(DIE) VISUELLE GESCHICHTE VON LGBTIQ+ IN UND MIT VERBINDUNGSLINIEN NACH ÖSTERREICH
VISUAL HISTORY OF LGBTIQ+ IN AUSTRIA AND BEYOND
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (50%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (25%); Soziologie (25%)
Keywords
-
Visual History,
LGBTIQ,
Curatorship,
Audiovisual Ephemera,
Museum Studies,
Film Preservation
Queer hat eine Geschichte, und die kann sich zeigen lassen. Die Frage ist nur wie: Denn Darstellungen queerer Lebensformen waren in Österreich unter scharfer Strafgesetzgebung bis Mitte der 90er Jahre verboten. Gemäß dem bis 1996 aufrechten Werbe- und Vereinsverbot wurden queere Lebensformen in Film und Fernsehen historisch mehrheitlich ignoriert und wenn, dann eher als eine Geschichte der Unterdrückung dargestellt und reproduziert. Umso bedeutender erscheinen jene audiovisuellen Spuren der LGBTIQ+-Community, die wir jenseits von offizieller Repräsentation und staatlicher Einflussnahme finden nämlich in sogenannten ephemeren Filmen und Videos: Home Movies, Amateurfilme, Bewegungsfilme, Kampagnenvideos also Aufzeichnungen, die außerhalb industrieller und künstlerischer Verwertungskontexte entstanden sind. Vom Schmalfilm bis in die 2000er finden wir durch die Jahrzehnte hindurch Zeugnisse einer vielschichtigen, diversen und transnational aktiven queeren Kultur. Unter dem Arbeitstitel Regenbogenfilme widmet sich das Österreichische Filmmuseum in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Mediathek, QWIEN Zentrum für queere Geschichte, STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung sowie dem Schwulen Museum Berlin und dem Ludwig Boltzmann Institute for Digital History im Sinne eines Langzeitprojekts der Sammlung dieser Filme- und Videos. Das bislang erschlossene Material umfasst eine Laufzeit von mehreren tausend Minuten. Das Projekt VISUAL HISTORY OF LGBTIQ+ IN AUSTRIA AND BEYOND analysiert erstmals die audiovisuelle ephemere Selbstdokumentation der LGBTIQ+-Community in und mit Verbindungslinien nach Österreich. Vom Wohnzimmersetting bis zum aktivistischen Film das Material ist eine Ressource für emanzipatorische Utopien von Subjektivität, Sozialität und Kollektivität: Es erzählt uns über Formen des Zusammenlebens in prekären und krisenhaften Kontexten, und erscheint von gesamtgesellschaftlicher Relevanz und Aktualität: Wie leben in Zeiten schwindender Demokratie, von Repression, Rassismus, Hass, Homo- und Transphobie? Queere Geschichte als subkulturelle Geschichte ist immer auch eine Geschichte von Räumen, seien sie lokal oder virtuell, in denen etwas lebbar wird. Das Projekt begreift die Filme und Videos daher nicht als private Dokumente, sondern entgegen der ubiquitären Privatisierung von Existenz als ephemere Räume einer geheimen Öffentlichkeit. Ziel ist eine audiovisuelle Alltags- und Bewegungsgeschichte von LGBTIQ+ sowie die Entwicklung von kuratorischen Strategien für ihre Vermittlung. Letztere stellt vor bild- und datenethische Herausforderungen; der Grat zwischen Empowerment und Vulnerabilität ist schmal: Angesichts der Fragilität der Ephemera geht es um Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Material von sog. visuellen Minderheiten. Welche Möglichkeiten zwischen archivarischer Geheimhaltung und dem strategielosen Hochladen in die Cloud gibt es? Wie geht man mit visuellen Leerstellen um? Welche strategische Rolle kommt den Künsten zu?
Die Geschichte von LGBTIQ* in und um Österreich wird - bedingt durch die tiefgreifende und jahrzehntelange staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung - häufig aus der Perspektive gesetzlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen erzählt: Als Geschichte des Lebens im Verborgenen, als Opfergeschichte, als Geschichte des Versteckens. Das Projekt Visual History of LGBTIQ+ in Austria and Beyond setzte dieser Perspektive der Unterdrückung eine andere Sichtweise entgegen und widmete sich filmischen Selbstdokumenten: Amateurfilme bzw. Home Movies bildeten die Grundlage. Trotz des bis 1996 bestehenden, auch für Filmaufnahmen geltenden anti-homosexuellen Werbeverbots sowie anhaltender gesellschaftlicher Diskriminierung entstanden zwischen 1900 und 2010 tausende filmische Dokumente innerhalb der LGBTIQ*-Community, die in Alltag und Kontexte sozialer Bewegungen und Aktivismen führen. Ein Großteil dieser Filme mit queerem Point-of-View konnte - in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, der Österreichischen Mediathek, dem QWIEN-Zentrum für queere Geschichte und Stichwort-Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung - dezentral an diesen Orten gesammelt und gesichert werden. Ziel war es, unter Einbindung von Zeitzeug*innen wie auch Akteur*innen und Aktivist*innen jüngeren Alters auf Grundlage kollektiver Sichtungs- und Entscheidungsprozesse eine Archivinfrastruktur für dieses ethisch sensible Material zu schaffen. Die Filme und Videos wurden teils durch öffentliche Sammelaufrufe des Filmmuseums in Zusammenarbeit mit QWIEN erworben, teils in queeren Bewegungsarchiven oder anderen Community-Kontexten, etwa der Aids Hilfe Wien, vorgefunden. Angesichts des Wiedererstarkens homo- und transphober, misogyner und rassistischer Kräfte war es notwendig, ein Modell zu entwickeln, das sowohl den Zugang zum Material ermöglicht als auch seinen Schutz vor feindlichem Zugriff gewährleistet. Das entwickelte Datenverwaltungsmodell bündelt die Kompetenzen mehrerer archivarischer Infrastrukturen und fasst mehrere tausend Objekte in einem Verweissystem zusammen. Es informiert über die Bestände in den einzelnen Partnerarchiven, in denen die Filme nun - je nach Schutzbedarf und Zielgruppe - in unterschiedlichen Abstufungen zugänglich sind, von breiter Öffentlichkeit bis communityintern. Grundlage für die Entscheidung über Zugänglichkeit war eine eigens entwickelte, community-basierten Sichtungsstrategie ("Seherfahrungsräume"), die gemeinsam mit Institutionen wie der Homosexuellen Initiative Wien (HOSI) oder dem Queer Museum Vienna (QMV) umgesetzt wurde. Parallel zur Neuerschließung von Filmen und Videos wurden bereits archivierte, öffentlich zugängliche Langzeitbestände - darunter sämtliche LGBTIQ*-bezogene Fernsehbeiträge des Österreichischen Rundfunks (ORF) oder einschlägige Ephemera aus queeren Archiven - ins Verweissystem integriert. Aus Gründen des Schutzes wie der Vernachlässigung waren diese Materialien in offiziellen Archiven häufig aufgrund unzureichender Metadaten nur schwer auffindbar oder nicht sichtbar. Sie werden in Form eines Index erstmals niederschwellig zugänglich gemacht. Rund 1000 der verzeichneten Filme und Videos bildeten schließlich die Grundlage für eine entlang der filmischen Räume rekonstruierte Geschichte von LGBTIQ*. Durch den veränderten Blickwinkel zeigt sich diese Geschichte nicht primär als eine Geschichte der Unterdrückung, sondern als Erzählung von Widerstand, Begehren und Solidarität - in Bildern und Erfahrung. Sie wurde auf Grundlage der in den Seherfahrungsräumen und zahlreichen Sichtungen kollektiv analysierten filmischen und erinnerten Räume geschrieben.
- Margit Hauser, nationale:r Kooperationspartner:in
- Andreas Brunner, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen , nationale:r Kooperationspartner:in
- Gabriele Fröschl, Technisches Museum Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Michael Loebenstein, Österreichisches Filmmuseum , nationale:r Kooperationspartner:in
- Peter Rehberg, Schwules Museum Berlin - Deutschland
Research Output
- 7 Publikationen
- 1 Policies
- 6 Künstlerischer Output
- 6 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2025
Titel How to Do Things with Valie Export Typ Book Autor Export Valie Verlag Spector Books -
2025
Titel How to Do Things with VALIE EXPORT Typ Book Autor Kondor E editors Müller K, Kondor E, Loebenstein M Verlag Spector Books Link Publikation -
2024
Titel Des publics secrets: Sur le traitement des auto-documents filmiques du mouvement LGBTIQ Typ Conference Proceeding Abstract Autor Müller K. Konferenz 54ème Conférence annuelle de l'International Association of Labour History Institutions : Traitement des objets << militants >> : conservation, valorisation, histoire Link Publikation -
2024
Titel Archive [Frauen und Film (72)] Typ Book Autor Brunow D editors Brunow D, Müller K Verlag AvivA Link Publikation -
2024
Titel Editorial; In: Archive [Frauen und Film (72)] Typ Book Chapter Autor Brunow D Verlag AvivA Seiten 5-6 Link Publikation -
2024
Titel Digitale Methoden und Ambivalenzen von Un_Sichtbarkeit; In: Archive [Frauen und Film (72)] Typ Book Chapter Autor Müller K Verlag AvivA Seiten 123-127 Link Publikation -
2023
Titel LGBTIQ* homemovies: Vor der Party Typ Conference Proceeding Abstract Autor Müller K Konferenz ifk - 30 years: Where are we now? Kulturwissenschaftlich arbeiten 1993-2043 Link Publikation
-
2023
Titel Advisory Support on the Processing and Cataloguing of Sensitive LGBTIQ-Related Audiovisual Collections Typ Influenced training of practitioners or researchers
-
2024
Link
Titel Das Frauencafé wiedereröffnen! Starting a conversation through cinematic traces. Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link -
2024
Link
Titel Film screening Ladyfest04: Where are we now? Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link -
2024
Link
Titel Filmic self-documentation of the women's/lesbian movement Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link -
2024
Link
Titel LESBIFEM Home Movie Special: Dein ist mein ganzer Schmerz Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link -
2024
Link
Titel QUEER HOME MOVIES: DAS SCHWULE TREFFEN Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link -
2024
Link
Titel TRANS* QUEER HOME MOVIES Typ Artistic/Creative Exhibition Link Link
-
2025
Link
Titel Interview in Lambda Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2024
Link
Titel LGBTIQ* and Beyond - Queer Audiovisual Traces in and around Austria 1900-2000 Typ Participation in an open day or visit at my research institution Link Link -
2023
Titel Curatorial Activism in the Museum Context Typ A talk or presentation -
2023
Link
Titel Interview Gap Magazine Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2024
Link
Titel Visual History of LGBTIQ* @ Frauen Film Fest Köln Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2024
Link
Titel Interview with SciLog (the Austrian Science Fund's online science magazine) Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link
-
2022
Titel Pride Biz Research Prize, endowed by Wiener Städtische Versicherung AG Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country)