Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Kunstwissenschaften (30%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (50%); Soziologie (10%)
Keywords
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Feminist Theory,
Audiovisual Art,
New Materialism,
Media Theory,
Film Sound,
Sound Studies
Die Idee, was Kino ausmacht, ist gegenwärtig im Wandel begriffen. Filmschaffende produzieren zunehmend für Galerien, Museen und Clubs. Filmkonsum bedeutet nicht mehr zwangsläufig stilles Sitzen im dunklen Saal vor der großen Leinwand, sondern vermehrt auch ortsunabhängiges Sehen und Hören auf mobilen Geräten mit kleinem Display. Und auch Künstler*innen und Theoretiker*innen, die sich mit Film beschäftigen, denken das Medium als eines, das nicht nur den Sehsinn, auch andere Sinne wie das Hören und Tasten anspricht. Diese Verschiebungen wirken sich auch auf das theoretische Konzept des `Cinematischen` aus, also auf die Idee dessen, welche Rezeptionssituationen, Medien, Objekte und Kunstwerke dem Kino zuordenbare Erfahrungen hervorrufen können. Kino erscheint heute als viel weniger an eine bestimmte Technologie, einen bestimmten Ort, oder eine bestimmte Institution gebunden, als es in der bisherigen Filmtheorie oft beschrieben wurde. Mein Projekt spürt diesen Entwicklungen anhand von Filmton nach. Ich frage, wie der Eindruck des Kinohaften über Klänge entsteht, die von verschiedensten Körpern erzeugt werden: die Körper von Performer*innen und Zuseher*/hörer*innen, von Instrumenten, von Speicher- und Abspielmedien, von Produktionssoftware und -hardware, von Ausstellungssettings und Aufführungsräumen. Ich gehe dabei auf die Arbeiten von Künstler*innen ein, die Kino als ein klangliches Medium begreifen, also Kino über Ton entstehen lassen: zum Beispiel über musikalische Performances, die ohne Bilder auskommen, oder über das Spiel mit üblicherweise unsichtbaren filmischen Stilmitteln wie dem Voiceover. Besonders interessieren mich dabei Arbeiten, die ich `cinesonische Performances` nenne: also künstlerische Projekte, die kinohaftes Empfinden durch Live-Ton hervorrufen wollen. Viele der besprochenen Arbeiten, wie zum Beispiel die DJ-Sets von Camilla Sørensen und Greta Christensen oder die Multimedia-Stücke von Grada Kilomba, setzen sich mit dem Zusammenwirken von menschlichen Körpern und Technologien auseinander. Damit bringen sie Fragen auf, denen die gegenwärtige Filmforschung noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt: Welche Komponenten eines Werks, einer Performance, eines Screenings generiert überhaupt die Materialität des Filmtons, und mit welchen theoretischen Begriffen können diese Komponenten und Materialitäten gefasst werden? Wie tragen bestimmte Charakteristika eines Klangereignisses - zum Beispiel seine Lautstärke oder der dazugehörige ADSR-Envelope - dazu bei, dass ein Film eine Geschichte auf eine bestimmte Art erzählt? Wie unterschiedlich wirken kinohafte Klänge in unterschiedlichen lokalen und technischen Setups im Kinosaal und im Museum, im Archiv und im Club, als Projektion und als File auf einer Streaming-Plattform? Und wie kommt es, dass verschiedene Zuseher*/hörer*innen den selben Klängen ganz unterschiedliche Bedeutung zumessen können? 1
Wie kommuniziert Ton als materielles Phänomen Bedeutung in einem Essayfilm? Wie interagieren jene Tonqualitäten, die affektiv und materiell bewegen, mit Film- und Videobildern, die zeichenhaft repräsentieren? Wie kann eine medientheoretische Kritik Film- und Videoton in seiner Materialität fassen, wenn diese Töne in künstlerischen Film- und Videoarbeiten auftauchen, die sich explizit mit den darstellerischen Politiken der Repräsentation ihres Materials befassen? Cinesonisch Situieren testete, wie Methoden aus den gegenwärtigen Sound Art Studies für das Erforschen von Beziehungen zwischen Bildern und Tönen in künstlerischen Film- und Videoarbeiten eingesetzt werden können; besonders in Arbeiten, die sich aus einer minoritären und machtkritischen Perspektive auf Archivmaterial beziehen. Sound Art Studies Methoden, so eine der leitenden Hypothesen des Projekts, stellen ein experimentelles Vokabular für die Beschreibung der Sinnlichkeit von Ton zur Verfügung, das in medientheoretischen Methoden oft fehlt. Klangliche Texturen und Intensitäten, materielle Eigenheiten, sowie affektive Dynamiken zwischen Zuhörenden und dem Film- und Videoton werden durch die Integration von Sound Art Studies Methoden auch in einer medientheoretischen Analyse fassbar. Gleichzeitig stellen Sound Art Studies Methoden eine Herausforderung dar, wenn sie für die Kunstwerke eingesetzt werden sollen, die das Projekt in den Blick (und in sein Ohr) nimmt: sie verschließen sich dem Denken des Sonischen über das Visuelle und Repräsentatorische. In einem Split, den Jonathan Sterne (2012) "the audiovisual litany" nennt, trennen Sound Art Studies Ton/Hören und Bild/Sehen oft ontologisch. Ton/Hören erscheint dann als immersiv, affektiv, subjektiv, lebendig und relational-verbindend, Bild/Sehen als distanzierend, intellektuell, objektiv, kategorisierend (und damit trennend). Medientheoretische Fragen, die in der Diskussion von Bild- und Tonmaterial aus Archiven wichtig sind (besonders: welche epistemologischen Klassifikationen und Hierarchisierungen machen Archivmaterialien für die in ihnen repräsentierten Menschen geltend?) erscheinen im Lichte dieser Trennung dem Visuellen zugeordnet, und damit weniger relevant. Sound Art Studies Methoden lenken ihre Aufmerksamkeit daher auf den direkten und affektiven Austausch zwischen Zuhörenden und der Materialität des Kunstwerkes, und fragen, welche neuen (und potentiell gerechtere und emanzipatorische) Bedeutungen sich in Bezugnahmen durch Zuhören und sonisches Denken erschließen lassen. Cinesonisch Situieren zeigt in drei detaillierten Fallstudien, wie Sound Art Studies Methoden jenseits des ontologischen Splits der "audiovisual litany" eingesetzt werden können. Anhand ausgewählter Arbeiten von Cana Bilir-Meier, Black Audio Film Collective und Elizabeth Price spürt das Projekt der Interaktion von Ton und Bild nach, beschreibt das Fließen von Bedeutung in solchen Verstrickungen, und verdeutlicht so, wie auch audiovisuelle Beziehungen produktiv durch Sound Art Studies Methoden fassbar werden. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie Fragen der Repräsentation auch in fließenden Bedeutungen nachhallen, und diskutiert anhand von Praxisbeispielen aus der medientheoretischen Werkstatt der Autorin, wie diese Fragen auch in der eigenen Ton-zentrierten medientheoretischen Forschung nachgegangen werden kann.
Research Output
- 9 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2025
Titel Sound as Material in "Semra Ertan" (Cana Bilir-Meier 2013): A Methods Discussion Typ Journal Article Autor Hofer Kp Journal Journal of Sonic Studies -
2023
Titel Sound as Material in Audiovisual Relations? A Methods Discussion. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Hofer Kp Konferenz AESR Lab Kickoff -
2023
Titel Care as Caution and Concern. What sonic Methodologies of Film can learn from Semra Ertan (2013) Typ Conference Proceeding Abstract Autor Hofer Kp Konferenz Care. The NECS 2023 Conference -
2021
Titel "You Are Resonating With Ideas More Than With Frequencies." Typ Journal Article Autor Schörkhuber S Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur Seiten 78-89 Link Publikation -
2021
Titel "You Don't Only Listen With Your Ears, You Also Listen With Your Muscles And Your Bones." Typ Journal Article Autor Hofer Kp Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur Seiten 90-100 Link Publikation -
2021
Titel "The Exercise of Listening also Means Listening to What You Read." Typ Journal Article Autor Hofer Kp Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur Seiten 68-77 Link Publikation -
2021
Titel The Limits of Listening: Three Conversations on Practicing with Sound During a Covid-19 Lockdown Typ Journal Article Autor Hofer Kp Journal FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur Seiten 57-67 Link Publikation -
2021
Titel Sound | In Empty Rooms Typ Book Autor Kesting M editors Kesting M, Hofer KP Link Publikation -
2022
Titel Sonic Assemblies; In: Notions of Temporalities in Artistic Practice DOI 10.1515/9783110720921-012 Typ Book Chapter Verlag De Gruyter
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2023
Titel Sonic Methodology and Audiovisual Relations. Unlearning the Separation of the Senses for Film/Media Studies Typ A talk or presentation -
2023
Titel Presentation of the research outcomes to students at University for Applied Arts Vienna Typ A talk or presentation
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2023
Titel Panel: Konzepte zu Sound (Art) Research Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2023
Titel Lecture: "Sound as Material in Audiovisual Relations" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country)