(De)komposition des slawischen Wortes
(De)composing the Slavic Word
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Slavic Languages,
General Linguistics,
Comparative Linguistics,
Morphology,
Closing suffixation
Eine Sprache, die morphologische Beziehungen mittels Suffigierung ausdrückt, hat normalerweise eine signifikante Menge von Suffixe, von denen man erwartet, dass sie sich miteinander verbinden und eine große Zahl von Kombinationen eingehen. Aber von allen in einer Sprache theoretisch möglichen Kombinationen wird nur eine begrenzte Zahl realisiert. So kann man etwa an deutsche Substantiva für männliche Personen, wie Lehr-er (vom Verb lehr-en), das Suffix -in anhängen, um eine weibliche Person auszudrücken, also: Lehrer-in. An das Produkt Lehrerin können jedoch keine weiteren Suffixe gefügt werden. Suffixe wie -in nennt man daher schließende (closing suffixes`, Aronoff und Fuhrhop 2002). Der schließende Charakter von -in erklärt, weshalb man im Deutschen nicht *Lehrerin-chen sagen darf. Das deutsche Wort Lehrerin kann zwar in Zusammensetzungen verwendet werden; falls es aber als erstes Kompositionsglied eingesetzt wird, benötigen wir dazu ein Verbindungselement, welches die Bildung Lehrerin gleichsam "öffnet". Deshalb finden wir in Lehrerinn-en- zimmer das Verbindungsmorphem -en-, während Mutter-tag ohne solches Verbindungsmorphem auskommt. Es stellt sich nun die Frage, weshalb nicht alle Suffixe mit einander kombinierbar sind? Wenn Derivation prototypisch die Wortklasse ändert, weshalb lässt sich dann nicht von jedem derivierten Wort ein neues Substantiv, Verb oder Adjektiv bilden? Was verhindert die weitere Anreihung von Suffixen? Das sind nur einige der Probleme, die in diesem Projekt behandelt werden sollen. Im Projekt werden wir zunächst die Restriktionen von Suffixkombinationen in den drei slawischen Sprachen Bulgarisch, Russisch und Polnisch als schließende Suffixe definieren, deren Analyse dann aus vergleichender Perspektive erfolgen soll. Letzten Endes soll dabei ermittelt werden, ob schließende Suffixe sprach- oder sprachfamilienspezifisch sind oder überhaupt universell definierbar sind. Ein weiteres Anliegen des Projekts ist es, zur Diskussion über die Organisation der Grammatik und des Lexikons beizutragen: und zwar sowohl über die Natur des Unterschieds zwischen Derivation und Flexion bzw. deren formellen Ausdruck, als auch über die Art und Weise, wie morphologische Einheiten und die Restriktionen von deren Kombinationen im mentalen Lexikon gespeichert sind. Die innovativen Aspekte des Projekts beziehen sich also auf die Erforschung von: (1) schließenden Suffixen und den morphologischen Regeln, die steuern, wie sie angehängt werden (Suffigierung durch Addition vs. Suffigierung durch Substitution eines anderen Suffixes); (2) schließenden Suffixen und den morphonologischen Alternationen, die sie verursachen; (3) schließenden Suffixen und Typen von Basen, an die sie angehängt sind; ferner (4) der Rolle der Diminutivierung in schließender Suffigierung; und schließlich (5), ob es eine Beziehung zwischen schließenden Suffixen und der sog. Subtraktion gibt. Man darf voraussetzen, dass dies auch weiteres Licht auf die Rolle der Prototypen, der Ikonizität und der Transparenz in der Morphologie werfen wird.
- Universität Wien - 100%
- Russelina Nitsolova, University of Sofia - Bulgarien
- Alicja Nagorko, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
- Bogdan Szymanek, Catholic University of Lublin - Polen
- Vladimir Plungian, Lomonosov Moscow State University - Russland
- Mark Aronoff, State University of New York at Stony Brook - Vereinigte Staaten von Amerika