Interaktionen in der Ethnologie: Frankfurt und Wien, 1925-1950
Interactions in Anthropology: Frankfurt and Vienna before the mid-20th century
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (15%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (55%)
Keywords
-
Social and Cultural anthropology,
Sociology Of Knowledge,
History of Anthropology,
Academic Network,
Cultural historical concept
Betrachtet man die Verbindungen von Wiener Völkerkundlerinnen und Völkerkundlern zu deutschen fachspezi- fischen Instituten und Museen von der Zwischenkriegszeit bis in die unmittelbaren Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, so fallen die vergleichsweise intensiven und kontinuierlichen Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt auf. Dies gilt für verschiedene Fachvertreterinnen und Fachvertreter und gestaltetete sich offen- sichtlich in jenen drei Jahrzehnten weitgehend unabhängig von der jeweiligen politischen und ideologischen Haltung, selbst zur Zeit der NS-Diktatur. Als Erklärung hierfür bietet sich an, dass sowohl Wien als auch Frankfurt gewissermaßen Hochburgen der kul- turhistorischen Schule innerhalb der Völkerkunde darstellten, wenngleich diese auf unterschiedlichen und auch wechselnden, z.B. religiösen oder rassistischen Grundannahmen basierte. Andernorts wandten sich viele Völ- kerkundler funktionalistischen, psychologisch-orientierten oder anderen tendenziell gegenwartsbezogenen An- sätzen zu. Gegenstand der kulturhistorischen Richtung war hingegen meist das historisch ausgerichtete Aufde- cken sogenannter Kulturkreise oder Kulturareale mit ihren jeweiligen Ausstrahlungs-Zentren. Dies war eine der bedeutendsten völkerkundlichen Ansätze in Österreich und Deutschland jener Zeit und beeinflusste andere Dis- ziplinen, wie z.B. Volkskunde, Archäologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Kunstgeschichte. Ziel des Projektes Interaktionen in der Ethnologie zwischen Wien und Frankfurt... ist zu analysieren, welche konkrete Bedeutung der kulturhistorische Ansatz mit häufig differierenden Paradigmen für einzelne Kontakte zwischen den verschiedenen Völkerkundlern während der rund drei Jahrzehnte hatte, und wie sich die jeweili- gen Beziehungen gestalteten, als in Österreich und Deutschland unterschiedliche politische Systeme herrschten, im Fach über die Bedeutung der sogenannten Rassenkunde diskutiert wurde, insbesondere in Deutschland die meisten Völkerkundler den Verlust der ehemals deutschen Kolonien beklagten und sich für die Rückgewinnung einsetzten. Anhand von Interviews, Archivmaterial, Primär- und Sekundärliteratur wird der Fragen nachgegan- gen, inwiefern sich Kontroversen und Übereinstimmungen innerhalb der unterschiedlichen kulturhistorischen Ansätze sowohl in Korrespondenzen als auch in Publikationen ausdrückten, inwieweit die Ablehnung anderer Ansätze ein verbindendes Element darstellte und welche Rolle die jeweilige politische Positionierung spielte. Konkret im Hinblick auf den Nationalsozialismus soll geprüft werden, welche Bedeutung die jeweilige Haltung zum Regime sowohl für den Forschungsansatz als auch für die einzelnen Kontakte zwischen den Gelehrten hatte. Allgemein soll die Studie einen Beitrag hinsichtlich der Frage liefern, wie eng persönliche Kontakte und wis- senschaftliches Arbeiten miteinander verbunden waren und in welchem Ausmaß ähnliche wissenschaftliche Ansätze starke Differenzen auf anderem Gebiet, auch in Krisen-Zeiten und totalitärem System, überbrücken konnten. Das geplante Projekt ist damit für Kultur- und Sozialanthropologie, für moderne Geschichte und weite- re Disziplinen von Bedeutung, die sich mit ähnlichen Fragen befassen, und nicht zuletzt für die Wissenssoziolo- gie, da die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Arbeit im Kontext ihrer Netzwerke, ihrer regionalen Verortung und der unterschiedlichen politischen Systeme zu verschiedenen Zeiten betrachtet werden sollen.
- Universität Wien - 100%