Konzepte von Entwicklung in Kenias postkolonialer Literatur
Concepts of development in postcolonial Kenyan writing
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
-
Post-colonial literature,
Development theory,
Kenya,
Narrative analysis,
Social and economic change,
East African literatures
Entwicklung - als politisches und ökonomisches Konzept - hat die globale Ordnung vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart entscheidend geprägt. Afrika ist der Kontinent, der kolonial und postkolonial am stärksten mit Entwicklung als einer historisch neuen Weise assoziiert wurde und wird, sozialen und wirtschaftlichen Wandel zu messen, zu planen, zu steuern und zu verwalten. Arturo Escobar prägte dafür den Begriff development encounter als einer historischen Erfahrung, die in ihrer Tragweite den colonial encounter abgelöst und überholt hat. In ihrem Projekt nähert sich Martina Kopf der Geschichte des development encounter am Beispiel Kenias anhand von Erzählungen und Geschichten, die sich damit verbinden. Wie werden Prozesse ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels in literarischen Texten reflektiert? Welche Erfahrungen verbinden sich damit, welche Bedeutungen? Welchen Wandel haben literarische Repräsentationen der Begegnung mit Entwicklung von der Unabhängigkeit bis zur Gegenwart durchlaufen? Das Projekt bringt populäre Erzählwelten in Dialog mit Trends und Debatten in Entwicklungstheorie und -forschung. Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf Romanen und Lebenserzählungen aus Kenia vom Ende der 1950er Jahre bis zur Gegenwart.
Dieses Projekt untersuchte das Denken von Entwicklung im afrikanischen Kontext auf Grundlage literarischer Texte kenianischer Autor*innen. In dieser Forschung ging es vor allem darum, Wege aufzuzeigen, wie Entwicklungstheorie und -praxis durch die Analyse von Romanen, Erzählungen und lebensgeschichtlicher Literatur neu betrachtet und kritisch reflektiert werden können. Die Fragen, die die Forschung leiteten, waren: Wie können wir etwas über Entwicklung wissen? Auf der Grundlage welchen Wissens und welcher Begrifflichkeit nähern wir uns gesellschaftlichem Wandel an? Aus wessen Perspektive? Wer profitiert von diesem Wissen? Welche Rolle spielen literarische und autobiographische Erzählungen afrikanischer Autor*innen, wenn es darum geht, zu verstehen, was Entwicklung im afrikanischen Kontext bedeutet? Diesen Fragen ging das Projekt durch die Analyse von Werken kenianischer Autor*innen zu Themen wie neoliberaler Globalisierung, Ökologie, Geschlechterbeziehungen und Stadtplanung nach, indem es literarische Texte im Kontext breiterer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten las und analysierte. Neben dem Aufbau eines Analysekorpus und der Analyse ausgewählter Texte wurden im Rahmen zweier Forschungsaufenthalte in Kenia Gespräche und Interviews mit Schriftsteller*innen, Literaturveranstalter*innen und -kritiker*innen geführt, und die Forschungsarbeit wurde an kenianischen Universitäten präsentiert und diskutiert. Die Ergebnisse wurden als Forschungsartikel und Buchkapitel publiziert, eine Monographie ist in Arbeit. Darüber hinaus ging es in diesem Projekt darum, transdisziplinäre Dialoge und Kooperationen zwischen Literatur- und Sozialwissenschaften im Bereich der Entwicklungsforschung und der Afrikawissenschaften voranzubringen. Dies geschah im Rahmen von zwei interdisziplinären Tagungen und durch die Herausgabe transdisziplinärer Themenhefte bei internationalen Wissenschaftszeitschriften. Ziel dabei war es, literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf das Denken und die Kritik von Entwicklung im afrikanischen Kontext zu eröffnen. So wie Diskurse und Praktiken von Entwicklung kein Thema sind, denen ein Fach allein gerecht werden kann, so sind die Einsichten daraus, wie afrikanische Autor*innen sozialen Wandel in ihrem Schreiben darstellen und interpretieren nicht nur für die Literaturwissenschaft relevant. Die literarischen Erzählungen afrikanischer Autor*innen geben Stimmen und Erfahrungen Raum, die aus institutionellen Entwicklungsdiskursen oft ausgeschlossen sind. Sie sind ein Ort, an dem Vorstellungen von einem guten Leben, von gesellschaftlicher und globaler Gerechtigkeit auf die Darstellung und Analyse von Faktoren treffen, die diese behindern oder fördern. Solch ein Raum selbstreflexiver Analyse und Interpretation ist in den Institutionen und Organisationen, die Entwicklung als Feld dominieren, wie auch im Feld der Entwicklungsforschung alles andere als selbstverständlich. Mit diesem Projekt hoffe ich, einen Beitrag dazu geleistet zu haben, eine Brücke von der Forschung im Feld afrikanischer Literatur zur Forschung im Feld von Entwicklung im afrikanischen Kontext geschlagen zu haben.
- Universität Wien - 100%
- Frank Schulze-Engler, Johann Wolfgang Goethe-Universität - Deutschland
- David Lewis, London School of Economics and Political Science - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 10 Zitationen
- 14 Publikationen
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2022
Titel African Cultural Imaginaries and (Post-)Development Thought DOI 10.1080/13696815.2022.2088483 Typ Journal Article Autor Kopf M Journal Journal of African Cultural Studies -
2019
Titel Africa is not far from here Typ Journal Article Autor Kopf M. Journal Global Cooperation Research: A Quarterly Magazine Seiten 11 Link Publikation -
2021
Titel Binyavanga Wainaina’s Narrative of the IMF-generation as Development Critique DOI 10.1080/13696815.2021.1976118 Typ Journal Article Autor Kopf M Journal Journal of African Cultural Studies Seiten 325-341 Link Publikation -
2024
Titel ALEXANDER FYFE — MADHU KRISHNAN (eds.): African Literatures as World Literature DOI 10.31577/wls.2024.16.1.11 Typ Journal Article Autor Kopf M Journal World Literature Studies Seiten 127-129 -
2024
Titel Changing the Frame: New Epistemic Frameworks and Social Transformation in African Feminist Theory DOI 10.1093/monist/onae014 Typ Journal Article Autor Graness A Journal The Monist Seiten 279-293 Link Publikation -
2024
Titel From ‘The World as a Place’ to ‘Cultures of (Un)homing in a Contemporary World’ DOI 10.1080/23277408.2024.2411646 Typ Journal Article Autor Kopf M Journal Eastern African Literary and Cultural Studies Seiten 153-165 Link Publikation -
2019
Titel Scattered testimony DOI 10.4324/9781315229546-24 Typ Book Chapter Autor Kopf M Verlag Taylor & Francis Seiten 354-368 -
2020
Titel Special Section on Literature and Literary Studies in Kenya - Preface Typ Journal Article Autor Kopf M. Journal Stichproben: Vienna Journal of African Studies Seiten 79-82 Link Publikation -
2020
Titel Review essay on "Dialogues on African Literature, Film and Theatre". LIFT - The Journal of Literature and Performing Arts, n1 (2019). Eldoret: Moi University Press Typ Journal Article Autor Kopf M. Journal Stichproben: Vienna Journal of African Studies Seiten 145-159 Link Publikation -
2020
Titel Looking at all the background behind the story: Interview with Doseline Kiguru Typ Journal Article Autor Kiguru D. Journal Stichproben: Vienna Journal of African Studies Seiten 119-128 Link Publikation -
2020
Titel Literatur in Nairobi und der Wunsch, Kenia neu zu erfinden Typ Journal Article Autor Kopf M. Journal Stichproben: Vienna Journal of African Studies Seiten 83-104 Link Publikation -
2019
Titel How do We Teach Feminist Theories Today? A Conversation DOI 10.1177/0141778919847397 Typ Journal Article Autor Graness A Journal Feminist Review Seiten 158-166 -
2019
Titel Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika DOI 10.36198/9783838551371 Typ Book Autor Graneß A Verlag utb -
2020
Titel 4. At Home with Nairobi’s Working Poor: Reading Meja Mwangi’s Urban Novels DOI 10.1515/9783110601183-004 Typ Book Chapter Autor Kopf M Verlag De Gruyter Seiten 98-120 Link Publikation