Rivalen der Vergangenheit, Kinder der Zukunft
Rivals of the past, children of the future
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)
Keywords
-
Racialization,
Disability,
Literature,
Media Studies,
Gender,
American History
Dieses Forschungsprojekt analysiert die Bedeutung Russlands und russischer Figuren für die US-Amerikanische Identitätsbildung und die Aushandlung sogenannter "westlicher Werte" aus historischer Perspektive. Rivalen der Vergangenheit, Kinder der Zukunft identifiziert russische Tropen in aktuellen kulturellen Diskursen über nationale Werte der USA und fragt nach den Wurzeln dieses Trends. Zentrales Argument ist, dass die Bedeutung der russischen Körper für die Bildung von US-Identitäten bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreicht, als Amerikanische Entdecker ein Interesse an dem russischen Amerika (Alaska) entwickelten. Während der Einfluss amerikanischer West-Expansion und Entdeckerkultur für amerikanische Identitätsbildung bereits seit 1950 von Amerikanisten wie Henry Nash Smith festgestellt wurde, wurden Alaska und seine russischen Kolonialherren in solchen Studien nie in Betracht gezogen. Dieses Projekt schließt diese Forschungslücke und analysiert amerikanische Berichte über die koloniale Geschichte Russlands in Alaska, anthropologische und historische Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert über Alaska sowie Oral History indigener Alaska BewohnerInnen. Eine Betrachtung dieser früheren Repräsentationen des amerikanischen Russlands ermöglicht, inkongruente amerikanische Vorstellungen von russischen Körpern innerhalb der amerikanischen Populärkultur aus einer historischen Querschnittsperspektive zu verstehen. Das Projekt analysiert die scheinbar paradoxe Sicht Amerikanischer Diskurse auf Russland: die Darstellung eines rückwärtsgewandten altmodischen Gebiets, in dem vulnerable Minderheiten einer autoritären Macht gegenübersehen, und jenen, die Russland als fast magischen Ort künstlerischer Raffinesse und intellektueller Überlegenheit zeigen. Erste Analysen zeigen, dass derzeitig gängige Russland-Imaginationen auf Schriften aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-1783), auf Musik- und Kunstdiskurse des 19. Jahrhunderts oder frühe humanitäre Entwicklungshilfe zurück geführt weder können. Sie sind weder gänzlich durch Referenzen auf einen europäischen Orientalismus (Wolff 1994) noch durch die Fortdauer der Kulturen des Kalten Krieges (Whitfield 1996) erklärbar. Amerikanische Historiker, wie Larry Wolff (1994) und David Engerman (2004) führen die kulturellen Diskurse der USA des 20. Jahrhunderts auf die europäische Aufklärung und ihr Orientalismus- Projekt zurück. Der Orientalismus lokalisierte Russland zwischen den beiden Polen rassialisierter Barbaren und weißer Zivilisation, als anti- oder halbmodern. Ohne die Ergebnisse ihrer Forschung gänzlich in Frage zu stellen, kritisiere ich deren Universalität wie auch deren Einflussnahme, die darin besteht zeitgenössische russische Diskurse fast ausschließlich durch die Linse des europäischen Orientalismus (Williams 2012, Sadowksi-Smith 2018, Basulto 2015 usw.) zu lesen. Ein solcher Fokus ignoriert sowohl die Unabhängigkeit der USA von Europa als auch deren spezifische Vorstellung von Moderne, die im Gegensatz zur Europäischen durch Expansionismus und den Glauben an Exzeptionalismus geprägt sind. Außerdem übersieht sie den Einfluss Russlands als koloniale imperiale Macht. Bisherige Studien konzentrieren sich ausschließlich auf (Elite-)Diskurse, angelehnt an ein europäisch orientalistisches Denken, und fördern dadurch einen einseitigen historischen Blick auf US- amerikanische Russlanddiskurse. Dies führt außerdem dazu, dass der bedeutende Einfluss russischer Kunst und Musik des 19. und 20. Jahrhunderts - von Musikern wie Anton Rubinstein oder Peter Ilich Tschaikowsky bis hin zur Primaballerina Anna Pavlova und dem Designer Léon Bakst nicht anerkannt oder als Ausnahme interpretiert werden. Auch die Bedeutung russischer Theorien und Philosophie in aufstrebenden fortschrittlichen sozialen Bewegungen des späten 19. / frühen 20. Jahrhundert wie auch das Nachleben dieser Ideen in neueren Diskursen der Moderne werden verkannt. Mit anderen Worten, marginalisiert der starke Forschungsfokus auf jene Diskurse, die Russland Rückständigkeit zusprechen, jene Sichweisen, die Russland als moderne Macht, als fortschrittlich und zivilisiert verstehen. Dadurch können kulturelle Phänomene, etwa die Wirkung der Musiker Anton Rubinstein oder Peter Ilich Tschaikowsky, der Primaballerina Anna Pavlova, oder dem Designer Léon Bakst nur als Anomalie verstanden und deren nachhaltiger Einfluss auf Amerikanische Russlandbilder nicht erklärt werden. Gegen diese gängige Sichtweise versteht das vorliegende Projekt den russischen Imperialismus, samt seinem Kolonialismus als maßgeblichen Einfluss für die Diskurse des amerikanischen Expansionismus und des amerikanischen Nationalismus sowie die Rassen- und Ethnientheorien. Besonders soll auch der Einfluss Russischer Kunst- und Kulturgenies auf Amerikanische Russlandbilder und die fortwährende Repräsentation von RussInnen als Ballerinas oder Klaviervirtuosen in zeitgenössischer Populärkultur (z. B. in den Filmen Orphan 2009 und Red Sparrow 2017) sowie ihr anhaltendes Image als Nation von Ausnahmetalenten untersucht werden. Darüber hinaus soll der Einfluss der russischen Revolution(en) und ihre Nachwirkungen auf den Humanitarismus und den Internationalismus der USA hervorgehoben werden. US-MarxistInnen, Suffragetten, jüdische Progressive und Anti-Segregations-AktivistInnen beschäftigten sich im späten neunzehnten / frühen zwanzigsten Jahrhundert intensiv mit Russland, dem frühen Sowjetstaat und deren BewohnerInnen.
Heute sehen wir Russland durch die Linse des Krieges. Doch einst war es ein kulturelles Epizentrum, für manche eine in Alaska wütende Kolonialmacht, für andere ein Ort der Zuflucht. Katharina Wiedlack, Assistenzprofessorin für Anglophone Kulturwissenschaften an der Universität Wien, geht den verschiedenen Russlandbildern in der amerikanischen Geschichte nach. Ihr Projekt "Rivals of the Past, Children of the Future: Localizing Russia within US National Identity Formations from a Historical Perspective" führt sie zurück ins 19. und 20. Jahrhundert, zu russischen Kolonisatoren in Alaska und Schwarzen Amerikanern, die in Russland Solidarität und Antirassismus erlebten. Sie untersucht die frühere Begeisterung der Amerikaner für Russland, z. B. Mark Twains Liebe zu den russischen Primaballerinen, zu den Romanows und zur russischen Literatur, die sich in seinen Schriften widerspiegelt und die amerikanische Wahrnehmung des russischen Zarenreichs geprägt hat. Außerdem wird der Einfluss der russischen Kolonisatoren auf das heutige amerikanische Territorium analysiert. Die Russen hatten einen Großteil Alaskas etwa 100 Jahre lang besetzt, als es 1867 an die Vereinigten Staaten verkauft wurde. Sie hinterließen eine einheimische russisch-kreolische Bevölkerung, die sich noch heute in der Volkszählung der Russisch-Orthodoxen Kirche in Alaska widerspiegelt. Das russische Modell der Kolonisierung und Verwaltung wurde in den benachbarten USA mit großem Interesse verfolgt. Das Bild der russischen Kolonialisten wurde sowohl zur Abgrenzung als auch zum besseren Verständnis der amerikanischen Mechanismen genutzt. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat mit einem Schlag deutlich gemacht, dass Russland seine imperialistische Politik unverhohlen fortsetzt. Der wohl wichtigste Widerstand gegen den Imperialismus kommt von denen, die seit Jahrhunderten unter ihm gelitten haben: Russlands indigene Völker, wie zum Beispiel die Burjaten. Sie werden an der Front des gegenwärtigen Krieges weit mehr eingesetzt als weiße ethnische Russen, was eine Fortsetzung des Völkermordes darstellt, und die indigenen Gruppen leisten Widerstand. Sie finden Koalitionen und Solidarität in anderen Initiativen, wie den amerikanischen Ureinwohnern und insbesondere den Alaska Natives. Wiedlacks historische Forschung sucht nach den unsichtbaren Überschneidungen, aus denen Ideen und Alternativen für eine transozeanische Solidarität entstehen können. "Rivals of the Past" analysiert das Erbe des russischen Einflusses über die politische Sphäre hinaus und erforscht die religiösen, kulturellen und künstlerischen Hinterlassenschaften. Das Projekt beschäftigt sich eingehend mit der Solidarität mit der Schwarzen Amerikanischen Bewegung, die sich in Russland anfang des 20 Jahrhunderts formierte, dessen bolschewistische Revolution die Vereinigten Staaten mit Misstrauen und Feindseligkeit betrachtete. Wiedlack greift die Berichte und fiktionalen Schriften Schwarzer amerikanischer Intellektueller auf, die Russland besuchten, darunter die Aktivistin Louise Thompson, Langston Hughes und die Schriftstellerin Dorothy West, und untersucht deren Auseinandersetzung mit Staatssozialismus und Kommunismus. Unter dem Blickwinkel der sowjetischen Modernisierung als Alternative zur schwarzenfeindlichen amerikanischen Gesellschaft wird der tiefgreifende Einfluss Sowjetrusslands und Sowjet-Zentralasiens auf die amerikanische schwarze Bewegung sichtbar, der bis heute die Sicht auf Russland vieler Amerikaner*innen beeinflusst.
- Universität Wien - 100%
- Joshua Tucker, New York University - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 13 Publikationen
- 20 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2020
Titel A feminist becoming? Louise Thompson Patterson's and Dorothy West's sojourn in the Soviet Union DOI 10.14198/2020.36.05 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Feminismo/s -
2020
Titel A feminist becoming? Louise Thompson Patterson's and Dorothy West's sojourn in the Soviet Union DOI 10.14198/fem.2020.36.05 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Feminismo/s -
2021
Titel 'The Beast from the East' DOI 10.47060/jaaas.v3i1.44 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal JAAAS: Journal of the Austrian Association for American Studies Seiten 55 - 75 Link Publikation -
2020
Titel Review of Gender in 20th Century Eastern Europe and the USSR, edited by Catherine Baker. London: Palgrave Macmillan, 2017. Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Wagadu: A Journal of Transnational Women's and Gender Studies Seiten 1-4 Link Publikation -
2022
Titel Suffragists and Russian Suffering DOI 10.47060/jaaas.v4i1.149 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal JAAAS: Journal of the Austrian Association for American Studies Seiten 59 - 86 Link Publikation -
2024
Titel Review: Jessica Zychowicz, Superfluous Women. Art, Feminism, and Revolution in Twenty- First-Century Ukraine Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal L'homme: Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft Seiten 139-142 -
2024
Titel Lily Golden's Long Journey Home: Life Writing and the Archive of Internationalism Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Gazette: Black Feminist Interantionalism and Eurasian Knowledge Production Seiten 25-32 Link Publikation -
2023
Titel Queering images of Russia in Sweden: discursive hegemony and counter-hegemonic articulations 1991-2019 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Tidskrift för genusvetenskap (TGV) Seiten 99-101 Link Publikation -
2023
Titel The Abduction of Anna Petrovna Bulygin in 1808. Female Agency and the Russian Colonial Gaze in Early to Mid-19th Century Popular Culture (Essay) Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Europa Portal, CLIO online Link Publikation -
2022
Titel Decentering the West in the History of Feminism: Reclaiming Russian Influence on US Feminism and Black Women Radicals in the Early 20th Century Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal WiN: The EAAS Women's Network Journal Link Publikation -
2020
Titel Book Reviews DOI 10.1111/russ.12292 Typ Journal Article Journal The Russian Review Seiten 658-695 -
2020
Titel Ballerina with PTSD: imagining Russia in contemporary Black Widow comics DOI 10.1080/21504857.2020.1811741 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Journal of Graphic Novels and Comics Seiten 993-1008 Link Publikation -
2024
Titel The Romanovs on Contemporary American TV DOI 10.3167/hrrh.2024.500204 Typ Journal Article Autor Wiedlack K Journal Historical Reflections/Réflexions Historiques Seiten 46-60 Link Publikation
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2024
Titel Konflikte & Kriege: Wie viel Einfluss hat die USA? Typ Engagement focused website, blog or social media channel -
2024
Link
Titel Presentation of "'TraumaZone' to 'Super Crip': the Politics of Post-Soviet 'Abnormality' in Anglophone News Media" Typ A talk or presentation Link Link -
2023
Link
Titel "Lily Golden's "Long Journey Home:" Life writing and the Archive of Internationalism Typ A talk or presentation Link Link -
2024
Titel Interview zum Amerikanischen Wahlkampf mit Gabi Wuttke Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview -
2022
Link
Titel "The R-Word revisited: From Refusal to Care?" Typ A talk or presentation Link Link -
2023
Link
Titel "Entangled Colonialities: 'conjunctual' Russian and American imperialism in early 20th Century Alaska" Typ A talk or presentation Link Link -
2021
Link
Titel Provincializing US Feminisms Typ A talk or presentation Link Link -
2022
Link
Titel Slavery and the maritime fur trade in Russian America Typ A talk or presentation Link Link -
2019
Titel 'The most significant journey': Du Bois' Experiences of Soviet Russia and the Development of His Socialism Typ A talk or presentation -
2023
Link
Titel "Es gibt nicht das eine Russland", Russlandbilder in der amerikanischen (Populär)Kultur Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2020
Titel Reading Dorothy West's Russian Sojourn queerly Typ A talk or presentation -
2024
Link
Titel "Immigrant, Immigrant, Immigrant Punk:" Music as vehicle of resistance in Gogol Bordello's songs and Oksana Marafioti's novel 'American Gypsy': A Road From Siberia To Hollywood' Typ A talk or presentation Link Link -
2021
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Titel "A Journey Through Russian Feminism and Sexual Liberation: Female Members of the Harlem Renaissance Visiting the Soviet Union in 1932" Typ A talk or presentation Link Link -
2020
Link
Titel Suffragettes and Russian Suffering: Vulnerability in Early Progressive US-Movements Typ A talk or presentation Link Link -
2019
Link
Titel curator of the Cultural Studies Lecture Series (Global Solidarity Lectures) - NYI Summer School Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2022
Titel "Solidarity and the West/East Divide? An Anti-Imperialist and Decolonial Queerfeminist Historically Informed Perspective" Typ A talk or presentation -
2024
Link
Titel Freiheit, Memes und Kokosnüsse: Die Rhetorik im US-Wahlkampf, Interview Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2024
Link
Titel Reporter4You Interview Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2023
Link
Titel Respondence on Literary Escapes and Rebellions Typ A talk or presentation Link Link -
2024
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Titel Naomi Rincón Gallardo's Queer Crip Decolonial Technologies of Filth Typ A talk or presentation Link Link
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2023
Titel Käthe Leichter-Preis 2023 Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2022
Titel The Future of Queer and Feminist Studies Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International