Familien und Ungleichheit: Trends in Bildungsunterschieden im Familienverhalten
Families and inequality: Trends in the education gap in family behaviour across Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Family,
Inequality,
Education,
Europe
Bisherige Studien haben gezeigt, dass Familien mit höherer Bildung eher zu Familienverhalten neigen durch das ihre Ressourcen steigen (späte Elternschaft, Müttererwerbstätigkeit, Zeit mit Kindern) während ihre niedriger gebildete Vergleichsgruppe zu Familienverhalten tendiert durch welches ihre Ressourcen sinken (uneheliches Zusammenleben, Scheidung und Trennung). Dieser Zusammenhang ist besonders für die USA gut dokumentiert. Über die Zeit hinweg haben sich die bildungsspezifischen Unterschiede im Familienverhalten in diesem Land zudem noch verstärkt und, damit einhergehend, verteilten sich die Lebenschancen von Kindern zunehmend ungleicher. Dieser Trend wurde sehr treffend als diverging destinies (auseinandergehende Schicksale) bezeichnet (S. McLanahan). In Europa jedoch ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Familienverhalten weniger deutlich ausgeprägt: in einigen Ländern gehen höher Gebildete eher uneheliche Lebensgemeinschaften ein oder weisen ein höheres Scheidungsrisiko auf. Zudem besteht eine Forschungslücke für europäische Länder vor allem aus vergleichender Perspektive in Bezug auf die Frage, wie sich Unterschiede in familienbezogenem Verhalten über die Zeit hinweg zwischen Familien mit unterschiedlichem Bildungsniveau entwickelt haben. Dieses Projekt setzt sich zum Ziel, diese Forschungslücke zu schließen indem es vergleichend für europäische Länder Veränderungen im bildungsspezifischen Verhalten hinsichtlich (a) Lebensformen (ehelich, unehelich, alleinerziehend), (b) Mütter- und Vätererwerbstätigkeit und (c) Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, untersucht. Diese Forschungsfragen werden mittels verschiedener quantitativer Methoden und auf Basis mehrerer bestehender Datenquellen bearbeitet: der EU Arbeitskräfteerhebung, den Generations and Gender Surveys und Zeitverwendungserhebungen. Abhängig von Thema und Verfügbarkeit der Daten, werden entweder 4-7 europäische Länder in einem einheitlichen Rahmen analysiert oder es werden mehr als 20 Länder inkludiert, wobei der Makrokontext in Mehrebenenmodellen oder Makromodellen einbezogen wird. Dieses Projekt lässt sich einem breiteren Forschungsstrang innerhalb der Soziologie und Demographie zuordnen, welcher die Zusammenhänge zwischen Bildung, Erwerbstätigkeit und Familie erforscht. Das Projekt ist innovativ, als es Evidenz für Europa liefert, welche bisher kaum vorhanden ist, und eine Analyse über Zeit und Raum hinweg vornimmt und daher imstande ist, diverse institutionelle und kulturelle Settings zu berücksichtigen. Darüber hinaus betrachtet das Projekt verschiedene Arten von familienbezogenem Verhalten, welche mit unterschiedlichen Ressourcen verknüpft sind und daher das Wohlergehen von Familien und die Lebenschancen von Kindern beeinflussen. Dieses umfassende Design erlaubt es uns, bisherige Ergebnisse, die (zumindest teilweise) bruchstückhaft sind und nur für einzelne Länder gelten, in einen breiteren Kontext zu stellen.
Wie sich Bildung auf das Familienleben auswirkt In Europa ist die Frage, wie sich der Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Familienleben langfristig entwickelt und welche Länderunterschiede es dabei gibt, noch wenig erforscht. In diese Forschungslücke stößt das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt "Familien und Ungleichheit: Trends in Bildungsunterschieden im Familienverhalten" vor. Caroline Berghammer vom Institut für Soziologie der Universität Wien und vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften arbeitet mit einem internationalen Team an der Analyse der von Land zu Land jeweils unterschiedlich ausgeprägten Zusammenhänge. Die Erkenntnisse könnten auch für sozialpolitische Überlegungen relevant sein. Etwa für die Frage, welche Unterstützungsleistungen Familien erhalten sollten. Ein bekannter Trend, der durch eine Reihe früherer Studien dokumentiert ist, zeigt, dass Menschen mit höherer Bildung eher zu einem Familienverhalten neigen, das ihren Ressourcen zuträglich ist - sowohl ihren wirtschaftlichen Interessen als auch ihren sozialen Bedürfnissen: Sie werden erst später im Leben Eltern, räumen der Zeit mit den Kindern dann aber einen höheren Stellenwert ein. Mütter sind dennoch eher erwerbstätig. Niedriger Gebildete neigen dagegen häufiger zu unehelichen Verbindungen, es kommt auch öfter zu Scheidung oder Trennung. Insbesondere in den USA ist die Schere zwischen höher und niedriger Gebildeten in Bezug auf ihr Familienverhalten in den letzten Jahrzehnten weiter auseinandergegangen. Ein allgemeiner Trend, der die gesellschaftlichen Entwicklungen im Bereich der Geschlechterrollen in Europa widerspiegelt, betrifft den Bildungshintergrund alleinerziehender Frauen. "In den 1970er-Jahren sehen wir einen positiven Bildungsgradienten bei Alleinerziehenden. Ein Kind allein aufzuziehen, war damals ein neues Familienverhalten, mit dem man sich gegen landläufige Normen durchsetzen musste und das einen hohen Ressourcenaufwand bedeutet hat. Diesen Weg gingen damals eher höher Gebildete", erklärt die Soziologin. "In den 1980er-Jahren hat sich der Trend dann umgedreht. Immer mehr niedrig Gebildete wurden zu Alleinerziehenden." Je nach europäischem Land ist dieser Trend jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt. Eine weitere Studie, die im Zuge des Projekts entstand, widmet sich der Frage, ob Eltern den Eindruck haben, dass sie genug Zeit mit ihren Kindern verbringen. "Über ganz Europa hinweg sagen Väter häufiger, dass sie zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen. Doch auch bei den Müttern ist diese Aussage keineswegs rar", betont Berghammer. "In Österreich schätzt etwa ein Viertel der Mütter die Zeit mit ihren Kindern als zu gering ein. Das ist wenig im Vergleich zu Süd- und Osteuropa, wo die Arbeitsmärkte rigider sind und wenig Teilzeit- oder Homeoffice-Varianten zulassen." Auffallend ist, dass sich höher Gebildete höhere Anforderungen setzen: "Ihre Ideale und Verhaltensnormen zeigen eine Kindererziehung, die viel intensiver ist als früher", sagt die Soziologin. "Dazu passt, dass die höher Gebildeten auch öfter sagen, dass sie zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen - selbst wenn es ebenso viel ist wie bei den niedriger gebildeten Vergleichspersonen." Mehr: https://scilog.fwf.ac.at/kultur-gesellschaft/15887/wie-sich-bildung-auf-das-familienleben-auswirkt
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 20 Zitationen
- 5 Publikationen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Is single parenthood increasingly an experience of less-educated mothers? A European comparison over five decades DOI 10.4054/demres.2024.51.34 Typ Journal Article Autor Berghammer C Journal Demographic Research Seiten 1059-1094 Link Publikation -
2021
Titel Felt deficits in time with children: Individual and contextual factors across 27 European countries DOI 10.1111/1468-4446.12899 Typ Journal Article Autor Berghammer C Journal The British Journal of Sociology Seiten 1168-1199 Link Publikation -
2022
Titel sj-docx-1-asj-10.1177_00016993221083226 - Supplemental material for Growing inequality during the Great Recession: Labour market institutions and the education gap in unemployment across Europe and in the United States DOI 10.25384/sage.19442225.v1 Typ Other Autor Adserà A Link Publikation -
2022
Titel sj-docx-1-asj-10.1177_00016993221083226 - Supplemental material for Growing inequality during the Great Recession: Labour market institutions and the education gap in unemployment across Europe and in the United States DOI 10.25384/sage.19442225 Typ Other Autor Adserà A Link Publikation -
2022
Titel Growing inequality during the Great Recession: Labour market institutions and the education gap in unemployment across Europe and in the United States DOI 10.1177/00016993221083226 Typ Journal Article Autor Berghammer C Journal Acta Sociologica Seiten 374-397 Link Publikation
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2021
Titel FWF Stand-Alone Project (Urgent Funding SARS-CoV-2) Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021