Historismus und die Wiener Musikkultur des Nachmärz und der Ringstraßenzeit
Historicism and Viennese musical culture of the post-1848 era and the Ringstrasse era
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (10%); Kunstwissenschaften (90%)
Keywords
-
Historicism,
Vienna,
Early Music Revival,
19th century,
Musical Culture
Die Pflege der sogenannten Alten (vorhaydnschen) Musik hatte in Wien eine lange Tradition, die spätestens seit dem Vormärz mit einer restaurativ geprägten, im Zeichen des Historismus stehenden Alte-Musik-Bewegung einherging. Die Wiederbelebung der Alten Musik im vormärzlichen Wien ist insbesondere mit Raphael Georg Kiesewetter dem Wegbereiter des musikalischen Historismus eng verbunden. Bezogen auf die Perioden des Nachmärz und der Ringstraßenzeit wirkt diese von Herfrid Kier verwendete Bezeichnung jedoch etwas paradox, zumal über die Wege des Historismus nach Kiesewetters Tod (1850) bis heute nur wenig bekannt ist, sieht man von den oft thematisierten Wiener Aufführungen Alter Musik unter Johannes Brahms ab. Die projektierte Arbeit wird folglich die Entwicklung vom Ende der Pionierära um 1850 bis in die frühen 1890er Jahre verfolgen, in denen der Historismus zunehmend eine institutionelle Untermauerung erfahren hat und eine neue Generation, repräsentiert u. a. durch Guido Adler und Eusebius Mandyczewski, die Szene betrat. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Alte Musik an sich bzw. ihre Präsenz im Wiener Konzertleben. Der Historismus als Stilbegriff bzw. in einem engeren Sinne als kirchenmusikalische Strömung (Cäcilianismus) rückt hingegen in den Hintergrund. Die Ausgangsidee des Projekts ist das Wissen um eine allmähliche Ausbreitung der Alten Musik über die Wiener Musikkultur, doch soll der Historismus der zweiten Jahrhunderthälfte nicht so sehr als zielgerichtete Entwicklung, sondern vielmehr als Problemgeschichte behandelt werden. So deutet auch der Titel Historismus und die Wiener Musikkultur auf ein Spannungsverhältnis hin, welches für die Donaumetropole, die sich zugleich als Stadt der Wiener Klassik profilierte, kennzeichnend war. Die zu erstellende Habilitationsschrift wird zum einen die Wiener Alte-Musik-Szene hinsichtlich der Träger, der Aufführungsstätten und des Repertoires rekonstruieren und vor dem Hintergrund der Situation vor 1850 auswerten. Zum anderen sollen unter der Berücksichtigung der zeitgenössischen Aufführungspraxis und des ästhetisch-kritischen Diskurses die charakteristischen Aspekte der Wiener Alte-Musik-Rezeption herausgearbeitet werden. Gerade durch die sehr umfassende theoretische Reflexion kommt im Vergleich zur Situation des Vormärz ein neues wichtiges Merkmal ins Spiel. Das Projekt will den Diskurs um die Alte Musik möglichst umfassend behandeln und so die Hypothese von einer vielseitigen, über die Kontroverse zwischen Eduard Hanslick und Johannes Brahms weit hinausgehenden Auseinandersetzung mit der Alten Musik bestätigen. Neben den zeitgenössischen Presseberichten, die die Hauptquelle bilden, wird sich das Projekt auf diverse Essays, Streitschriften, das (hauptsächlich in Form von zeitgenössischen Editionen überlieferte) Notenmaterial und sonstige Nebenquellen wie etwa schriftliche Korrespondenzen stützen. Es ist das Anliegen der Arbeit, die Wiener Musikkultur des Nachmärz und der Ringstraßenzeit in die interdisziplinäre Debatte rund um den Historismus viel enger einzubindenundsomit Voraussetzungen für eine weiterführende Kontextualisierung zu schaffen, sei es durch eine Erforschung der Alte-Musik-Renaissance in den anderen Städten der Monarchie wie z. B. Prag, sei es durch eine Untersuchung der historisierenden Kompositionspraxis im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Das Forschungsprojekt nahm Wien als Pflegestätte Alter Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Fokus. Anknüpfend an die Arbeit von Herfrid Kier "Raphael Georg Kiesewetter. Wegbereiter des musikalischen Historismus" (Regensburg 1968) verfolgte das Projekt die Entwicklung des musikalischen Historismus von Kiesewetters Tod 1850 bis in die frühen 1890er Jahre, als die rückwärtsgewandten Bestrebungen zunehmend institutionalisiert wurden und eine neue Generation von Akteuren der Alte-Musik-Bewegung, u. a. Guido Adler und Eusebius Mandyczewski, die Szene betrat. Gegenstand der Untersuchung war die Rezeption Alter Musik an profanen Musikstätten Wiens, mit Fokus auf öffentlichen Aufführungen. Die aus dem Projekt hervorgegangene Habilitationsschrift "Alte Musik im Wiener Konzertleben 1850-1893" ist zweiteilig konzipiert: Im ersten Teil wird die Alte-Musik-Szene hinsichtlich ihrer Träger, Aufführungsorte, Konzertformate und der Repertoirebildung rekonstruiert. Im zweiten Teil werden signifikante Merkmale der performativen und verbalen Rezeption vor dem Hintergrund der einzelnen Repertoireschwerpunkte herausgearbeitet. Bestandteil der Arbeit ist darüber hinaus ein nach Komponisten geordnetes Verzeichnis des Konzertrepertoires Alter Musik in Wien zwischen 1850 und 1893, in dem auch Informationen über die jeweiligen Aufführungen (Veranstaltungstitel, Aufführungsdatum und -ort, Interpretennamen und aufführungspraktische Details) erfasst sind. Die Quellenbasis des Forschungsprojekts bildeten zeitgenössische Programmzettel und -hefte, Kritiken und Rezensionen der Wiener Tages- und Fachpresse, diverse musikalische Schriften wie auch musikalisch notierte Quellen (Musikhandschriften und -drucke, Musikeditionen des 19. Jahrhunderts). Die Alte-Musik-Szene Wiens erwies sich als äußerst vielfältig und vernetzt. Alle wichtigen Akteure des damaligen Konzertlebens waren darum bemüht, dem "historischen Sinn" der Epoche gerecht zu werden und dem Vorbild der deutschen Musikmetropolen Leipzig und Berlin zu folgen. Die Tradition der sogenannten Wiener Klassik bzw. die Pflege der zeitgenössischen (u. a. Neudeutschen) Musikproduktion wurden dabei als kein gravierendes Hindernis für die Aufnahme der Alten Musik ins Konzertrepertoire wahrgenommen. Dank der Aufgeschlossenheit vieler Wiener Alte-Musik-Apologeten für die neuere Musik nahm die Alte-Musik-Wiederbelebung nur selten die Form eines Protests an. Die Arbeit liefert einen Beitrag nicht nur zur Historismus-Forschung, sondern auch zur Erforschung des Musiklebens im mitteleuropäischen Raum im 19. Jahrhundert. Für die künftige musikhistorische Forschung eröffnete sie mehrere Themenhorizonte, von denen insbesondere die Erforschung der Rezeption Alter Musik in anderen Musikzentren der Habsburgermonarchie, die Untersuchung der privaten und semiprivaten Pflege Alter Musik in Wien wie auch eine vertiefende Beschäftigung mit dem Phänomen der Sakralisierung des Konzertlebens im 19. Jahrhundert hervorzuheben sind.
- Universität Wien - 100%
- Katelijne Schiltz, Universität Regensburg - Deutschland
- Jana Perutkova, Masarykova Univerzita - Tschechien