Selbstbestimmung in der Liberalen Demokratie
Crafting liberal democracy through self-determination
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (50%); Soziologie (50%)
Keywords
-
Cultural Sociology,
Critical Policy Studies,
Sociology Of Emotions,
Women'S Health,
Liberal Democracy,
Discourse
Zentraler Bestandteil jeder liberal-demokratischen und modernen Gesellschaftsordnung ist die Orientierung am Wert der Selbstbestimmung, welche dem Einzelnen ermöglicht, kollektives Handeln durch Autonomie, Pluralität und Protest zu gestalten. Das CLIDE-Projekt untersucht, inwieweit der Wert der Selbstbestimmung in westlichen Demokratien im 21 Jahrhundert herausgefordert und verhandelt wird. Als Fallstudie untersucht das Projekt öffentliche Debatten über Entscheidungen im Gesundheitsweisen, und speziell das Thema der Gesundheit von Frauen. Es ist genau in diesem Kontext, dass Verhandlungen, die das Thema der Selbstbestimmung betreffen, regelmäßig aufbrechen: Während Patientenbeteiligung an Entscheidungen über Gesundheitsmaßnahmen als zunehmend selbstverständlich empfunden wird, verdeutlichen öffentliche Debatten über die Hausgeburt oder die Ablehnung von Mammographie-Screening die Notwendigkeit, Grenzziehungen rund Selbstbestimmung besser zu verstehen. Eine zentrale Hypothese des Projektes ist, dass in diesen spezifischen Debatten insbesondere ein Zusammenhang zwischen Selbstbestimmung und Verweisen auf Emotionen artikuliert wird. Mit seinem analytischen Fokus auf konkrete sprachliche Verweise auf Emotionen in der öffentlichen Debatte und seinem interdisziplinären Ansatz ist CLIDE das erste Projekt, das eine interpretative Studie zu diesem wichtigen Thema der Entwicklungen westlicher Demokratien liefert. Das CLIDE-Projekt konzipiert die liberale Demokratie als eine politische Ordnung, die zwar demokratische Entscheidungsprozesse als wertfrei konzipiert, aber dennoch Werte in der öffentlichen Debatte mitsteuert, indem sie einige Verweise auf Emotionen als "rational" legitimiert und andere als "irrational" stigmatisiert. Während die Emotionen einiger Akteure in öffentlichen Debatten als legitim dargestellt und übernommen werden, werden andere verworfen oder als irrelevant betrachtet. Aufbauend auf kritischen Studien zur Politik und Kultursoziologie schlägt das CLIDE Projekt vor, dass wir, um die gegenwärtige Affirmation und Ablehnung des liberal-demokratischen Paradigmas zu verstehen, Selbstbestimmung neu konzipieren müssen: als gerahmt, gesteuert und herausgefordert durch besondere Bezugnahmen auf Emotionen in öffentlichen Debatten. Das Projekt stellt somit die Untersuchung des Wertes Selbstbestimmung durch die interpretative Analyse von diskursiven Verweisen auf Emotionen dar. Empirisch untersucht CLIDE zwei besonderen Kontroversen: die Debatte über die Hausgeburt in Frankreich (seit 2013) und die Debatte über die Ablehnung des Mammographie-Screenings in Österreich (seit 2014). In einem ersten Schritt werden anhand von Dokument- und Medienanalyse Akteurinnen identifiziert, um dann im zweiten Schritt deren konkrete Bezugnahmen auf Emotionen im Rahmen von Experteninterviews und biographisch-narrative Interviews analytisch herauszufiltern. Diese methodische Zugangsweise ermöglicht konkrete Standpunkte und Praktiken sowie deren Qualifikation als "rational"/"irrational" oder "legitim"/"illegitim" in der Debatte zu identifizieren. Mit dieser Vorgangsweise wird das Projekt einzigartige Daten zur Rolle von Emotionen im kollektiven Handeln generieren, die den aktuellen Status der Demokratieforschung grundlegend verändern wird. CLIDE verbindet den praktisch-orientierten Forschungsschwerpunkt der Gastinstitution mit der akademischen Expertise der Forscherin im Bereich von Gesundheit, Soziologie der Emotionen und Politikfeldanalyse, um tiefgreifende Analysen in aktuellen Bereichen der Gesundheitsversorgung durchzuführen und gleichzeitig aktuelles empirisches Material zur Diskussion rund um liberale Demokratie aufzuarbeiten.
Die liberale Demokratie steht vor wachsenden Herausforderungen, aber diese beschränken sich nicht auf Wahlen oder populistische Bewegungen. Das CLIDE-Projekt lenkt die Aufmerksamkeit auf eine kritische, aber noch nicht ausreichend erforschte Dimension: wie sich liberal-demokratische Werte in der intimen Sphäre der reproduktiven Gesundheit entfalten. Anhand empirischer Fallstudien aus Frankreich, Österreich, dem Iran und der Tschechischen Republik untersucht das Projekt, wie Emotionen Debatten, Politiken und soziale Praktiken prägen, die direkten Einfluss auf die Selbstbestimmung haben. Die reproduktive Gesundheit dient als zentrales Untersuchungsfeld für die Erforschung von Spannungen zwischen individueller Handlungsfähigkeit und institutionellen Rahmenbedingungen. Das Projekt befasst sich mit Debatten über geburtshilfliche Gewalt in Frankreich, die die Überschneidung von Verletzlichkeit und Ermächtigung im medizinischen Umfeld aufzeigen; mit dem Abtreibungsdiskurs in Österreich, der die Stigmatisierung und die emotionale Komplexität reproduktiver Entscheidungen hervorhebt; mit der Gestaltung der Politik im Bereich der sexuellen Gesundheit im Iran, wo fortschrittliche Elemente mit pronatalistischen und nationalistischen Zielen koexistieren; und mit Entbindungspraktiken während COVID-19 in Tschechien, wo institutionelle Beschränkungen mit emotionalen Bedürfnissen konfrontiert werden. Diese Fälle veranschaulichen, wie Emotionen persönliche Erfahrungen und breitere gesellschaftliche Diskurse vermitteln, und unterstreichen ihre zentrale Rolle bei der Gestaltung der Selbstbestimmung. Das CLIDE-Projekt versteht Selbstbestimmung als ein Konzept, das den Körper, das Wissen und die Emotionen einbezieht. Emotionen sind keine peripheren, sondern zentrale Kräfte, die Kognition, Entscheidungsfindung und kollektives Handeln prägen. Dieser Ansatz ermöglicht ein fundiertes Verständnis dafür, wie liberal-demokratische Werte in der Alltagspraxis gelebt und angefochten werden. Einer der wichtigsten Beiträge des Projekts ist dabei die Verwendung einer interpretativen Emotionskodierung in Kombination mit einer intersektionalen Perspektive. Diese Methoden ermöglichen die Analyse, wie Emotionen in Texte und öffentliche Debatten eingebettet sind, und stellen sicher, dass unterschiedliche Erfahrungen und soziale Kontexte effektiv erfasst werden. Durch die Untersuchung der Überschneidungen von Emotionen, Selbstbestimmung und reproduktiver Gesundheit wirft das CLIDE-Projekt ein Licht darauf, wie die liberale Demokratie an ihren intimsten und umstrittensten Orten funktioniert. Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Emotionen zu erkennen und zu analysieren, um die Handlungsfähigkeit des Einzelnen zu fördern und die Politikgestaltung in einer sich rasch verändernden gesellschaftspolitischen Landschaft zu unterstützen. Das Projekt leistet nicht nur einen Beitrag zum akademischen Diskurs, sondern auch zu praktischen Bemühungen, die Rolle der Selbstbestimmung und der demokratischen Integrität in der heutigen Gesellschaft besser zu verstehen.
- Universität Wien - 100%
- Klaus Hoyer, University of Copenhagen - Dänemark
- Patrick Le Gales, Sciences Po - Frankreich
- Teresa Kulawik, Södertörn University - Schweden
Research Output
- 540 Zitationen
- 12 Publikationen
- 1 Künstlerischer Output
- 1 Datasets & Models
- 9 Disseminationen
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2023
Titel Exploring emotional discourses: The case of COVID-19 protests in the US media DOI 10.1080/10841806.2023.2176074 Typ Journal Article Autor Durnová A Journal Administrative Theory & Praxis -
2024
Titel From Interpretation to Intersectionality: Arlie Hochschild's Work on Emotions and Pathways Beyond; In: Handbook of Interpretive Research Methods Typ Book Chapter Autor Durnova A. -
2024
Titel Teaching qualitative methods in times of global pandemics and beyond; In: Handbook of Teaching Public Policy DOI 10.4337/9781800378117.00023 Typ Book Chapter Verlag Edward Elgar Publishing -
2024
Titel The emotional life of populism: How fear, disgust, resentment, and love undermine democracy DOI 10.1080/23254823.2023.2287860 Typ Journal Article Autor Schmid J Journal European Journal of Cultural and Political Sociology -
2020
Titel Symposium: revisiting the three pillars of Deliberative Policy Analysis DOI 10.1080/01442872.2020.1774147 Typ Journal Article Autor Ercan S Journal Policy Studies Seiten 307-330 -
2020
Titel Tempest in a teapot? Toward new collaborations between mainstream policy process studies and interpretive policy studies DOI 10.1007/s11077-020-09387-y Typ Journal Article Autor Durnová A Journal Policy Sciences Seiten 571-588 Link Publikation -
2021
Titel Policy expertise and culture: the case of “civil sexuality” in Iran. DOI 10.4000/irpp.2030 Typ Journal Article Autor Mohammadi E Journal International Review of Public Policy Seiten 314-334 Link Publikation -
2021
Titel Introduction: War on expertise – war on culture: understanding the expert-culture boundary in current socio-political landscapes DOI 10.4000/irpp.2548 Typ Journal Article Autor Durnová A Journal International Review of Public Policy Seiten 241-246 Link Publikation -
2023
Titel Emotions and the 'truths' of contentious politics: advances in research on emotions, knowledge and contemporary contentious politics DOI 10.1332/26316897y2023d000000004 Typ Journal Article Autor Durnová A Journal Emotions and Society -
2020
Titel COVID-19 and the policy sciences: initial reactions and perspectives DOI 10.1007/s11077-020-09381-4 Typ Journal Article Autor Weible C Journal Policy Sciences Seiten 225-241 Link Publikation -
2025
Titel Characterizing allies and opponents in gender policy debates DOI 10.1111/ropr.70009 Typ Journal Article Autor Durnová A Journal Review of Policy Research -
0
Titel Legal expertise, emotions, and gendered public discourse: The debate on banning fathers at birth; In: Muzske pravo II / Men's Law Typ Book Chapter Autor Vendula Kolarik Mezeiova Verlag Wolters Kluwer
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2022
Link
Titel Sociological Lectures Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2023
Link
Titel ORF Science Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2023
Link
Titel Interview for national news Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2023
Link
Titel Sociological Lectures Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2021
Link
Titel Public Talk - Sociology week Brno Typ A talk or presentation Link Link -
2023
Link
Titel Article for national news paper Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link -
2020
Link
Titel Interview with Anna Durnova in Salon Prava Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2021
Link
Titel Radio Wave - interview with Anna Durnova Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2023
Link
Titel Podcast Transforming Society Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link
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2024
Titel Mattei Dogan Prize for European Political Sociology Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Editorial Board Member, Policy and Politics Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Paul Lazarsfeld Professorship Typ Attracted visiting staff or user to your research group Bekanntheitsgrad National (any country) -
2023
Titel Keynote at the Mid-Term Conference of the RN16 European Sociological Association Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Vice President of the International Public Policy Association Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Vendula Mezeiova, Univerzita Karlova Typ Attracted visiting staff or user to your research group Bekanntheitsgrad Continental/International
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2024
Titel Climate, Inequality, and Democratic Action: The Force of Political Emotions Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2024 Geldgeber European Commission