Macht - Literatur - Krieg. Aspekte österreichischer Literatur im Nationalsozialismus
Macht - Literatur - Krieg. Aspekte österreichischer Literatur im Nationalsozialismus
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Der vorliegende Sammelband konzentriert sich auf das literarische Leben, nicht auf ,ästhetische Probleme. Soll die Diskussion über die v.a. in Deutschland geführte Auseinandersetzung um die "ideologische Dignität" von Autoren hinausgeführt werden hin zur Beschreibung des Verhaltens im ideologischen und literarischen Umfeld, so sind solche Verortungen nur sinnvoll vor der Kenntnis der überindividuellen Bedingtheiten, der Spielräume, die jenen Autoren, die nicht ins Exil gingen, zur Verfügung standen. Die Schriftsteller-Persönlichkeit kann in ihrem publizistischen Handeln, in ihrer Reaktionsweise auf dieses totalitäre und zugleich dynamisch-destruktive System nur vor der Folie der Kenntnis des kulturellen und politischen Gesamtzusammenhangs beschrieben und gedeutet werden. Das Verhalten von Autoren - und nicht bloß der publizierte oder nichtpublizierte Text - ist das Bezugssystem für die Klassifikation in nationalsozialistische, nichtnationalsozialistische Literaten, in Innere Emigration und Widerstand. Der Aufbau dieses Buches, in dem die Vorträge des Grazer Symposions durch einige Studien ergänzt werden, versucht dem Rechnung zu tragen, indem wichtige Teilbereiche des literarischen Lebens während der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich thematisiert werden. Daher kommt einer Analyse der damaligen Kulturpolitik zentraler Stellenwert zu: Die Funktionalisierung der Künste in Österreich wird einerseits im Zusammenhang mit der "regressiven Modernisierung" (Ernst Hanisch) und andererseits mit der "Ästhetisierung des Alltags" (Oliver Rathkolb) umrissen und durch die Schweizer Perspektive kontrastiert (Martin Stern). Zentralisierung der Macht, ideologisch gestützt im Aufgehen in der "Volksgemeinschaft" korreliert in Österreich mit der zentrifugalen "Los von Wien" - Regionalisierung des Literaturbetriebs in die Gaue (Johann Holzner). Das totalitäre System manifestiert sich in tendenziell einheitlich ausgerichteten literarischen Institutionen: die Zerstörung des Vereinswesens durch Umwandlung in zentral gesteuerte Körperschaften öffentlichen Rechts (Uwe Baur) und die Verleger-Autoren-Beziehungen anhand des Verlages Zsolnay/Bischoff (Murray G Hall), Literaturlenkung und Zensur (Helga Mitterbauer). Fallbeispiele beleuchten das System Der wichtigste Literaturfunkionär der Gleichschaltung, Max Stebich, als Spielball divergierender Machtinteressen von NSDAP und Propagandaministerium (Karin (Gradwohl-Schlacher), die kulturpolitische Rolle des Preisstifters Alfred Toepfer (Jan Zimmermann) sowie jene des Wiener Germanisten Franz Koch in Berlin (Wolfgang Höppner) Das Selbstverständnis von Autoren im Spannungsfeld von politischer Diskontinuität und literarischer Kontinuität: Albert Berger über Josef Weinheber, der sich durch den Nationalsozialismus erst etablierte, Friedbert Aspetsberger über Arnolt Bronnen zwischen den institutionellen Fronten; der `Satiriker im Dienste der Macht (Eckart Früh über Valentin Schuster), Karl Müller über männliche Identität vor und nach 1945 (Richard Billinger), der Dichter Karl Heinrich Waggerl jenseits der Zeiten und seine kontinuierliche, fast leitfossilhafte Wirkung in Österreich (Gert Kerschbaumer); Sabine Rupp versucht, anhand einiger KinderbuchautorInnen die bislang verleugnete ideologische Dimension der österreichischen Kinderliteratur zu illustrieren, und Andrea Reiter befaßt sich mit der literarischen Rechtfertigung post festum (Karl Springenschmid). Die Medien Film und Theater: Die Arisierung der Wiener Kinos (Franz Graf) und die Funktionalisierung des neuen Mediums für die Propaganda am Beispiel der Wien-Film (Walter Fritz); Evelyn Deutsch-Schreiner stellt an einem Beispiel die ästhetische Umsetzung von Ideologemen auf dem Theater dar. Die österreichischen Zeitschriften im "Jahr der Wende" untersucht Sigurd Paul Scheichl, Ursula Seeber-Weyrer zeigt die Kontinuität der Faschismuskritik vor und nach, der nationalsozialistischen Diktatur beispielhaft auf. Die verheerende Dynamik des Systems soll paradigmatisch in dem sichtbar werden. was zerstört und ausgetrieben wurde, was nur in Nischen weiterlebte Hubert Orlowski skizziert Freiräume trotz Diktatur am Beispiel der Krakauer Zeitung; die Spaltung der österreichischen Kultur in eine sich hier etablierende und in eine der Vertriebenen, der Opfer, des Exils ist Thema von Wolfgang Muchitsch und Ulrike Längle. Den Abschluß bildet der schwierige Weg zurück; zu den Quellen. zu den Archiven: Rudolf Jerabek über die Geschichte der Wiener Gauakten und Ernst Ritter zu den Quellen für die Erforschung, des "literarischen Lebens" im Deutschen Bundesarchiv Koblenz/Abt. Potsdam