Zum Verständnis der lutherischen Konfessionalisierung
Understanding Lutheran Confessionalisation (ULuC)
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (80%)
Keywords
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Nikolaus Gallus,
Post-Interimist Controversies,
Formation Of Confessions,
German Lutheranism,
Network,
Dedicated Lutherans
Das Projekt widmet sich dem Lutherischen Theologen Nikolaus Gallus (15161570) und seiner Rolle in den innerlutherischen Streitigkeiten seiner Zeit. Wenige Jahre nach dem Tod des Reformators Martin Luther (1546) kam es im deutschen Luthertum zu tiefgreifenden Kontroversen über die Frage, wer das Erbe Luthers in rechter Weise vertrete und damit den Fortbestand der Reformation sicherstelle. Im Hintergrund stand die Religionspolitik Kaiser Karls V. Dieser hatte nach seinem Sieg über die Protestanten im Schmalkaldischen Krieg das Augsburger Interim erlassen (Juni 1548). Mit diesem Reichsgesetz zielte er im Grunde auf die Rückführung der Protestanten in die alte Kirche ab. Auf der Suche nach einem Kompromiss zwischen den Forderungen des Kaisers und den religiösen Bedürfnissen seiner protestantischen Untertanen ließ Kurfürst Moritz von Sachsen u. a. von Philipp Melanchthon die Leipziger Artikel für den Landtag im Dezember 1548 ausarbeiten. Diese sahen Zugeständnisse im Bereich der für das Seelenheil des Menschen nicht relevanten freigelassenen Mitteldinge oder Adiaphora (altgläubige Riten, liturgische Gewänder, etc.) vor. Solange die evangelische Lehre gewahrt bleibe, so die Verfasser, lohne sich ein Streit mit der kaiserlich-altgläubigen Seite nicht. Eine derartige nachgiebige Haltung provozierte den erbitterten Protest der strengen Lutheraner, die in der konfliktreichen historischen Situation, in der sie das endzeitliche Ringen zwischen Chris tus und dem Antichrist zu erkennen meinten, jegliche Zugeständnisse in Sachen Adiaphora ablehnten und als Verrat am Evangelium disqualifizierten. Sie riefen zum Widerstand und zum Bekenntnis der religiösen Wahrheit auf. Dem damit ausgelösten Adiaphoristischen Streit folgte eine Reihe weiterer innerlutherischer Kontroversen, in denen Nikolaus Gallus als einer der führenden Köpfe hervortrat. Er wird im Projekt mittels Quellenanalyse (unpublizierte Briefe, Druckschriften, Predigten, etc.) zum ersten Mal in umfassender Weise in den Blick genommen. Ausgehend von seinen biographischen Stationen (Regensburg, Wittenberg, Magdeburg, Regensburg) werden folgende Aspekte untersucht: 1) Seine Rolle in den damaligen theologischen Debatten und Gruppenbildungsprozessen; 2) seine Aktivitäten als Superintendent von Regensburg (15531570), v.a. sein weitreichendes personelles Netzwerk und sein Einfluss auf die Religionspolitik der österreichischen Länder und des südosteuropäischen Raumes; 3) Charakteristika und Bedeutung der Gruppe der strengen Lutheraner in ihrem gesamteuropäischen Kontext. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Geschichte der Reformation und Konfessionsbildung und zur Geschichte des Protestantismus in den habsburgischen Ländern. Es fügt sich bestens ein in das von Irene Dingel geleitete Mainzer Projekt Controversia et Confessio. Die Forschungsergebnisse werden als Monographie, Einzelaspekte in Aufsätzen publiziert. Zentrale Passagen der Archivquellen werden digital zugänglich gemacht.