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Selbstbestimmung in der Liberalen Demokratie

Crafting liberal democracy through self-determination

Anna Durnová (ORCID: 0000-0001-5789-1850)
  • Grant-DOI 10.55776/V761
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2019
  • Projektende 31.08.2024
  • Bewilligungssumme 273.063 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Politikwissenschaften (50%); Soziologie (50%)

Keywords

    Cultural Sociology, Critical Policy Studies, Sociology Of Emotions, Women'S Health, Liberal Democracy, Discourse

Abstract Endbericht

Zentraler Bestandteil jeder liberal-demokratischen und modernen Gesellschaftsordnung ist die Orientierung am Wert der Selbstbestimmung, welche dem Einzelnen ermöglicht, kollektives Handeln durch Autonomie, Pluralität und Protest zu gestalten. Das CLIDE-Projekt untersucht, inwieweit der Wert der Selbstbestimmung in westlichen Demokratien im 21 Jahrhundert herausgefordert und verhandelt wird. Als Fallstudie untersucht das Projekt öffentliche Debatten über Entscheidungen im Gesundheitsweisen, und speziell das Thema der Gesundheit von Frauen. Es ist genau in diesem Kontext, dass Verhandlungen, die das Thema der Selbstbestimmung betreffen, regelmäßig aufbrechen: Während Patientenbeteiligung an Entscheidungen über Gesundheitsmaßnahmen als zunehmend selbstverständlich empfunden wird, verdeutlichen öffentliche Debatten über die Hausgeburt oder die Ablehnung von Mammographie-Screening die Notwendigkeit, Grenzziehungen rund Selbstbestimmung besser zu verstehen. Eine zentrale Hypothese des Projektes ist, dass in diesen spezifischen Debatten insbesondere ein Zusammenhang zwischen Selbstbestimmung und Verweisen auf Emotionen artikuliert wird. Mit seinem analytischen Fokus auf konkrete sprachliche Verweise auf Emotionen in der öffentlichen Debatte und seinem interdisziplinären Ansatz ist CLIDE das erste Projekt, das eine interpretative Studie zu diesem wichtigen Thema der Entwicklungen westlicher Demokratien liefert. Das CLIDE-Projekt konzipiert die liberale Demokratie als eine politische Ordnung, die zwar demokratische Entscheidungsprozesse als wertfrei konzipiert, aber dennoch Werte in der öffentlichen Debatte mitsteuert, indem sie einige Verweise auf Emotionen als "rational" legitimiert und andere als "irrational" stigmatisiert. Während die Emotionen einiger Akteure in öffentlichen Debatten als legitim dargestellt und übernommen werden, werden andere verworfen oder als irrelevant betrachtet. Aufbauend auf kritischen Studien zur Politik und Kultursoziologie schlägt das CLIDE Projekt vor, dass wir, um die gegenwärtige Affirmation und Ablehnung des liberal-demokratischen Paradigmas zu verstehen, Selbstbestimmung neu konzipieren müssen: als gerahmt, gesteuert und herausgefordert durch besondere Bezugnahmen auf Emotionen in öffentlichen Debatten. Das Projekt stellt somit die Untersuchung des Wertes Selbstbestimmung durch die interpretative Analyse von diskursiven Verweisen auf Emotionen dar. Empirisch untersucht CLIDE zwei besonderen Kontroversen: die Debatte über die Hausgeburt in Frankreich (seit 2013) und die Debatte über die Ablehnung des Mammographie-Screenings in Österreich (seit 2014). In einem ersten Schritt werden anhand von Dokument- und Medienanalyse Akteurinnen identifiziert, um dann im zweiten Schritt deren konkrete Bezugnahmen auf Emotionen im Rahmen von Experteninterviews und biographisch-narrative Interviews analytisch herauszufiltern. Diese methodische Zugangsweise ermöglicht konkrete Standpunkte und Praktiken sowie deren Qualifikation als "rational"/"irrational" oder "legitim"/"illegitim" in der Debatte zu identifizieren. Mit dieser Vorgangsweise wird das Projekt einzigartige Daten zur Rolle von Emotionen im kollektiven Handeln generieren, die den aktuellen Status der Demokratieforschung grundlegend verändern wird. CLIDE verbindet den praktisch-orientierten Forschungsschwerpunkt der Gastinstitution mit der akademischen Expertise der Forscherin im Bereich von Gesundheit, Soziologie der Emotionen und Politikfeldanalyse, um tiefgreifende Analysen in aktuellen Bereichen der Gesundheitsversorgung durchzuführen und gleichzeitig aktuelles empirisches Material zur Diskussion rund um liberale Demokratie aufzuarbeiten.

Die liberale Demokratie steht vor wachsenden Herausforderungen, aber diese beschränken sich nicht auf Wahlen oder populistische Bewegungen. Das CLIDE-Projekt lenkt die Aufmerksamkeit auf eine kritische, aber noch nicht ausreichend erforschte Dimension: wie sich liberal-demokratische Werte in der intimen Sphäre der reproduktiven Gesundheit entfalten. Anhand empirischer Fallstudien aus Frankreich, Österreich, dem Iran und der Tschechischen Republik untersucht das Projekt, wie Emotionen Debatten, Politiken und soziale Praktiken prägen, die direkten Einfluss auf die Selbstbestimmung haben. Die reproduktive Gesundheit dient als zentrales Untersuchungsfeld für die Erforschung von Spannungen zwischen individueller Handlungsfähigkeit und institutionellen Rahmenbedingungen. Das Projekt befasst sich mit Debatten über geburtshilfliche Gewalt in Frankreich, die die Überschneidung von Verletzlichkeit und Ermächtigung im medizinischen Umfeld aufzeigen; mit dem Abtreibungsdiskurs in Österreich, der die Stigmatisierung und die emotionale Komplexität reproduktiver Entscheidungen hervorhebt; mit der Gestaltung der Politik im Bereich der sexuellen Gesundheit im Iran, wo fortschrittliche Elemente mit pronatalistischen und nationalistischen Zielen koexistieren; und mit Entbindungspraktiken während COVID-19 in Tschechien, wo institutionelle Beschränkungen mit emotionalen Bedürfnissen konfrontiert werden. Diese Fälle veranschaulichen, wie Emotionen persönliche Erfahrungen und breitere gesellschaftliche Diskurse vermitteln, und unterstreichen ihre zentrale Rolle bei der Gestaltung der Selbstbestimmung. Das CLIDE-Projekt versteht Selbstbestimmung als ein Konzept, das den Körper, das Wissen und die Emotionen einbezieht. Emotionen sind keine peripheren, sondern zentrale Kräfte, die Kognition, Entscheidungsfindung und kollektives Handeln prägen. Dieser Ansatz ermöglicht ein fundiertes Verständnis dafür, wie liberal-demokratische Werte in der Alltagspraxis gelebt und angefochten werden. Einer der wichtigsten Beiträge des Projekts ist dabei die Verwendung einer interpretativen Emotionskodierung in Kombination mit einer intersektionalen Perspektive. Diese Methoden ermöglichen die Analyse, wie Emotionen in Texte und öffentliche Debatten eingebettet sind, und stellen sicher, dass unterschiedliche Erfahrungen und soziale Kontexte effektiv erfasst werden. Durch die Untersuchung der Überschneidungen von Emotionen, Selbstbestimmung und reproduktiver Gesundheit wirft das CLIDE-Projekt ein Licht darauf, wie die liberale Demokratie an ihren intimsten und umstrittensten Orten funktioniert. Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Emotionen zu erkennen und zu analysieren, um die Handlungsfähigkeit des Einzelnen zu fördern und die Politikgestaltung in einer sich rasch verändernden gesellschaftspolitischen Landschaft zu unterstützen. Das Projekt leistet nicht nur einen Beitrag zum akademischen Diskurs, sondern auch zu praktischen Bemühungen, die Rolle der Selbstbestimmung und der demokratischen Integrität in der heutigen Gesellschaft besser zu verstehen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Klaus Hoyer, University of Copenhagen - Dänemark
  • Patrick Le Gales, Sciences Po - Frankreich
  • Teresa Kulawik, Södertörn University - Schweden

Research Output

  • 540 Zitationen
  • 12 Publikationen
  • 1 Künstlerischer Output
  • 1 Datasets & Models
  • 9 Disseminationen
  • 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Exploring emotional discourses: The case of COVID-19 protests in the US media
    DOI 10.1080/10841806.2023.2176074
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Administrative Theory & Praxis
  • 2024
    Titel From Interpretation to Intersectionality: Arlie Hochschild's Work on Emotions and Pathways Beyond; In: Handbook of Interpretive Research Methods
    Typ Book Chapter
    Autor Durnova A.
  • 2024
    Titel Teaching qualitative methods in times of global pandemics and beyond; In: Handbook of Teaching Public Policy
    DOI 10.4337/9781800378117.00023
    Typ Book Chapter
    Verlag Edward Elgar Publishing
  • 2024
    Titel The emotional life of populism: How fear, disgust, resentment, and love undermine democracy
    DOI 10.1080/23254823.2023.2287860
    Typ Journal Article
    Autor Schmid J
    Journal European Journal of Cultural and Political Sociology
  • 2020
    Titel Symposium: revisiting the three pillars of Deliberative Policy Analysis
    DOI 10.1080/01442872.2020.1774147
    Typ Journal Article
    Autor Ercan S
    Journal Policy Studies
    Seiten 307-330
  • 2020
    Titel Tempest in a teapot? Toward new collaborations between mainstream policy process studies and interpretive policy studies
    DOI 10.1007/s11077-020-09387-y
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Policy Sciences
    Seiten 571-588
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Policy expertise and culture: the case of “civil sexuality” in Iran.
    DOI 10.4000/irpp.2030
    Typ Journal Article
    Autor Mohammadi E
    Journal International Review of Public Policy
    Seiten 314-334
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Introduction: War on expertise – war on culture: understanding the expert-culture boundary in current socio-political landscapes
    DOI 10.4000/irpp.2548
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal International Review of Public Policy
    Seiten 241-246
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Emotions and the 'truths' of contentious politics: advances in research on emotions, knowledge and contemporary contentious politics
    DOI 10.1332/26316897y2023d000000004
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Emotions and Society
  • 2020
    Titel COVID-19 and the policy sciences: initial reactions and perspectives
    DOI 10.1007/s11077-020-09381-4
    Typ Journal Article
    Autor Weible C
    Journal Policy Sciences
    Seiten 225-241
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Characterizing allies and opponents in gender policy debates
    DOI 10.1111/ropr.70009
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Review of Policy Research
  • 0
    Titel Legal expertise, emotions, and gendered public discourse: The debate on banning fathers at birth; In: Muzske pravo II / Men's Law
    Typ Book Chapter
    Autor Vendula Kolarik Mezeiova
    Verlag Wolters Kluwer
Künstlerischer Output
  • 2022 Link
    Titel Hodina Zeny ( The hour of the Woman)
    Typ Performance (Music, Dance, Drama, etc)
    Link Link
Datasets & Models
  • 0 Link
    Titel Interpretive Emotions Analysis
    Typ Data analysis technique
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
Disseminationen
  • 2022 Link
    Titel Sociological Lectures
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2023 Link
    Titel ORF Science
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2023 Link
    Titel Interview for national news
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2023 Link
    Titel Sociological Lectures
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Public Talk - Sociology week Brno
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2023 Link
    Titel Article for national news paper
    Typ A magazine, newsletter or online publication
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Interview with Anna Durnova in Salon Prava
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Radio Wave - interview with Anna Durnova
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
    Link Link
  • 2023 Link
    Titel Podcast Transforming Society
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2024
    Titel Mattei Dogan Prize for European Political Sociology
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Editorial Board Member, Policy and Politics
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Paul Lazarsfeld Professorship
    Typ Attracted visiting staff or user to your research group
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2023
    Titel Keynote at the Mid-Term Conference of the RN16 European Sociological Association
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2022
    Titel Vice President of the International Public Policy Association
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2021
    Titel Vendula Mezeiova, Univerzita Karlova
    Typ Attracted visiting staff or user to your research group
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2024
    Titel Climate, Inequality, and Democratic Action: The Force of Political Emotions
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber European Commission

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