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(DIE) VISUELLE GESCHICHTE VON LGBTIQ+ IN UND MIT VERBINDUNGSLINIEN NACH ÖSTERREICH

VISUAL HISTORY OF LGBTIQ+ IN AUSTRIA AND BEYOND

Katharina Müller (ORCID: 0000-0001-9657-9886)
  • Grant-DOI 10.55776/V950
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2023
  • Projektende 31.12.2025
  • Bewilligungssumme 171.695 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (50%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (25%); Soziologie (25%)

Keywords

    Visual History, LGBTIQ, Curatorship, Audiovisual Ephemera, Museum Studies, Film Preservation

Abstract Endbericht

Queer hat eine Geschichte, und die kann sich zeigen lassen. Die Frage ist nur wie: Denn Darstellungen queerer Lebensformen waren in Österreich unter scharfer Strafgesetzgebung bis Mitte der 90er Jahre verboten. Gemäß dem bis 1996 aufrechten Werbe- und Vereinsverbot wurden queere Lebensformen in Film und Fernsehen historisch mehrheitlich ignoriert und wenn, dann eher als eine Geschichte der Unterdrückung dargestellt und reproduziert. Umso bedeutender erscheinen jene audiovisuellen Spuren der LGBTIQ+-Community, die wir jenseits von offizieller Repräsentation und staatlicher Einflussnahme finden nämlich in sogenannten ephemeren Filmen und Videos: Home Movies, Amateurfilme, Bewegungsfilme, Kampagnenvideos also Aufzeichnungen, die außerhalb industrieller und künstlerischer Verwertungskontexte entstanden sind. Vom Schmalfilm bis in die 2000er finden wir durch die Jahrzehnte hindurch Zeugnisse einer vielschichtigen, diversen und transnational aktiven queeren Kultur. Unter dem Arbeitstitel Regenbogenfilme widmet sich das Österreichische Filmmuseum in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Mediathek, QWIEN Zentrum für queere Geschichte, STICHWORT Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung sowie dem Schwulen Museum Berlin und dem Ludwig Boltzmann Institute for Digital History im Sinne eines Langzeitprojekts der Sammlung dieser Filme- und Videos. Das bislang erschlossene Material umfasst eine Laufzeit von mehreren tausend Minuten. Das Projekt VISUAL HISTORY OF LGBTIQ+ IN AUSTRIA AND BEYOND analysiert erstmals die audiovisuelle ephemere Selbstdokumentation der LGBTIQ+-Community in und mit Verbindungslinien nach Österreich. Vom Wohnzimmersetting bis zum aktivistischen Film das Material ist eine Ressource für emanzipatorische Utopien von Subjektivität, Sozialität und Kollektivität: Es erzählt uns über Formen des Zusammenlebens in prekären und krisenhaften Kontexten, und erscheint von gesamtgesellschaftlicher Relevanz und Aktualität: Wie leben in Zeiten schwindender Demokratie, von Repression, Rassismus, Hass, Homo- und Transphobie? Queere Geschichte als subkulturelle Geschichte ist immer auch eine Geschichte von Räumen, seien sie lokal oder virtuell, in denen etwas lebbar wird. Das Projekt begreift die Filme und Videos daher nicht als private Dokumente, sondern entgegen der ubiquitären Privatisierung von Existenz als ephemere Räume einer geheimen Öffentlichkeit. Ziel ist eine audiovisuelle Alltags- und Bewegungsgeschichte von LGBTIQ+ sowie die Entwicklung von kuratorischen Strategien für ihre Vermittlung. Letztere stellt vor bild- und datenethische Herausforderungen; der Grat zwischen Empowerment und Vulnerabilität ist schmal: Angesichts der Fragilität der Ephemera geht es um Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Material von sog. visuellen Minderheiten. Welche Möglichkeiten zwischen archivarischer Geheimhaltung und dem strategielosen Hochladen in die Cloud gibt es? Wie geht man mit visuellen Leerstellen um? Welche strategische Rolle kommt den Künsten zu?

Die Geschichte von LGBTIQ* in und um Österreich wird - bedingt durch die tiefgreifende und jahrzehntelange staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung - häufig aus der Perspektive gesetzlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen erzählt: Als Geschichte des Lebens im Verborgenen, als Opfergeschichte, als Geschichte des Versteckens. Das Projekt Visual History of LGBTIQ+ in Austria and Beyond setzte dieser Perspektive der Unterdrückung eine andere Sichtweise entgegen und widmete sich filmischen Selbstdokumenten: Amateurfilme bzw. Home Movies bildeten die Grundlage. Trotz des bis 1996 bestehenden, auch für Filmaufnahmen geltenden anti-homosexuellen Werbeverbots sowie anhaltender gesellschaftlicher Diskriminierung entstanden zwischen 1900 und 2010 tausende filmische Dokumente innerhalb der LGBTIQ*-Community, die in Alltag und Kontexte sozialer Bewegungen und Aktivismen führen. Ein Großteil dieser Filme mit queerem Point-of-View konnte - in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, der Österreichischen Mediathek, dem QWIEN-Zentrum für queere Geschichte und Stichwort-Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung - dezentral an diesen Orten gesammelt und gesichert werden. Ziel war es, unter Einbindung von Zeitzeug*innen wie auch Akteur*innen und Aktivist*innen jüngeren Alters auf Grundlage kollektiver Sichtungs- und Entscheidungsprozesse eine Archivinfrastruktur für dieses ethisch sensible Material zu schaffen. Die Filme und Videos wurden teils durch öffentliche Sammelaufrufe des Filmmuseums in Zusammenarbeit mit QWIEN erworben, teils in queeren Bewegungsarchiven oder anderen Community-Kontexten, etwa der Aids Hilfe Wien, vorgefunden. Angesichts des Wiedererstarkens homo- und transphober, misogyner und rassistischer Kräfte war es notwendig, ein Modell zu entwickeln, das sowohl den Zugang zum Material ermöglicht als auch seinen Schutz vor feindlichem Zugriff gewährleistet. Das entwickelte Datenverwaltungsmodell bündelt die Kompetenzen mehrerer archivarischer Infrastrukturen und fasst mehrere tausend Objekte in einem Verweissystem zusammen. Es informiert über die Bestände in den einzelnen Partnerarchiven, in denen die Filme nun - je nach Schutzbedarf und Zielgruppe - in unterschiedlichen Abstufungen zugänglich sind, von breiter Öffentlichkeit bis communityintern. Grundlage für die Entscheidung über Zugänglichkeit war eine eigens entwickelte, community-basierten Sichtungsstrategie ("Seherfahrungsräume"), die gemeinsam mit Institutionen wie der Homosexuellen Initiative Wien (HOSI) oder dem Queer Museum Vienna (QMV) umgesetzt wurde. Parallel zur Neuerschließung von Filmen und Videos wurden bereits archivierte, öffentlich zugängliche Langzeitbestände - darunter sämtliche LGBTIQ*-bezogene Fernsehbeiträge des Österreichischen Rundfunks (ORF) oder einschlägige Ephemera aus queeren Archiven - ins Verweissystem integriert. Aus Gründen des Schutzes wie der Vernachlässigung waren diese Materialien in offiziellen Archiven häufig aufgrund unzureichender Metadaten nur schwer auffindbar oder nicht sichtbar. Sie werden in Form eines Index erstmals niederschwellig zugänglich gemacht. Rund 1000 der verzeichneten Filme und Videos bildeten schließlich die Grundlage für eine entlang der filmischen Räume rekonstruierte Geschichte von LGBTIQ*. Durch den veränderten Blickwinkel zeigt sich diese Geschichte nicht primär als eine Geschichte der Unterdrückung, sondern als Erzählung von Widerstand, Begehren und Solidarität - in Bildern und Erfahrung. Sie wurde auf Grundlage der in den Seherfahrungsräumen und zahlreichen Sichtungen kollektiv analysierten filmischen und erinnerten Räume geschrieben.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Margit Hauser, nationale:r Kooperationspartner:in
  • Andreas Brunner, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen , nationale:r Kooperationspartner:in
  • Gabriele Fröschl, Technisches Museum Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
  • Michael Loebenstein, Österreichisches Filmmuseum , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Peter Rehberg, Schwules Museum Berlin - Deutschland

Research Output

  • 7 Publikationen
  • 1 Policies
  • 6 Künstlerischer Output
  • 6 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2025
    Titel How to Do Things with Valie Export
    Typ Book
    Autor Export Valie
    Verlag Spector Books
  • 2025
    Titel How to Do Things with VALIE EXPORT
    Typ Book
    Autor Kondor E
    editors Müller K, Kondor E, Loebenstein M
    Verlag Spector Books
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Des publics secrets: Sur le traitement des auto-documents filmiques du mouvement LGBTIQ
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Müller K.
    Konferenz 54ème Conférence annuelle de l'International Association of Labour History Institutions : Traitement des objets << militants >> : conservation, valorisation, histoire
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Archive [Frauen und Film (72)]
    Typ Book
    Autor Brunow D
    editors Brunow D, Müller K
    Verlag AvivA
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Editorial; In: Archive [Frauen und Film (72)]
    Typ Book Chapter
    Autor Brunow D
    Verlag AvivA
    Seiten 5-6
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Digitale Methoden und Ambivalenzen von Un_Sichtbarkeit; In: Archive [Frauen und Film (72)]
    Typ Book Chapter
    Autor Müller K
    Verlag AvivA
    Seiten 123-127
    Link Publikation
  • 2023
    Titel LGBTIQ* homemovies: Vor der Party
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Müller K
    Konferenz ifk - 30 years: Where are we now? Kulturwissenschaftlich arbeiten 1993-2043
    Link Publikation
Policies
  • 2023
    Titel Advisory Support on the Processing and Cataloguing of Sensitive LGBTIQ-Related Audiovisual Collections
    Typ Influenced training of practitioners or researchers
Künstlerischer Output
  • 2024 Link
    Titel Das Frauencafé wiedereröffnen! Starting a conversation through cinematic traces.
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel Film screening Ladyfest04: Where are we now?
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel Filmic self-documentation of the women's/lesbian movement
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel LESBIFEM Home Movie Special: Dein ist mein ganzer Schmerz
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel QUEER HOME MOVIES: DAS SCHWULE TREFFEN
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel TRANS* QUEER HOME MOVIES
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
Disseminationen
  • 2025 Link
    Titel Interview in Lambda
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel LGBTIQ* and Beyond - Queer Audiovisual Traces in and around Austria 1900-2000
    Typ Participation in an open day or visit at my research institution
    Link Link
  • 2023
    Titel Curatorial Activism in the Museum Context
    Typ A talk or presentation
  • 2023 Link
    Titel Interview Gap Magazine
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel Visual History of LGBTIQ* @ Frauen Film Fest Köln
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2024 Link
    Titel Interview with SciLog (the Austrian Science Fund's online science magazine)
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2022
    Titel Pride Biz Research Prize, endowed by Wiener Städtische Versicherung AG
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad National (any country)

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