Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Kunstwissenschaften (50%)
Abstract
In der vorliegenden Auswertung und Interpretation der österreichischen Ausgrabungsergebnisse christlicher
Denkmäler in Sayala / Nag`el-Scheima (ägyptisch Nubien) ist es gelungen, mittels verfeinerter Keramikanalyse und
unter Anwendung der Keramiktypologien von W.Y.ADAMS eine lückenlose Chronologie der Besiedlung von der
Spätantike bis ins 12; Jahrhundert n.Chr. aufzustellen; ihre Genauigkeit läßt sich in einigen Bereichen auf 10 Jahre,
sonst auf ca. 25 Jahre präzisieren. Eingehende Analysen in diesem Band betreffen die Architektur der christlichen
Besiedlungszeit, und zwar sowohl die Befestigungseinrichtungen, die von den Vorbildern Ikhmindi und Sabagura
abgeleitet wurden, als auch die verdichtete Wohnsiedlung, die um 950 neu angelegt wurde. Der zur Anwendung
gekommene Bautypus des Dreiraum-Breitraumhauses ist in eine jahrhundertelange ägyptische Tradition
eingebettet. Sehr ausführlich bearbeitet wurde anhand der Festungskirche von Nag`el-Scheima das Spezialproblem
des "Ostdurchganges" in der nubischen Sakralarchitektur des Mittelalters. Hier wurde erstmals eine plausible
liturgiegeschichtliche Ableitung dieses bisher unerklärten Bauelements vorgelegt. Eingehende stilgeschichtliche
wie auch ikonologische Untersuchungen erfolgten zum Forschungsgegenstand der nubischen Wandmalerei.
Diesbezüglich wurden vor allem für die erste Phase sowohl Einflüsse aus dem syro-palästinensischen Raum als
auch Nachweise für die Übermittlung der Bildinhalte auf dem Weg kleinformatiger Malereien (Buchmalerei,
Malereien auf Leinwand, Ikonen) aufgezeigt. Neben einer Fülle von Vergleichen zu den übrigen Kleinfunden aus
Stein, Metall, Glas, Leder, Bein, Holz und Bast die einen sehr hohen Standard der Alltagskultur der mittelalterlich-
christlichen Bewohner von Nag`el-Scheima erkennen lassen, und ebenso wie die Keramik auf einen regen
Handelsverkehr zwischen Unternubien und Oberägypten schließen lassen, erbrachten die Forschungen neue
Schlußfolgerungen über die Bereiche der nubischen Meßliturgie und des christlichen Brauchtums wie auch des
Aberglaubens, bis hin zu dem extrem entbehrungsreichen Eremitendasein von Reklusen am Rande der Wüste.
Weitere neue Erkenntnisse betrafen die Bestattungsbräuche und Totengedenkrituale von der Zeit der Blemmyer bis
ins Spätmittelalter. In angegliederten Spezialuntersuchungen wurden die Textilfunde aus Nag`el-Scheima
technologisch untersucht und kulturhistorisch bearbeitet," weitere hier vorgelegte Analysen betrafen die
pflanzlichen Funde und die Reste von Tierknochen.