typ Journal Article
    Autor Hauser J
    Journal Performance Research
    Seiten 1-7
    Link Publikation
  • 2020
    Titel ‘Agency is Everywhere’
    DOI 10.1080/13528165.2020.1807760
    Typ Journal Article
    Autor Hauser J
    Journal Performance Research
    Seiten 65-71
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Entangled Speech
    DOI 10.1080/13528165.2020.1882208
    Typ Journal Article
    Autor Spiess K
    Journal Performance Research
    Seiten 122-128
    Link Publikation
  • 2017
    Titel In/valuable Hare’s Blood
    DOI 10.1080/13528165.2017.1315989
    Typ Journal Article
    Autor Spiess K
    Journal Performance Research
    Seiten 115-122
    Link Publikation
Policies
  • 2019 Link
    Titel Founding the Angewandte Performance Lab
    Typ Influenced training of practitioners or researchers
    Link Link
Künstlerischer Output
  • 2020 Link
    Titel Microbial Keywording - ISEA
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Understanding - Art & Research, MAK, Vienna
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Exercises on the Counter-sexual Manifesto, Vienna Biennale for Change, Angewandte Innovation Lab
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Brain's Shit for Shit Brains, Installation and Performance, Vienna Design Week
    Typ Artwork
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Hare's Blood++, (Un)/(Split) Micro Performance and Macro Matters. Science&Art Festival, Muffathalle, Munich, Germany
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Mykovaluta, installation and performance, Palais of Arts - CairoTronica
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Mykovaluta/Metabolism (Installation), Stadtgalerie Lehen, Salzburg, Austria "Be my Guest. Possible Bodies - Bodies on the Borders of Uncertainty"
    Typ Artwork
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Relic Hunter, Performance (Performance and Installation), Opera of Entropy, Künstlerhaus Vienna
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2017 Link
    Titel Intervene for Reproductive Freedom, Bemis Center for Contemporary Art, Omaha, USA
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
  • 2017 Link
    Titel Hares Blood +, Installation and wall drawing, in "Chimeras", Bemis Center of Contemporary Arts, Omaha, USA
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2017 Link
    Titel Metabolic Currencies, Click Festival for Arts, Science and Techology, Helsingør, Denmark
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
Disseminationen
  • 2018
    Titel Public workshop, "Introduction to Metabolic Currencies" , Cairotronica
    Typ A talk or presentation
  • 2016 Link
    Titel The performative Biofact - Biotechnology and the Performing Arts, Subnet - Salzburg Platform for Media Art and Experimental Technologies
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Environment in Dialogue
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Curatorial Practice
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2017
    Titel On Microperformativity, LASER Talk NYC, Levy Arts
    Typ A talk or presentation
  • 2018 Link
    Titel Curatorial Practice
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2017
    Titel Special issue editor, Journal of Performance Research
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2018
    Titel Special Projects
    Typ Capital/infrastructure (including equipment)
    Förderbeginn 2018
  • 2018
    Titel Federal Ministry Republic of Austria -Arts, Culture, Civil Service and Sports
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2018

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