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Der k.u.k. Militärgeheimdienst und Russland, 1867-1914

Austro-Hungarian Military Intelligence and Russia, 1867-1914

Verena Moritz (ORCID: 0000-0001-5574-5219)
  • Grant-DOI 10.55776/V700
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2019
  • Projektende 30.09.2025
  • Bewilligungssumme 157.786 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (25%); Andere Sozialwissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (50%)

Keywords

    Evidenzbureau, Perceptions, Military Intelligence, Habsburg Monarchy, Russia, Espionage

Abstract Endbericht

Vor über 30 Jahren haben Historiker intelligence als missing dimension der Geschichtsschreibung bezeichnet. Seit damals allerdings hat intelligence history einen rapiden Aufschwung erlebt. Ungeachtet dessen liegen einige Felder dieses breiten Forschungsgebietes immer noch brach. In diesem Zusammenhang wurde auf weiße Flecken nicht zuletzt in Hinblick auf die Frühzeit der Geheimdienste hingewiesen. Gemeint ist hier die Erforschung der Entwicklung professioneller und institutionalisierter geheimer Dienste vor dem Hintergrund der vielgestaltigen Veränderungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Diese wiederum treffen zusammen mit den Rahmenbedingungen für die Entstehung moderner Verfassungs- und Verwaltungsstaaten und beziehen sich auf die Neuformierung der europäischen Bündnissysteme, auf eine Vielzahl technischer Neuerungen oder die Herausbildung von Massenmedien ebenso wie auf diverse Demokratisierungsschübe mit ihren unterschiedlichen Folgewirkungen. Vor diesem Hintergrund avancierten Geheimdienste nach und nach zu permanenten Beratern und Partnern von Entscheidungsträgern auf unterschiedlichen Ebenen unabhängig davon, ob Krieg geführt wurde oder nicht. Da die Herausbildung von Geheimdiensten in der Regel einen militärischen Hintergrund aufwies, kam ihnen freilich in Hinblick auf eine sich ebenfalls verändernde Vorstellung von Sicherheit oder Geheimhaltung und der Notwendigkeit von deren Gewährleistung stetig wachsende Bedeutung zu. Während in den letzten Jahren einige wichtige Forschungen zur Entwicklung der Geheimdienste etwa in Frankreich, Deutschland oder Russland unternommen wurden, existieren bisher zur Geschichte des militärischen Geheimdiensts der k.u.k. Armee von 1867 bis zum Ausbruch des Weltkriegs keine vergleichbaren Arbeiten. Vorbereitende Forschungen der Antragstellerin zum geplanten Projekt haben vor allem die Potentiale einer Fokussierung auf die Arbeit des k.u.k. Geheimdiensts (Evidenzbureau) in Bezug auf Russland als Hauptkontrahent des Habsburgerreichs offengelegt. Eine diesbezügliche Untersuchung würde nicht nur Anlass zu einer grundlegenden Neubetrachtung des bilateralen Verhältnisses zwischen den beiden Vielvölkermonarchien bieten, sondern auch die Möglichkeit eröffnen, die Arbeitsweise des Evidenzbureaus sowie seine Einflussnahme auf Entscheidungsfindungsprozesse militärischer und ziviler Natur näher zu beleuchten. Darüber hinaus soll es auch darum gehen, Spionage in Bezug auf deren Wahrnehmung durch eine breitere Öffentlichkeit in den Blick zu nehmen und hier vor allem spezielle Russlandbilder herauszufiltern. Die geplante Studie versteht intelligence history als multiperspektivischen Auftrag, der Militärgeschichte oder die Geschichte bilateraler/internationaler Beziehungen ebenso miteinbezieht wie kulturgeschichtliche Zugänge.

Das Forschungsprojekt hat sich mit der Entwicklung des österreichisch-ungarischen militärischen Nachrichtendienstes auseinandergesetzt, um gleichzeitig eine umfassende "intelligence history" der späten Habsburgermonarchie anzustreben. Diese sollte schwerpunktartig entlang der schwierigen Beziehungen zu Russland aufbereitet werden. Um das Werden des k.u.k. militärischen Nachrichtendienstes nachvollziehen zu können, mussten auch die Rahmen- bzw. Vorbedingungen für die Etablierung einer derartigen Einrichtung dargelegt werden. Aus diesem Grund hat sich das Forschungsprojekt u.a. auch den vielfältigen Bemühungen um eine dauerhafte Berücksichtigung nachrichtendienstlicher Agenden in der Armee bereits vor Entstehung der Doppelmonarchie gewidmet. Berücksichtigung fanden dabei nicht nur verschiedene Positionen aus den Streitkräften gegenüber dem Nachrichtenwesen insgesamt, sondern auch Stimmen abseits einer sich im 19. Jahrhundert rasant entwickelnden militärischen Fachpublizistik. In diesem Kontext wurde deutlich, wie sehr sich Wahrnehmungen der einschlägigen Dienste mit ihren vielgliedrigen Aufgabenbereichen vor allem auf zum Teil diffuse Vorstellungen von Spionage verengten. Dennoch verhalfen populäre Ansichten über Spionage, die sich im primären Untersuchungszeitraum ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst aus Reminiszenzen an die Napoleonischen Kriege speisten, dem Nachrichtendienst zu einer wachsenden Akzeptanz gerade in nicht-militärischen Sphären. Hand in Hand damit gingen eine Vergesellschaftung des Geheimen, eine Verdichtung von Staatlichkeit, eine Vielzahl technologischer Innovationen und darüber hinaus eine veritable Wissensexplosion. Parallel dazu wurden immer pessimistischere Einschätzungen über die Wehrfähigkeit der Doppelmonarchie getroffen. Nationale Turbulenzen sowie größer werdende Interessensgegensätze am Balkan, die einen Konflikt zwischen dem Zarenreich und Österreich-Ungarn als unausweichliches Szenario festzulegen begannen, stimulierten das Bedürfnis nach der Abwehr potenzieller Gefahren. Vor dem Hintergrund eines sowohl im Habsburger- als auch im Romanowreich wachsenden Misstrauens gegenüber dem jeweiligen Nachbarstaat und in Anbetracht spezifischer Sicherheitsbedenken, die die zwei multinationalen Reiche vor allem mit Blick auf die Bevölkerung in den Grenzregionen formulierten, gewannen die Nachrichtendienste einerseits als Führungsgrundgebiete der Generalstäbe an Bedeutung und andererseits auch als ernst zu nehmende Seismographen für äußere wie innere Bedrohungen. Ohne Zweifel teilten sich das Russische Reich und die Habsburgermonarchie als Vielvölkerreiche das Spezifikum einer schier untrennbaren Verbindung von äußerer Bedrohungslage und wahrgenommenen Sicherheitslücken im Inneren. Militär und Diplomatie standen sich in diesem Kontext teilweise als Partner, teilweise als Konkurrenten gegenüber. Die Krisen auf dem Balkan bewirkten indessen verschiedene sogenannte Versicherheitlichungsschübe auf österreichisch-ungarischer Seite. Im Romanowreich war es indessen eine nach der Niederlage gegen Japan 1904/05 als desaströs eingeschätzte allgemeine Sicherheitslage, die zu einer enormen Verstärkung des nachrichtendienstlichen Aufgebots auch im Westen des Reichs, also auch explizit gegen die Habsburgermonarchie führte. Das Jahrzehnt vor 1914 kann dennoch lediglich als letzte Kulminationsphase des "Intelligence-Krieges" gesehen werden. Die Erkenntnisse des Projektes unterstützen darüber hinaus das in der Historiographie bereits formulierte Unbehagen gegenüber einem angelsächsischen Paradigma in der Historisierung des Nachrichtenwesens, das die prägenden Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent tendenziell übersehen hat.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 5 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Disseminationen
  • 2020
    Titel University lecture
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2024
    Titel Public Lecture
    Typ A talk or presentation
  • 2024
    Titel Interview
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
  • 2025
    Titel Interview
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
  • 2025
    Titel Interview
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2019
    Titel Review of exhibitions at the Museum opf Military History/Vienna
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad National (any country)

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