Der Zweite Weltkrieg in post-sozialistischen Gedenkmuseen
World War II in Post-Communist Memorial Museums
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (20%); Politikwissenschaften (50%)
Keywords
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Communism,
Central East Europe,
World War II,
Europeanization of Memory,
National Socialism,
Memorial Museums
Das Projekt untersucht, wie der Zweite Weltkrieg in großen, staatlich finanzierten postsozialistischen Gedenkmuseen repräsentiert wird, die nach 1989 (wieder-)eröffnet wurden. Den Kontext der Untersuchung bilden die Europäisierung der Erinnerung und die Bemühungen, Geschichte nach dem Fall der kommunistischenRegimeneuzu erzählen. Diese kultur-, geschichts- und politikwissenschaftliche Studie vergleicht Ausstellungen in Gedenkmuseen von EU-Mitgliedstaaten in Ostmittel- und Südosteuropa, und zwar: die Museen der Okkupation in Tallinn und Riga, das Museum der Genozidopfer in Vilnius, das Museum des Warschauer Aufstands, die Gedenkstätte Terezin, das Museum des Slowakischen Nationalaufstandes, das Haus des Terrors und das Holocaust- Gedenkzentrum in Budapest, das Zeitgeschichte-Museum in Ljubljana sowie das Jasenovac- Gedenkmuseum. Auch das Fehlen solcher großer Museen des Zweiten Weltkrieges in Bulgarien und Rumänien wird untersucht. Im Fokus steht die Frage, wie der Zweite Weltkrieg in jenen Ländern repräsentiert wird, in denen der post- bzw. antikommunistische Diskurs vorherrscht. Über einen bloßen Überblick über die Museen, ihre Entstehungsgeschichte und die Frage, was sie repräsentieren, hinausgehend, wird untersucht, wie doppelte bzw. dreifache Okkupation und der Holocaust, Opfernarrative und Kollaboration in den jeweiligen Ländern verhandelt werden, sowie welche Auswirkungen die EU-Beitrittsbemühungen auf dieses Aushandeln hatten. Dass einige Ausstellungen nach 1989 mehr als einmal verändert wurden, erlaubt uns, die Dynamik der Opfernarrative und der selbstkritischen Aufarbeitung zu untersuchen. Wie rekurrieren Museen auf europäische Standards und inwieweit übernehmen sie den von Holocaust-Museen ausgehenden archetypischen Trend, das individuelle Opfer in den Mittelpunkt zu rücken. Das Projekt wird somit die erste Typologie von Museen des Zweiten Weltkrieges in post- sozialistischen EU-Mitgliedsstaaten. Die auf Gedächtnis- und Museumstheorien aufbauende Untersuchung findet auf drei Analyseebenen statt: Erstens werden Standort und Rolle der Museen in der Gesellschaft untersucht, und zwar mithilfe von Katalogen, Publikationen der MuseumsvertreterInnen und der -webseiten wobei diese vorerst als (kritisch zu prüfende) Informationsquellen verstanden und noch keiner Diskursanalyse unterzogen werden sowie Interviews mit Museumsangestellten. Zweitens wird das Leitnarrativ der Ausstellung anhand folgender Quellen analysiert: der ständigen Ausstellungen selbst, Publikationen der und Interviews mit MuseumsvertreterInnen, Kataloge und Museumswebseiten. Drittens erfolgt eine Untersuchung der Rolle von Objekten, Fotografien, Videos und Texten, wobei zwischen authentischen und konstruierten Objekten sowie jenen reinen Installationen unterschieden wird, in denen die Vergangenheit als etwas zum Anfassen, Riechen und Hindurchgehen inszeniert wird. Die Ausstellungstexte und Kataloge werden einer Diskursanalyse unterzogen.
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen Geschichtspolitik zwischen der 'Anrufung Europas' und dem Fokus auf 'unser' Leid Im Vordergrund des Projektes stand das Gedenkmuseum als tragende Säule, als Flaggschiff der Geschichtspolitik des jeweiligen Landes im Kontext transnationaler politischer Prozesse. Die zentrale Frage der Habilitation war, wie die Zeit des Zweiten Weltkriegs in großen, öffentlich (mit-)finanzierten Gedenkmuseen, die nach 1989 (wieder-)eröffnet wurden, in den elf osteuropäischen EU-Mitgliedsländern dargestellt wird - sowie welche Auswirkungen die EU-Beitrittsbemühungen auf dieses Aushandeln hatten und autoritäre Tendenzen heute haben. Damit liegt die erste Typologie von Museen über die Zeit des Zweiten Weltkrieges in allen postsozialistischen EU-Mitgliedsstaaten vor. Unterschieden wurde zwischen zwei Gruppen in Bezug auf die Kommunikation mit 'Europa' während der EU-Beitrittsverhandlungen: - Museen, die eine 'Anrufung Europas' betrieben, das 'Europäischsein' des jeweiligen Landes also dadurch unter Beweis stellen wollten, dass sie von 'westlichen' Holocaustmuseen ausgehende Musealisierungstrends übernahmen - dunkle Ausstellungsräume, die erstmalige individualisierende Darstellung vor allem von Holocaust-Opfern, die Inklusion der Roma-Opfer und die Auseinandersetzung mit eigener Verantwortung und Kollaboration; - Museen, die von 'Europa' forderten, 'unser' Leiden unter dem Stalinismus bzw. 'Kommunismus' anzuerkennen und bestrebt waren, die Erinnerung an die nationalsozialistische Besatzung und den Holocaust 'einzudämmen', damit sie die 'eigene' kollektive Opfererzählung nicht überschreiben. In den letzten Jahren hat sich diese Zuordnung insbesondere in den baltischen Ländern, teils nach einem Generationenwechsel, durch neue Dauerausstellungen und Museumsumbenennungen leicht verändert. Untersucht wurde aus jedem 'osteuropäischen' EU-Mitgliedsland ein repräsentatives, bei Staatsbesuchen vorgeführtes Gedenkmuseum - wenn möglich in der Hauptstadt -, das der Zeit des Zweiten Weltkriegs gewidmet ist. Systematisch analysiert wurden: das Museum der Okkupationen in Tallinn, das Museum der Okkupation Lettlands, das Museum der Genozidopfer in Vilnius, das Museum des Warschauer Aufstands, die Gedenkstätte Terezn (Museum der Kleinen Festung und Ghetto-Museum), das Museum des Slowakischen Nationalaufstandes in Bansk Bystrica, das Haus des Terrors und das Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest, das Zeitgeschichte-Museum in Ljubljana sowie das Jasenovac-Gedenkmuseum in Kroatien. Untersucht wurde auch das Fehlen solcher großer mit dem Zweiten Weltkrieg befasster Gedenkmuseen in Sofia und Bukarest. Neben den zehn ständigen Ausstellungen wurden 52 Museumsführer untersucht, die diese Institutionen im Laufe der Zeit publiziert haben. Dadurch konnte auch der Wandel des geschichtspolitischen Narrativs analysiert werden. In der sozialistischen Ära stach in Terezn, Bansk Bystrica und Jasenovac vor allem der Unterschied zwischen dem Aufbrechen von Tabus in den liberaleren 1960ern im Gegensatz zu den repressiveren Phasen davor und danach hervor. Im Zuge der Transformationsprozesse nach 1989 konnten erstmals auch staatssozialistische Verbrechen in den Museen thematisiert werden. Aktuell findet nach der "Europäisierung der Erinnerung" im Zuge der EU-Beitrittsbemühungen insbesondere in Ungarn und Polen zeitgleich mit der zunehmend autoritären Infragestellung demokratischer checks and balances durch die Parteien Fidesz und PiS eine Umgestaltung der Museumslandschaft unter geschichtsrevisionistischen Vorzeichen statt.
- Svetla Kazalarska, Sofia University St. Kliment Ohridski - Bulgarien
- Aleida Assmann, Universität Konstanz - Deutschland
- Tomas Sniegon, Lund University - Schweden
- Barbara Lášticová, Slovak Academy of Sciences - Slowakei
- Oto Luthar, Research Centre of the Slovenian Academy of Sciences and Arts - Slowenien
- Stuart Burch, Nottingham Trent University - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 10 Zitationen
- 4 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2020
Titel Terezn und Jasenovac - Umkämpfte Gedenkstätten vor und nach 1989; In: Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen in Zentraleuropa DOI 10.1515/9783110717679-003 Typ Book Chapter Verlag De Gruyter -
2021
Titel Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen, Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid DOI 10.1515/9783110722055 Typ Book Verlag De Gruyter Link Publikation -
2019
Titel Commemorating Bleiburg - Croatia's Struggle with Historical Revisionism Typ Journal Article Autor Ljiljana Radonić Journal Cultures of History Forum Link Publikation -
2019
Titel The Holocaust Template – Memorial Museums in Hungary, Croatia and Bosnia-Herzegovina DOI 10.20901/an.15.06 Typ Journal Article Autor Radonic L Journal Anali Hrvatskog politološkog društva casopis za politologiju Seiten 131-154 Link Publikation
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2019
Titel Young Academy of the Austrian Academy of Sciences Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad National (any country)
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2019
Titel ERC Consolidator Grant Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2019 Geldgeber European Research Council (ERC)