Virtual Gamelan Graz: Erschließen impliziten musikalischen Wissens
Virtual Gamelan Graz: Disclosing Implicit Musical Knowledge
Wissenschaftsdisziplinen
Informatik (35%); Kunstwissenschaften (65%)
Keywords
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Gamelan,
Central Java,
Implicit Knowledge,
Sound Design,
Computer-Based Research,
SuperCollider
Während unser Verständnis javanischer Gamelan-Musik zugrundeliegender Gestaltungsprinzipien in den letzten Jahrzehnten beträchtlich zugenommen hat und trotz einer Vielzahl von Abhandlungen auch javanischer Autoren, bleiben eine Reihe von Fragen offen, deren Beantwortung auf das musikalische Wissen einheimischer Experten angewiesen ist, das normalerweise nicht verbalisiert wird. Dies betrifft vor allem zwei Probleme, nämlich die bevorzugten Klangcharakteristika bestimmter Bronzeinstrumente und zugrundeliegender Stimmungsmodelle sowie die idiomatisch zulässige Breite an Variantenbildung bzw. Improvisation in bestimmten Parts. Im Sinne eines proof of concept wurde an der Kunstuniversität Graz der Prototyp eines computergestützten Systems (Virtual Gamelan Graz, VGG) entwickelt, das die Instrumentalparts eines Stückes aus dem traditionellen Repertoire in Echtzeit und mit Originalklängen generieren kann. Dessen Output soll nun auf weitere traditionelle Stücke erweitert und deren Wiedergabe von javanischen Musikern evaluiert werden. Das Ziel besteht darin, im Prozess der Untersuchung der Variationsbreite von Parts und der Ermittlung von den Skalen zugrundeliegenden Modellen den Künstlern eine zentrale Rolle zuzuweisen. Deren praktisches, prozedurales Wissen, soll durch ihre Reaktion auf sorgfältig ausgewählte, vom VGG-System generierte Klangbeispiele erschlossen werden, anstatt sich auf einen häufig abstrakten, verbalen Diskurs zu stützen, der zur Erhellung indigener musikästhetischer Konzepte nicht ausreicht. Die Musiker werden zudem ermuntert werden, ad hoc auf echten Instrumenten andere oder idiomatisch bessere Versionen vorzuspielen. Dies kann in schriftlicher und audiovisueller Form dokumentiert und sowohl für zukünftige Forschung als auch für künstlerische Projekte zugänglichgemacht werden. Die Methode, Musikexperten aus einer nicht-westlichen Kultur die Prinzipien ihrer Tradition nonverbal durch Reaktion auf Klangbeispiele erklären zu lassen, die vom intrakulturellen Standpunkt aus nicht fremd oder künstlich klingen, zugleich aber vom Forscher genau kontrollierbar sind, wird neue Einsichten in emische Konzepte ermöglichen. Die javanischen Künstler und ihre praktische Expertise werden im Zentrum des Projekts stehen, das schließlich auch zu einem Diskurs über künstlerische Maßstäbe in der javanischen Gamelan-Tradition sowohl unter den Musikern selbst wie auch zwischen ihnen und anderen Expert(inn)en (Forschung, Komposition) führen kann. Das Projekt stärkt so auf innovative Weise internationales Networking. Es wird auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit sowohl zwischen Kunst und Wissenschaft als auch zwischen verschiedenen Wissensgebieten, namentlich Geistes- und Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften wie Music Computing und Sound Design fördern. Da die Ergbnisse des Projekts öffentlich zugänglich gemacht werden sollen (Open Access), werden sie sowohl jungen Künstler(inne)n und Komponist(inn)en als auch Nachwuchswissenschaftler(inne)n eine ausgezeichnete Möglichkeit bieten, im Kontext zukünftiger transkultureller, interdisziplinärer Projekte neue Qualifikationen zu erwerben und neue Ideen zu erproben.
Das Projekt zielte darauf ab, mittels computergestützter Hörversuche implizites Wissen über musikalische Konzepte und die derzeitige Aufführungspraxis klassischer zentraljavanischer Gamelan-Musik zu erschließen. Die beiden Hauptbereiche dabei waren einerseits die Frage, wie eine Komposition in einer Live-Performance tatsächlich umgesetzt wird, andererseits die Beurteilung der jeweiligen Stimmung von Gamelan-Sets. Im Zuge des Projekts wurden bekannte musikalische Regeln und Prinzipien der Aufführungspraxis zentraljavanischer Gamelan-Musik angewendet, um ein Gamelan-Ensemble digital zu emulieren. Der Klang der Gamelan-Instrumente basierte auf Samples originaler Musikinstrumente aus Java sowie auf Messungen der Stimmung verschiedener berühmter Gamelan-Sets. Für zentraljavanische Gamelan-Sets gibt es keinen Kammerton und auch die Intervallgrößen können sich von Set zu Set deutlich unterscheiden. Daher wurden die publizierten Messergebnisse von zwölf traditionellen und vier experimentellen Gamelan-Sets ausgewählt und darauf basierend ca. 1360 digitale Sound-Samples berechnet und in der von uns verwendeten Software manuell umgestimmt. Hörbeispiele von 18 traditionellen Kompositionen, die beide in Zentraljava gebräuchlichen Tonsysteme und ihre jeweiligen Modalskalen abdeckten, wurden drei renommierten Musikern vorgeführt, nämlich Bp. Suraji, Bp. Suyoto und Bp. Prasadiyanto, die alle auch Dozenten an der Musikhochschule (ISI) in Surakarta sind. Ihre Kommentare zu beiden Aspekten, der Ausführung der Stücke sowie dem Klang der verschiedenen virtuellen Gamelan-Sets, erwies sich als höchst instruktiv. Durch den von uns gewählten Ansatz einer Analyse durch Synthese, der nur explizite und zumeist generelle Prinzipien der Aufführungspraxis berücksichtigte, während stillschweigende Annahmen oder stückspezifische Kenntnisse weitgehend ausgeklammert blieben, konnte gezeigt werden, dass erfahrene Gamelan-Musiker eine weitaus holistischere Sicht dieser Kunst haben. Andere Faktoren wie insbesondere Timing, Phrasierung, Verzierungen, Dynamik sowie kontextuelle Aspekte der Aufführung können für eine idiomatisch angemessene Darbietung genauso wichtig sein wie richtige Töne mitunter sogar wichtiger. Obwohl diese Erkenntnisse für Gamelan-ExpertInnen keine Überraschung darstellen dürften, unterstreichen sie doch, dass für die Computer-Simulation einer Gamelan-Darbietung mehr nötig ist als die Verfeinerung struktureller Merkmale auf der Ebene einer musikalischen Grammatik. Was die Bewertung verschieden gestimmter Gamelan-Sets betrifft, erwies sich die Möglichkeit eines direkten Hörvergleichs als sehr hilfreich für eine tiefergehende Erörterung von Aspekten, die sonst üblicherweise eher abstrakt und vage bleiben.Das Projekt hat erfolgreich gezeigt, dass Hörexperimente mit einheimischen ExpertInnen, bei denen musikalische Parameter wie melodische Figuren, Timing, Stimmung usw. individuell kontrollierbar sind, ein nützliches Werkzeug bei der Untersuchung von musikalischen Konzepten sein können, und zwar insbesondere dann, wenn es darum geht zu ermitteln, wie die tatsächliche Aufführungspraxis durch implizite Normen geprägt wird.
Research Output
- 6 Publikationen
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2014
Titel Culturally informed analysis: Mbira-Musik und Karawitan. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Grupe G Konferenz Paper presented at the Universität of Vienna on March 24, 2014. -
2015
Titel From tacit to verbalized knowledge. Towards a culturally informed musical analysis of Central Javanese karawitan DOI 10.5565/rev/periferia.496 Typ Journal Article Autor Grupe G Journal Perifèria. Revista d'investigació i formació en Antropologia Seiten 26-43 Link Publikation -
2012
Titel Virtual Gamelan Graz: Disclosing Implicit Musical Knowledge. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Grupe G Konferenz Paper presented at the 1st International Symposium on Ethnomusicology and Ethnochoreology, University of Malaya, Kuala Lumpur (Malaysia) on Sept. 27, 2012. -
2012
Titel Virtual Gamelan Graz: Disclosing Implicit Musical Knowledge. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Grupe G Konferenz Paper presented at Sultan Idris Education University, Tanjong Malim (Malaysia) on Oct. 2, 2012. -
2015
Titel Computergestützte Forschungsmethoden in der Ethnomusikologie. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Grupe G Konferenz Paper presented at the Symposium "Musikanalyse im Spannungsfeld von Expertise und computergestützter Datenverarbeitung". Gesellschaft für Musikforschung, University of Halle (Germany), Sept. 30, 2015. -
2015
Titel From tacit to verbalized knowledge. Towards a culturally informed musical analysis of Central Javanese karawitan. Typ Journal Article Autor Grupe G