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Poetiken der Bewegung. Tanztexte 1800, 1900, 2000

Poetics of Movement. Dance Texts 1800, 1900, 2000

Rita Rieger (ORCID: 0000-0002-5944-2992)
  • Grant-DOI 10.55776/V660
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2018
  • Projektende 30.09.2023
  • Bewilligungssumme 362.376 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Kunstwissenschaften (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)

Keywords

    Dance, Figuration, Emotion, Scene, Writing, Scenario

Abstract Endbericht

Tanztexte behandeln ein besonderes Konzept von Bewegung, wie es in modernen Verständnissen von Wirklichkeit, Subjekt und Kunst verwendet wird. Diese Texte greifen die Doppelbedeutung von Bewegung im Sinne von tänzerischer und emotionaler Bewegung auf. Außerdem bringen sie auch Überlegungen zur Schreibbarkeit von Bewegung zum Ausdruck. Dennoch wurde diese spannungsreiche und produktive Konstellation Tanz, Emotion, Schreiben bisher kaum erforscht. Das vorliegende Projekt möchte diese Forschungslücke schließen. Dabei zielt das Projekt darauf ab, erstmals literaturwissenschaftliche, emotionstheoretische und tanzästhetische Perspektiven zusammenführen. Forschungsleitend ist die Annahme, dass Tanztexte die Komponenten Tanz, Emotion und Schreiben thematisch und/oder strukturell in ein produktives Verhältnis setzen. Dadurch werfen sie Fragen der Darstellung und Kommunikation von sozialen, ästhetischen und medialen Prozessen auf, sowie Fragen zum Wandel der Wissenssysteme. Die daraus resultierende Spannung ermöglicht spezifische Poetiken, die sich als Poetiken der Bewegung bezeichnen lassen. Basierend auf detaillierten Analysen, vergleicht und kontrastiert das Projekt vorwiegend französische Tanztexte um 1800, 1900 und 2000, da französische Texte in der Diskussion von Bewegung einen großen Stellenwert hatten und noch immer haben. Zum Kernkorpus zählen Texte von Abbé du Bos, Jean-Georges Noverre, André Levinson, Stéphane Mallarmé, Paul Valéry, William Forsythe, Jérôme Bel und Anne Teresa De Keersmaeker. Die gewählten Zeiträume sind typische Beispiele für Umschwünge in modernen Subjekt-, Kunst- und Wirklichkeitsvorstellungen. Diese Umschwünge werden in Innovationen im Bühnentanz genauso wie in der Emotionsforschung deutlich. Tanztexte reflektieren diese Umschwünge und zeigen sie auch auf, indem sie Bewegung als zentrales Element der modernen Ästhetik behandeln. Die Untersuchung dieser Texte und ihrer Reflexionen ermöglicht es, eine komparatistische Analyse der ihnen zugrundeliegenden Poetiken der Bewegung durchzuführen. Methodologisch führt das Projekt Ansätze der Tanz-, Emotions- und Schreibforschung zusammen und zieht Figur, Szene sowie Szenario als Leitkategorien heran. Konkret konzentriert sich die Textanalyse auf die körperlich-ästhetische Figur der Tänzer/innen, auf die schriftliche Inszenierung von psychophysischen Bewegungen und das damit korrelierende (emotionale) Selbstverständnis der Schreibenden. Das Projekt möchte die Relevanz von Tanz für die modernen Künste und die Literatur aufzeigen. Außerdem wird das Projekt erstmals psychophysische Bewegung als wesentlichen Aspekt moderner Poetiken und Ästhetiken beschreiben.

Die in dieser Studie erfolgte vergleichende Gegenüberstellung vorwiegend französischer Tanztexte an drei historischen Umbruchsphasen ermöglichte Einblicke in die Ausdifferenzierung eines auf die Moderne verweisenden Bewegungsverständnisses und 'Schreiben' als literarisches Verfahren. Die Habilitationsschrift als erster Schwerpunkt behandelt tanztheoretische Texte des 18. Jahrhunderts und deren Vorläufer, insbesondere Texte von Arbeau, Ménestrier, Feuillet, Rameau, Weaver, Cahusac und Noverre sowie bewegungs- und emotionstheoretische Texte von Descartes, Du Bos, Batteux, d'Holbach, Diderot und den Enzyklopädisten. Einzelne Aufsätze zu Paul Valérys Tanztexten und dem kooperativen Publikationsprojekt zwischen der Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und der Musikwissenschaftlerin Bojana Cvejić sowie die Herausgabe des interdisziplinären Sammelbandes Bewegungsszenarien der Moderne. Theorien und Schreibpraktiken physischer und emotionaler Bewegung (2021) geben exemplarische Einblicke in die Wendephasen um 1900 und 2000 und fungieren als zweiter und dritter Schwerpunkt. Die Texte wurden jeweils als Diskurs-Praxis-Formationen untersucht, da sie nicht nur Schreib-, Emotions- und Tanzpraktiken präsentieren, sondern auch deren Diskursivierungen sowie die Aneignung und Weiterentwicklung dieser Praktiken anstoßen. Im Zentrum der Forschung stand die Frage, wie Bewegung im doppelten Sinn als physische und emotionale Bewegung im und durch das Schreiben vermittelt werden kann. Methodisch stützte sich die Textanalyse auf die transdisziplinären Kategorien der 'Figur', der 'Szene' und des 'Szenarios' und trägt dadurch zu einer Konsolidierung von literatur- und kulturwissenschaftlichen, emotionstheoretischen und tanzwissenschaftlichen Perspektiven bei. Die Darstellungsform einzelner Bewegungskonzepte basiert auf einer Verknüpfung unterschiedlicher Wissensbereiche und kultureller Praktiken, die von Philosophie, Anatomie, Physik und Chemie bis hin zu Tanz, Literatur, Malerei und Historiographie reicht und eine Unterscheidung der Texte anhand spezifischer Poetologien der Bewegung ermöglicht. Hierbei orientierte sich die Analyse am 'Sagen' von Bewegung, das von einer anschaulichen Beschreibung respektive eines 'Zeigens' der Bewegung und eines 'Sich-Zeigens' des Textes abgegrenzt wurde. Die in den Tanzwissenschaften geläufige Bezeichnung 'Tanztext' wurde derart für literatur- und kulturwissenschaftliche Analysen geschärft. In Tanztexten fallen damit nicht nur Theorien und Praktiken des Tanzens zusammen, sie thematisieren auch die dem Wandel unterzogenen Schreibpraktiken und das Schriftwissen der Tanztheoretiker:innen sowie Möglichkeiten und Grenzen literarischer Beschreibungskenntnisse, die zugleich reflektiert und inszeniert werden. Die Widerstände in der transmedialen Übertragung von >Tanz< in >Text<, aber auch die Notwendigkeit der Entwicklung alternativer Schreibformen durchziehen hierbei als Topos die Texte von Arbeaus Orchésographie angefangen bis hin zu De Keersmaekers A Choreographer's Score. Dass in keinem der untersuchten Texte die Schrift als neutrales Medium wahrgenommen wird, kann als Hinweis auf ein modernes Literaturverständnis erachtet werden, das Texte von und über Tanz als kulturell bedingt und kulturbildend zugleich versteht. Von kulturwissenschaftlichem Interesse ist zudem die Erkenntnis, dass Bewegungskonzepte bereits in Tanztexten des 18. Jahrhunderts auf ein holistisches Menschenbild vorausweisen, das den Menschen über eine Verbindung von physischen, geistigen, emotionalen und affektiven Aspekten charakterisiert sowie als eingebettet in Praktiken des Zeichen-, Symbol- und Mediengebrauchs sowie des Handelns versteht.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 12 Publikationen
Publikationen
  • 2020
    Titel Das Schreiben von und über Tanz
    DOI 10.14361/9783839449615-014
    Typ Book Chapter
    Autor Rieger R
    Verlag Transcript Verlag
    Seiten 223-240
  • 2021
    Titel Zur Inszenierung kooperativer Autorschaft – Imperative künstlerisch-wissenschaftlicher Schreibszenen in Anne Teresa De Keersmaekers und Bojana Cvejics „A Choreographer’s Score”
    DOI 10.14220/9783737013390.159
    Typ Book Chapter
    Autor Rieger R
    Verlag Brill Deutschland
    Seiten 159-182
  • 2023
    Titel Unamunos Bienengleichnis; In: Brüchige Ehen - Alternative Konzeptualisierungen partnerschaftlicher Sozialität in der Romania um 1900
    DOI 10.14361/9783839463536-005
    Typ Book Chapter
    Verlag transcript Verlag
  • 2023
    Titel An Iterative Poetics of Writing Facts; In: Writing Facts - Interdisciplinary Discussions of a Key Concept in Modernity
    DOI 10.14361/9783839462713-014
    Typ Book Chapter
    Verlag transcript Verlag
  • 2023
    Titel Jean-Georges Noverre et le ballet en action : une approche fonctionnelle de l'écriture de la danse; In: Écrire la danse, danser l'écrit - Schriftsteller, Tänzer und Choreographen zwischen den Künsten / Écrivains, danseurs et chorégraphes entre les arts
    DOI 10.1515/9783110788020-002
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2022
    Titel Paul Valéry: Ego scriptor – Schreiben im Spannungsfeld von Schreibvergnügen und ennui
    DOI 10.1515/9783110792447-012
    Typ Book Chapter
    Autor Rieger R
    Verlag De Gruyter
    Seiten 237-260
  • 2021
    Titel Bewegungsszenarien Der Moderne: Theorien Und Schreibpraktiken Physischer Und Emotionaler Bewegung
    Typ Book
    Autor Rieger Rita
    Verlag Universitatsverlag Winter
  • 2021
    Titel Figur – Szene – Szenario
    DOI 10.33675/2021-82537264-2
    Typ Book Chapter
    Autor Rieger R
    Verlag Universitatverlag WINTER Heidelberg
    Seiten 21-37
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Bewegungsszenarien der Moderne
    DOI 10.33675/2021-82537264-1
    Typ Book Chapter
    Verlag Universitatverlag WINTER Heidelberg
    Seiten 7-19
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Paul Valérys tänzerische Schreibpraktiken. Analogie als Analysekategorie zwischenräumlicher Bewegungen; In: Schreibprozesse im Zwischenraum. Zur Ästhetik von Textbewegungen
    Typ Book Chapter
    Autor Rieger R
    Verlag Universitätsverlag Winter
    Seiten 229-245
  • 2018
    Titel Zwischenräume: >Bewegung und Schreiben<; In: Schreibprozesse im Zwischenraum. Zur Ästhetik von Textbewegungen
    Typ Book Chapter
    Autor Knaller S.
    Verlag Winter
    Seiten 189-192
  • 2018
    Titel Schreibprozesse Im Zwischenraum: Zur Asthetik Von Textbewegungen
    Typ Book
    Autor Clare Jennifer
    Verlag Universitatsverlag Winter

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