Prozeß, Relativität und Transzendenz. Zur Kritik prozeßtheologischer Theoriegestalt
Prozeß, Relativität und Transzendenz. Zur Kritik prozeßtheologischer Theoriegestalt
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Alfred N. Whitehead unternahm eine der wenigen systematischen Anstrengungen zu einer umfassenden Kosmologie im 20. Jahrhundert, die sowohl die Ergebnisse neuerer Naturwissenschaften (Quantenphysik, Relativitätstheorie, Evolutionstheorie) mit den philosophischen und theologischen Traditionen des Abendlandes wie östlichem Denken verband sowie zu interdisziplinärer, nicht-dualistischer Kategorienbildung beitrug. Die schon früh einsetzende theologische Rezeption Whiteheads zeigt nicht zufällig eine wichtige innere Tendenz seines Werkes selbst: Die "Theologie" ist jene unausgearbeitete Kehrseite seiner "Kosmologie". Die Arbeit bleibt nicht an diese "orthodoxe" Gegebenheit klassischer Prozeßtheologie gebunden, wie überhaupt für eine Reformation des prozeßtheologischen Projekts eine Öffnung auf andere Phasen des Whiteheadschen Denkens notwendig ist. Vieles wird aus dem noch viel zu wenig beachteten Spätwerk 1933-1941 korrigierende Bedeutung gewinnen können. Das Whiteheadsche "System" sowie das sich davon ableitende prozeßtheologische Denken wird also nicht seinem metaphysischen Wahrheitsanspruch nach übernommen, sondern wird Basis einer kritischen und konstruktiven theologischen Relecture. Kritische Punkte: (a) Philosophie und Theologie, Metaphysik und Natürliche Theologie; (b) Theologie und Realität: Inwieweit ist eine Theologische Kosmologie möglich, sinnvoll und wünschenswert; c) Whiteheads Theologie: Die Konzeption "Ultimativer Realität" - bei Whiteheads "Kreativität"; Die Entwicklung der Gottesproblematik in Whiteheads Werk - die drei "Naturen" Gottes; (d) Whiteheads Theologie in der Theologie: Die Diskussion vor allem grundlegender Fragen der Gotteslehre und der Möglichkeit von Theologie im Kontext von Metaphysik und Metaphysikkritik; die innovative Kraft von prozeßtheologischen Ansätzen im Kontext systematischer Theologie; kritische Reibungspunkte aus den Bereichen trinitätstheologischer, christologischer, soteriologischer, schöpfungstheologischer und eschatologischer Fragestellungen. Die formale kritische These der Arbeit ist, daß die oft übermächtig erscheinende Tendenz zu einem Relationalismus und Immanentismus durch eine Metaphysikkritik umgekehrt werden kann: Aus dem Whiteheadschen Werk selbst ergibt sich die Möglichkeit, Theologie als nicht aus Metaphysik abgeleitet denken zu können - eine "nicht-metaphysische Theologie". In philosophischem Zeitkontext heutiger postmoderner Philosophie wird eine umfassende Metaphysikkritik gegen die herrschende Rezeptionsgeschichte aufgewiesen. Schließlich kann der Vorteil von Whiteheads Theorie der Relationalität und Ereignishaftigkeit, für eine zeitgenössische metaphysikkritische Theologie erhoben werden. Die materiale kritische These der Arbeit ist, daß die Transzendenz Gottes nicht "von außen" herangetragen, sondern "von innen her" entwickelt werden kann; Stichwort "Nicht-Differenz" und "diachrone Transzendenz". Die Struktur der Habilitationsschrift: (1) "Positive Prozeßtheologie": Eine Darstellung zu Entstehung, Geschichte und Gestalt der komplexen Struktur amerikanischer Prozeßtheologie. (2) "Prozeßtheologische Propädeutik": Darstellung Whiteheadscher Denkgestalten, Zugänge, Intuitionen und theologische Innovationen. (3) "Negative Prozeßtheologie": Von der Kritik metaphysischer Ansprüche als Grundlage einer Theologie; über die Möglichkeit einer genuinen christlichen Offenbarungstheologie. (4) "Prozeßtheologische Heuristik": Begründung eines Begriffs der Transzendenz Gottes im Kontext des relationalen Paradigmas von Theologie; kritische Bearbeitung von Standardaussagen klassischer Prozeßtheologie und Hinweise auf die Relevanz einer reformierten Prozeßtheologie für den heutigen theologischen Diskurs.