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Cinesonisch Situieren

Situating Cinesonics

Kristina Pia Hofer (ORCID: 0000-0002-3878-0263)
  • Grant-DOI 10.55776/V770
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2020
  • Projektende 28.02.2025
  • Bewilligungssumme 210.601 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (10%); Kunstwissenschaften (30%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (50%); Soziologie (10%)

Keywords

    Feminist Theory, Audiovisual Art, New Materialism, Media Theory, Film Sound, Sound Studies

Abstract Endbericht

Die Idee, was Kino ausmacht, ist gegenwärtig im Wandel begriffen. Filmschaffende produzieren zunehmend für Galerien, Museen und Clubs. Filmkonsum bedeutet nicht mehr zwangsläufig stilles Sitzen im dunklen Saal vor der großen Leinwand, sondern vermehrt auch ortsunabhängiges Sehen und Hören auf mobilen Geräten mit kleinem Display. Und auch Künstler*innen und Theoretiker*innen, die sich mit Film beschäftigen, denken das Medium als eines, das nicht nur den Sehsinn, auch andere Sinne wie das Hören und Tasten anspricht. Diese Verschiebungen wirken sich auch auf das theoretische Konzept des `Cinematischen` aus, also auf die Idee dessen, welche Rezeptionssituationen, Medien, Objekte und Kunstwerke dem Kino zuordenbare Erfahrungen hervorrufen können. Kino erscheint heute als viel weniger an eine bestimmte Technologie, einen bestimmten Ort, oder eine bestimmte Institution gebunden, als es in der bisherigen Filmtheorie oft beschrieben wurde. Mein Projekt spürt diesen Entwicklungen anhand von Filmton nach. Ich frage, wie der Eindruck des Kinohaften über Klänge entsteht, die von verschiedensten Körpern erzeugt werden: die Körper von Performer*innen und Zuseher*/hörer*innen, von Instrumenten, von Speicher- und Abspielmedien, von Produktionssoftware und -hardware, von Ausstellungssettings und Aufführungsräumen. Ich gehe dabei auf die Arbeiten von Künstler*innen ein, die Kino als ein klangliches Medium begreifen, also Kino über Ton entstehen lassen: zum Beispiel über musikalische Performances, die ohne Bilder auskommen, oder über das Spiel mit üblicherweise unsichtbaren filmischen Stilmitteln wie dem Voiceover. Besonders interessieren mich dabei Arbeiten, die ich `cinesonische Performances` nenne: also künstlerische Projekte, die kinohaftes Empfinden durch Live-Ton hervorrufen wollen. Viele der besprochenen Arbeiten, wie zum Beispiel die DJ-Sets von Camilla Sørensen und Greta Christensen oder die Multimedia-Stücke von Grada Kilomba, setzen sich mit dem Zusammenwirken von menschlichen Körpern und Technologien auseinander. Damit bringen sie Fragen auf, denen die gegenwärtige Filmforschung noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt: Welche Komponenten eines Werks, einer Performance, eines Screenings generiert überhaupt die Materialität des Filmtons, und mit welchen theoretischen Begriffen können diese Komponenten und Materialitäten gefasst werden? Wie tragen bestimmte Charakteristika eines Klangereignisses - zum Beispiel seine Lautstärke oder der dazugehörige ADSR-Envelope - dazu bei, dass ein Film eine Geschichte auf eine bestimmte Art erzählt? Wie unterschiedlich wirken kinohafte Klänge in unterschiedlichen lokalen und technischen Setups im Kinosaal und im Museum, im Archiv und im Club, als Projektion und als File auf einer Streaming-Plattform? Und wie kommt es, dass verschiedene Zuseher*/hörer*innen den selben Klängen ganz unterschiedliche Bedeutung zumessen können? 1

Wie kommuniziert Ton als materielles Phänomen Bedeutung in einem Essayfilm? Wie interagieren jene Tonqualitäten, die affektiv und materiell bewegen, mit Film- und Videobildern, die zeichenhaft repräsentieren? Wie kann eine medientheoretische Kritik Film- und Videoton in seiner Materialität fassen, wenn diese Töne in künstlerischen Film- und Videoarbeiten auftauchen, die sich explizit mit den darstellerischen Politiken der Repräsentation ihres Materials befassen? Cinesonisch Situieren testete, wie Methoden aus den gegenwärtigen Sound Art Studies für das Erforschen von Beziehungen zwischen Bildern und Tönen in künstlerischen Film- und Videoarbeiten eingesetzt werden können; besonders in Arbeiten, die sich aus einer minoritären und machtkritischen Perspektive auf Archivmaterial beziehen. Sound Art Studies Methoden, so eine der leitenden Hypothesen des Projekts, stellen ein experimentelles Vokabular für die Beschreibung der Sinnlichkeit von Ton zur Verfügung, das in medientheoretischen Methoden oft fehlt. Klangliche Texturen und Intensitäten, materielle Eigenheiten, sowie affektive Dynamiken zwischen Zuhörenden und dem Film- und Videoton werden durch die Integration von Sound Art Studies Methoden auch in einer medientheoretischen Analyse fassbar. Gleichzeitig stellen Sound Art Studies Methoden eine Herausforderung dar, wenn sie für die Kunstwerke eingesetzt werden sollen, die das Projekt in den Blick (und in sein Ohr) nimmt: sie verschließen sich dem Denken des Sonischen über das Visuelle und Repräsentatorische. In einem Split, den Jonathan Sterne (2012) "the audiovisual litany" nennt, trennen Sound Art Studies Ton/Hören und Bild/Sehen oft ontologisch. Ton/Hören erscheint dann als immersiv, affektiv, subjektiv, lebendig und relational-verbindend, Bild/Sehen als distanzierend, intellektuell, objektiv, kategorisierend (und damit trennend). Medientheoretische Fragen, die in der Diskussion von Bild- und Tonmaterial aus Archiven wichtig sind (besonders: welche epistemologischen Klassifikationen und Hierarchisierungen machen Archivmaterialien für die in ihnen repräsentierten Menschen geltend?) erscheinen im Lichte dieser Trennung dem Visuellen zugeordnet, und damit weniger relevant. Sound Art Studies Methoden lenken ihre Aufmerksamkeit daher auf den direkten und affektiven Austausch zwischen Zuhörenden und der Materialität des Kunstwerkes, und fragen, welche neuen (und potentiell gerechtere und emanzipatorische) Bedeutungen sich in Bezugnahmen durch Zuhören und sonisches Denken erschließen lassen. Cinesonisch Situieren zeigt in drei detaillierten Fallstudien, wie Sound Art Studies Methoden jenseits des ontologischen Splits der "audiovisual litany" eingesetzt werden können. Anhand ausgewählter Arbeiten von Cana Bilir-Meier, Black Audio Film Collective und Elizabeth Price spürt das Projekt der Interaktion von Ton und Bild nach, beschreibt das Fließen von Bedeutung in solchen Verstrickungen, und verdeutlicht so, wie auch audiovisuelle Beziehungen produktiv durch Sound Art Studies Methoden fassbar werden. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie Fragen der Repräsentation auch in fließenden Bedeutungen nachhallen, und diskutiert anhand von Praxisbeispielen aus der medientheoretischen Werkstatt der Autorin, wie diese Fragen auch in der eigenen Ton-zentrierten medientheoretischen Forschung nachgegangen werden kann.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für angewandte Kunst Wien - 100%

Research Output

  • 11 Publikationen
  • 2 Disseminationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2025
    Titel Sound as Material in "Semra Ertan" (Cana Bilir-Meier 2013): A Methods Discussion
    Typ Journal Article
    Autor Hofer Kp
    Journal Journal of Sonic Studies
  • 2025
    Titel Persistence in time: the hunt for Bacillus anthracis at a historic tannery site in Austria reveals genetic diversity thought extinct
    DOI 10.1128/aem.01732-24
    Typ Journal Article
    Autor Himmelbauer F
    Journal Applied and Environmental Microbiology
  • 2023
    Titel Care as Caution and Concern. What sonic Methodologies of Film can learn from Semra Ertan (2013)
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Hofer Kp
    Konferenz Care. The NECS 2023 Conference
  • 2023
    Titel Sound as Material in Audiovisual Relations? A Methods Discussion.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Hofer Kp
    Konferenz AESR Lab Kickoff
  • 2021
    Titel "You Are Resonating With Ideas More Than With Frequencies."
    Typ Journal Article
    Autor Schörkhuber S
    Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur
    Seiten 78-89
    Link Publikation
  • 2021
    Titel "You Don't Only Listen With Your Ears, You Also Listen With Your Muscles And Your Bones."
    Typ Journal Article
    Autor Hofer Kp
    Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur
    Seiten 90-100
    Link Publikation
  • 2021
    Titel "The Exercise of Listening also Means Listening to What You Read."
    Typ Journal Article
    Autor Hofer Kp
    Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur
    Seiten 68-77
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The Limits of Listening: Three Conversations on Practicing with Sound During a Covid-19 Lockdown
    Typ Journal Article
    Autor Hofer Kp
    Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur
    Seiten 57-67
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Sound | In Empty Rooms
    Typ Book
    Autor Kesting M
    editors Kesting M, Hofer KP
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Sonic Assemblies; In: Notions of Temporalities in Artistic Practice
    DOI 10.1515/9783110720921-012
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2022
    Titel Notions of Temporalities in Artistic Practice
    DOI 10.1515/9783110720921
    Typ Book
    editors Batista A
    Verlag De Gruyter
Disseminationen
  • 2023
    Titel Presentation of the research outcomes to students at University for Applied Arts Vienna
    Typ A talk or presentation
  • 2023
    Titel Sonic Methodology and Audiovisual Relations. Unlearning the Separation of the Senses for Film/Media Studies
    Typ A talk or presentation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2023
    Titel Lecture: "Sound as Material in Audiovisual Relations"
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)
  • 2023
    Titel Panel: Konzepte zu Sound (Art) Research
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)

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