Verwandtschaftsehen und katholische Dispenspraxis im 19. Jh.
Kinship Marriages and the Catholic Dispensation Practice
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Soziologie (40%)
Keywords
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Verwandtschaft,
Regionale Muster,
Eheverbote,
Paarkonstellation,
Kirchenrecht,
Dispenspraxis
Ehe und Verwandtschaft sind Beziehungsformen, welche die europäische Gesellschaft historisch in einem hohen Ausmaß als soziale Ordnungs- und Orientierungskategorien strukturiert haben - und bis zu einem gewissen Grad auch heute noch strukturieren. Durch den auf Verwandtschaftsehen gerichte-ten thematischen Fokus kann in diesem Projekt zugleich auch zum Verständnis von Ehe und Ver-wandtschaft als je spezifischen und grundlegenden Beziehungsformen ein Beitrag geleistet werden. Bei den Verwandtschaftsehen handelt es sich - wie Studien zu verschiedenen europäischen Regionen und Orten gezeigt haben - um ein historisches Phänomen mit einer besonders ausgeprägten Konjunk-tur zwischen dem ausgehenden 18. und beginnenden 20. Jahrhundert, also in einer Zeit, die von ge-samtgesellschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnet war. Die Erforschung dieser Wechselbeziehung von gesellschaftlichen Veränderungen und dem Einsatz, der Präsenz und Bedeutung von Verwandt-schaft und Verwandtschaftsehen stellt eine Kernfrage des Projekts dar. Nicht nur in den Argumentationen der Paare und ihrer Zeugen zugunsten einer geplanten Heirat spie-geln sich vielfältige gesellschaftliche Prozesse der Zeit, sondern auch in den administrativen Abläufen der Dispensverfahren, die im katholischen Raum sehr aufwändig sein konnten. Ehen in der Verwandt-schaft und deren Häufigkeit können daher nicht unabhängig vom konfessionellen Kontext gesehen werden. Mit diesem Projekt soll deren Spezifität in die Diskussion eingebracht werden, denn über die katholische Dispenspraxis im 19. Jahrhundert ist außerhalb des romanischen Raumes bislang wenig bekannt. Besondere Spannungsmomente entstanden nicht zuletzt auch aus divergierenden Rechtslagen im kanonischen Recht und im zivilen Recht der Habsburgermonarchie. Den Fragen nach Konjunkturen von Verwandtschaftsehen und nach gesellschaftlichen Erklärungszu- sammenhängen wurde auf europäischer Ebene bislang hauptsächlich aus lokaler Perspektive nachge-gangen oder - wenn für größere Räume - mit einem quantitativen Schwerpunkt. Letzteres ist vor al-lem dadurch bedingt, dass die für großräumige Untersuchungen wichtigsten Quellen, nämlich die Ehedispensansuchen, vielerorts sehr stereotyp formuliert sind und daher wenig Ansatzpunkte für eine qualitative Auswertung bieten. Der innovative Charakter dieses Projekts liegt daher in der Bearbeitung eines größeren regionalen Raumes und in der Reichhaltigkeit des Quellenmaterials, das neben quanti-tativen auch qualitative Zugänge und eine Reihe von thematischen Vertiefungen zu ansonsten quel-lenmäßig nur schwer fassbaren Fragen ermöglicht. Der räumliche Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Diözese Brixen, die sich im 19. Jahrhun-dert aus weiten Teilen des historischen Tirol und aus Vorarlberg zusammengesetzt hat. Für Ver-gleichsperspektiven wird dazu auch die Dispenspraxis in den benachbarten Diözesen Chur (Schweiz), Salzburg und Trient untersucht. Das Hauptquellenmaterial stellen Ehedispensansuchen in den nahen Graden der Verwandtschaft und Schwägerschaft dar, die über die päpstlichen Stellen in Rom, die Da-tarie und die Pönitentiarie, abgewickelt wurden, in Ausnahmefällen auch über die Apostolische Nunti-atur in Wien.
- Universität Wien - 100%