Die Erzeugung von Arbeit. Wohlfahrt, Arbeitsmarkt und die umstrittenen Grenzen von Lohnarbeit (1880-1930).
The production of work. Welfare, labour-market and the disputed boundaries of labour.
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (60%); Wirtschaftswissenschaften (40%)
Keywords
-
Work,
Unemployment,
Social Welfare,
Mobility,
Labour Market,
Poverty
Moderne staatliche Sozialpolitik etablierte seit dem späten 19. Jh. Versicherungsschutz in bestimmten formalisierten Fällen von Nicht-Arbeit: im Alter, bei Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit. Damit gewann auch die Kontrolle von Anspruchsberechtigungen, von nationalstaatlicher Zugehörigkeit, Arbeitswilligkeit oder Arbeits(un)fähigkeit an Bedeutung. Die neuen Regulierungen von Arbeit und Nicht-Arbeit manifestierten neue Vorstellungen von Arbeit und Beruf. Mit Bezug auf die veränderte gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit und auf neue soziale Rechte erlebten zugleich die Debatten über Landstreicherei, Bettelei und Arbeitsscheu einen neuen Aufschwung. Wem sollte geholfen werden? Wer schädigte hingegen durch Verweigerung von Arbeit das Gemeinwohl? Nicht jede Art, ein Einkommen zu finden, wurde gleichermaßen als Arbeit anerkannt. Viele Aktivitäten changierten zwischen Arbeit, Arbeitssuche, Nicht-Arbeit, Bettelei und Vagabundage. Sie wurden verdächtigt, Deckmantel für Arbeitsscheu oder "negative Arbeit" zu sein und gehörten damit zum umstrittenen Grenzbereich zwischen Wohlfahrt, Arbeitsmarkt und Kriminalität. Formen ungelernter und temporärer Lohnarbeit wurden in diesem Kontext (weiter) marginalisiert. Das Projekt untersucht die umstrittenen Grenzen von Arbeit. Die Untersuchung konzentriert sich auf Österreich 1918-1938. Darüber hinaus wird jedoch ein internationaler Vergleich angestrebt und werden wesentliche Entwicklungstendenzen seit dem späten 19. Jahrhundert berücksichtigt. Bislang wurden die Veränderungen von Arbeit und die Entstehung staatlicher Wohlfahrtspolitik meist aus der Perspektive von Staat und Politik beschrieben. Das Projekt nimmt eine andere Perspektive ein: Es wird untersuchen, wie und gegen welche anderen Formen die letztlich dominanten Konzepte von Lohnarbeit und Beruf etabliert wurden. Wie variierte die Verbindlichkeit dieser Konzepte nach Alter, Geschlecht und Ethnizität? Auf welche Weisen wurde definiert, welche Praktiken Arbeit und welche Nicht-Arbeit waren? Wie wurden diese Unterschiede und Hierarchien praktisch durchgesetzt? Im Mittelpunkt der Untersuchung steht damit der Zusammenhang prekärer Formen von Lohnarbeit und Nicht-Arbeit mit der Organisation von Arbeitsmarkt, Arbeitsvermittlung und Arbeitssuche. Marginalisierte Perspektiven und Praktiken müssen daher wesentlich in die Analyse mit eingeschlossen werden. Besonderes Interesse verdienen dabei das Wandern von Arbeitslosen sowie die damit verbundenen Formen von Integration, Unterstützung und Kontrolle. Das Projekt wird somit die praktische Wirksamkeit von Arbeitsmarktpolitik untersuchen und ein besseres Verständnis von Kontrollen der Binnenmigration erlauben. Damit wird das Projekt in vielerlei Hinsicht wissenschaftliches Neuland erschließen und neue Perspektiven auf die Geschichte der Arbeit und des Sozialstaates eröffnen.
Seit dem späten 19. Jahrhundert entstand eine staatliche Sozialpolitik, die nicht bloß in Arbeit und Arbeitsverhältnisse intervenierte, sondern vielmehr neue soziale Phänomene mit hervorbrachte: eine neue Arbeit und damit in Zusammenhang stehend Arbeitslosigkeit und staatliche Arbeitsmärkte. Das Projekt untersuchte, wie und wogegen diese neue Arbeit durchgesetzt und normalisiert wurde. Ausgangspunkt war dabei nicht eine ahistorische Definition von Arbeit, vielmehr wurden Auseinandersetzungen um die Legitimität von Lebensunterhalten zum Gegenstand gemacht. Das Projekt beschränkte sich dabei nicht auf staatliche Politik, politische Debatten und Kämpfe, sondern rekonstruierte die Erzeugung von Arbeit als Zusammenhang von vielfältigen Praktiken. Es schloss systematisch die beherrschte Praktiken und Perspektiven jener mit ein, die auf unterschiedliche Weise einen Lebensunterhalt suchten und dabei auch auf unterschiedliche Weise von Behörden Gebrauch machten. Das Projekt verdeutlicht, wie berufliche Beschäftigung, die Eignung und Neigung, Ausbildung, ausreichend Einkommen, Sicherheit, Karriere, Status und Erfüllung versprach und erlaubte, als dominante Referenz für Lebensunterhalte durchgesetzt wurde. Diese Arbeit wurde mit bestimmten sozialen Rechten und mit legitimen Formen von Nicht-Arbeit komplementiert. Dies war jedoch niemals die einzige Art, wie Menschen ihren Lebensunterhalt organisierten, organisieren wollten und/oder konnten. Tätigkeiten im Haushalt und Lebensunterhalte von Frauen sind dafür nur die prominentesten Beispiele. In den Quellen findet sich neben Arbeit auch Beruf, Dienst, Erwerb, Lebensunterhalt, Existenz, Auskommen etc., also konkurrierende und kontrastierende praktische Vorstellungen, die sich nicht einfach unter Arbeit subsumieren lassen. Unterschiedliche und oft wechselhafte Lebensunterhalte, die nicht der neuen Arbeit entsprachen, waren keineswegs anachronistisch, marginal oder selten. Sie müssen als konstitutive Elemente der konsensuell/konfliktiven Erzeugung einer neuen Arbeit begriffen werden. Diese Praktiken wurden nicht einfach ausgeschlossen oder negiert, sondern immer mehr (nicht an Lohnarbeit per se, sondern) an beruflicher Beschäftigung gemessen, nach deren Modell verändert oder verworfen. Dabei wurden neue Unterschiede und Hierarchien durchgesetzt: Es veränderte sich das gesamte Spektrum möglicher Lebensunterhalte. Die gängige Vorstellung einer simplen Verengung von Arbeit auf Erwerbs- oder Lohnarbeit greift damit also, wie unsere Ergebnisse zeigen, zu kurz. Der Fokus der Forschung lag auf Österreich 1918-1938. Darüber hinaus wurden aber auch längerfristige Entwicklungen, etwa ab 1880, berücksichtigt. Das Projekt untersuchte die Dimensionen dieser Auseinandersetzungen in verschiedenen, eng zusammenhängenden Teilbereichen: staatliche Arbeitsvermittlung, Arbeitsmarkt und Arbeitssuche; verschiedene Arten von Dienst; verschiedenes Nicht-Arbeiten (Arbeitslosigkeit, Vagabundage oder Arbeitsscheu) und dessen Konsequenzen; selbständige Erwerbe; Musik als Kunst, Freizeit oder Erwerb. Auf der Grundlage von Verwaltungsmaterialien, lebensgeschichtlichen Texten etc. wurde systematisch eine Serie von strukturalen Samples konstruiert und mit Hilfe von spezifischen multiplen Korrespondenzanalysen, einer Technik der Geometric Data Analysis, ausgewertet.
- Universität Wien - 100%
- Elisio Macamo, Universität Bayreuth - Deutschland
- Jochen Oltmer, Universität Osnabrück - Deutschland
- Beate Althammer, Universität Trier - Deutschland
- Laurence Fontaine, Ecole Normale Supérieure de Paris - Frankreich
- Marlou Schrover, Universiteit Leiden - Niederlande
Research Output
- 145 Zitationen
- 46 Publikationen
-
2024
Titel Die Produktion besonderer Arbeitskräfte - Auseinandersetzungen um den häuslichen Dienst in Österreich (1880-1938) DOI 10.1515/9783110633351 Typ Book Autor Richter J Verlag De Gruyter -
2014
Titel The Welfare State and the ‘Deviant Poor’ in Europe, 1870–1933 DOI 10.1057/9781137333629 Typ Book Verlag Springer Nature -
2011
Titel Orte der Produktion von Arbeitsmarkt: Arbeitsämter in Deutschland, 1890-1933. Typ Book Chapter Autor Becker (Ed): Sprachvollzug Im Amt: Kommunikation Und Verwaltung In Europa Des 19 Und 20 Jahrhunderts (Kulturgeschichten Der Moderne). -
2011
Titel Shadow economies and irregular work in urban Europe: 16th to early 20th centuries. Typ Other Autor Buchner T -
2011
Titel Establishing Distinctions: Unemployment versus Vagrancy in Austria from the Late Nineteenth Century to 1938* DOI 10.1017/s0020859010000702 Typ Journal Article Autor Wadauer S Journal International Review of Social History Seiten 31-70 Link Publikation -
2011
Titel Mobility and irregularities: Itinerant sales in Vienna in the 1920s and 1930s. Typ Book Chapter Autor Buchner -
2012
Titel The Making of Public Labour Intermediation: Job Search, Job Placement, and the State in Europe, 1880–1940* DOI 10.1017/s002085901200048x Typ Journal Article Autor Wadauer S Journal International Review of Social History Seiten 161-189 Link Publikation -
2012
Titel Arbeitsvermittlung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik: (Selbst-)Regulierung als Marktkonstruktion. Typ Book Chapter Autor Buchner T -
2015
Titel A Vocation in the Family Household? Household Integration, Professionalization and Changes of Employment in Domestic Service (Austria, 1918-1938). Typ Book Chapter Autor Richter J -
0
Titel Die Erzeugung des Berufs - Production of "Beruf". Typ Other Autor Buchner T Et Al -
2014
Titel Musik machen - hören - schreiben: Musikkulturelle Praktiken als Themen in auto/biographischen Dokumenten von Frauen in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts. Typ Book Chapter Autor Gerhalter L -
2008
Titel Arbeitsämter und Arbeitsmarkt in Deutschland, 1890-1935. Typ Book Chapter Autor Buchner T -
2008
Titel Historische Migrationsforschung: Überlegungen zu Möglichkeiten und Hindernissen. Typ Journal Article Autor Wadauer S -
2008
Titel Ökonomie und Notbehelfe in den 1920er und 30er Jahren. Typ Book Chapter Autor Melichar -
2008
Titel Berufsstatistisches Niederösterreich: Der offizielle Berufs- und Arbeitsmarkt nach den Volkszählungen 1934, 1971 und 2001. Typ Book Chapter Autor Mejstrik A -
0
Titel Übergänge und Schnittmengen: Arbeit, Migration, Bevölkerung und Wissenschaftsgeschichte in Diskussion. Typ Other Autor Steidl A -
0
Titel Die Krise des Sozialstaats und die Intellektuellen: Sozialwissenschaftliche Perspektiven aus Frankreich (Studien zur historischen Sozialwissenschaft). Typ Other Autor Mejstrik A -
2020
Titel Zur Durchsetzung von Berufskonzepten durch die offentliche Arbeitsmarktverwaltung (Osterreich 1918-1938) DOI 10.25365/oezg-2013-24-1-3 Typ Other Autor Vana I Link Publikation -
2012
Titel Felder und Korrespondenzanalysen. Erfahrungen mit einer „Wahlverwandtschaft“ DOI 10.1007/978-3-531-94259-9_6 Typ Book Chapter Autor Mejstrik A Verlag Springer Nature Seiten 151-189 -
2012
Titel Vagabund. Typ Book Chapter -
2012
Titel Vagabund. Typ Book Chapter Autor Jäger (Ed): Enzyklopädie Der Neuzeit. -
2012
Titel Asking for the privilege to work. Applications for a peddling license (Austria in the 1920s and 1930s). Typ Book Chapter Autor Hurren -
2012
Titel Die Arbeit der Sozialwissenschaften: auf der Suche nach verlorenen Evidenzen - Franz Schultheis im Gespräch mit Alexander Mejstrik und Sigrid Wadauer. Typ Book Chapter Autor Mejstrik A -
2012
Titel Sozialwissenschaften - Reflexion und Intervention. Typ Book Chapter Autor Mejstrik A -
2015
Titel Von Arbeitslosen und Arbeitsscheuen: Die Herstellung von Unterschieden zwischen nicht-Arbeiten in Zwangsarbeitsanstalten, Besserungsanstalten und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (Österreich 1918-1938). Typ Book Chapter Autor Hinsch S -
2011
Titel Introduction: Irregular work and shadow economies as a topic of modern history - problems and possibilities. Typ Book Chapter Autor Buchner T -
2015
Titel Organizing the Market? Labour Offices and Labour Markets in Germany, 1890-1933. Typ Book Chapter Autor Buchner T -
2015
Titel The Usage of Public Labour Offices by Job Seekers in Interwar Austria. Typ Book Chapter Autor Vana I -
2015
Titel What is "Domestic Service" Anyway? Producing Household Labourers in Austria (1918-1938). Typ Journal Article Autor Richter J Journal van Nederveen Meerkerk, Neunsinger, Hoerder (Hg): Towards a Global History of Domestic and Care Workers. -
2015
Titel The usual Suspects. Begging and Vagrancy in the Context of Social Policy, Police and Legal Practice (Austria, 1920s and 1930s). Typ Book Chapter Autor Althammer -
2015
Titel Concluding remarks. Typ Book Chapter Autor Wadauer S -
2015
Titel Introduction: Job search and job placement in the 19th and 20th centuries. Typ Journal Article Autor Mejstrik A Et Al Journal Wadauer, Buchner, Mejstrik (eds): The History of Labour Intermediation: Institutions and Finding Employment in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries. -
2015
Titel Towards a Global History of Domestic and Caregiving Workers DOI 10.1163/9789004280144 Typ Book Autor Hoerder D Verlag De Gruyter -
2010
Titel Der Neubau des Arbeitsamtsgebäudes in Dessau 1928 - Wer ist Arbeitsnachweisexperte? Typ Book Chapter Autor 25. Österreichischer Historikertag -
2009
Titel Nicht-reguläre Erwerbsarbeit in der Neuzeit. Typ Book Chapter Autor Buchner T -
2013
Titel Tramping in Search of Work: Practices of Wayfarers and Authorities (Austria 1880-1938). Typ Book Chapter Autor Wadauer S -
2013
Titel Ins Un/Recht setzen: Diffamierung und Rehabilitierung des Hausierens. Typ Book Chapter Autor Schößler -
2013
Titel Annäherungen an den Musikerberuf in Österreich (ca. 1900-1938). Typ Journal Article Autor Schinko G Journal Mejstrik, Wadauer, Buchner (Hg): Die Erzeugung des Berufs - Production of "Beruf". -
2013
Titel Arbeitsmärkte ordnen oder konstruieren? Öffentliche Arbeitsnachweise in Deutschland (circa 1890 bis 1914). Typ Journal Article Autor Buchner T -
2013
Titel Zur Durchsetzung von Berufskonzepten durch die öffentliche Arbeitsmarktverwaltung (Österreich 1918-1938). Typ Journal Article Autor Vana I Journal Mejstrik, Wadauer, Buchner (Hg): Die Erzeugung des Berufs - Production of "Beruf". -
2013
Titel Den Dienst als offizielles Erwerbsverhältnis (re-)konstruieren: Hauswirtschaftliche und landwirtschaftliche DienstbotInnen in Österreich (1918-1938). Typ Book Chapter Autor Richter J -
2010
Titel Berufsberatung und "Freiwilliger Arbeitsdienst": Wege aus der Arbeitslosigkeit der Zwischenkriegszeit? Typ Book Chapter Autor Hauer -
2010
Titel Rezension von Jan Lucassen/Jan Luiten van Zanden/Tine de Moor (eds): The Return of the Guilds. Typ Journal Article Autor Wadauer S -
2016
Titel They were 'improved', punished and cured: The construction of "workshy", "industrious" and (non-)compliant inmates in forced labour facilities in Austria between 1918-1938. Typ Book Chapter Autor Ernst (Hg): Work -
2016
Titel Von der Arbeit im (fremden) Haushalt: Lebensläufe von Dienstbot/innen im Vergleich (Österreich, 1918-1938). Typ Book Chapter Autor Garstenauer -
2008
Titel Vazierende Gesellen und wandernde Arbeitslose (Österreich, ca 1880-1938). Typ Book Chapter Autor Steidl