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Die Droge und Ihr Double: Zur Theatralität des Rausches.

Die Droge und Ihr Double: Zur Theatralität des Rausches.

Brigitte Marschall (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/D3093
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Projektbeginn 02.07.1999
  • Projektende 08.05.2000
  • Bewilligungssumme 8.822 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Kunstwissenschaften (100%)

Abstract

Druckkostenbeitrag D 3093Die Droge und ihr Double: Zur Theatralität des RauschesBrigitte MARSCHALL28.06.1999 Der Titel der Habilitationsschrift nimmt Bezug auf eines der wesentlichen theatertheoretischen Werke des zwanzigsten Jahrhunderts, Antonin Artauds Das Theater und sein Double, das in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts prägende Wirkung auf Reformatoren und Revolutionäre des Theaters ausübte. Zugleich führt Artaud, der 1915 aus medizinischen Erwägungen mit der Einnahme von Drogen begann, in den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ein: Drogengeschehen wird auf seine ästhetischen Valenzen hinterfragt und als theatrale Konzeption beschrieben. Die im Drogenrausch induzierten Wahmehmungsveränderungen und Krisen, ihre Beobachtung und Übertragung werden auf ihre Funktion im Prozeß eines "Theaters der Drogen" befragt, insbesondere auf die damit erkennbare Verschiebung und Erweiterung von Bewußtseinsräumen und ihrer Verbindung zur "Wirklichkeit" von sich verändernden sozialen Räumen. Die Relevanz der Experimente, die Künstler seit der Romantik als Bewußtseinserkundungen durch und mit Drogen immer wieder unternommen haben, wurde bisher - abgesehen von literaturwissenschaftlichen Einzelstudien - in keiner unfassenden theaterwissenschaftlichen Arbeit untersucht. Die vorliegende Arbeit greift diesen Problemzusammenhang auf, da die zeitliche und räumliche Erfahrung der Wahrnehmung im Drogenrausch einem Muster folgt, das die Verfasserin als einen Modus von Theatralität zu verstehen sucht. Formen der Erfahrung, die über die vorgegebenen ästhetisch-theatralen Begrenzungen hinausweisen und in ein anderes Medium theatraler Präsentation führen, werden beispielhaft aufgezeigt. Als zentrale Kategorie der Wahrnehmungsproblematik stellt die Verfasserin die Schwellenerfahrung, die Riten des Übergangs zwischen Bewußtseinszuständen und Wahrnehmungsräumen (zwischen Realität, Drogenrausch und Theatralität) heraus. Die theoretische Basis dieses Konzepts wird auf anthropologischer Ebene mit dem Instrumentarium der ethnologischen Begrifflichkeit (insbesondere Arnold van Genneps Rites de passage) und Victor Turners Forschungen zu "Zwischenzuständen" erschlossen. Die Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte: Im ersten Abschnitt wird ein Abriß einer Kulturgeschichte der Drogenexperimente, mit dem Schwerpunkt auf die Epoche von Baudelaire bis ins 20. Jahrhundert, gegeben, um die rauschimmanenten Merkmale zu beschreiben (assoziative Strukturen, Verzerrungen und Spiegelerlebnisse, Verschiebungen architekturaler Wahrnehmungen), die zugleich auch Darstellungsmuster in der Kunst und im Theater der Moderne benennen. Vor dem Hintergrund historischer und kunsthistorischer Forschungen und entsprechender intertextueller Relationen werden Raumkonzeptionen und damit verbundene Wahrnehmungsbrüche aufgezeigt. Auf der Ebene einer Kulturgeschichte der Architektur und der Großstadtdarstellung im späten 19. Jahrhundert wird eine Topografie der imaginären Räume als "Drogenarchitektur" beschrieben, die auch die Folie abgibt für die beiden zentralen Kapitel der Arbeit: Strindbergs "Dramaturgie höherer Bewußtseinszustände" und Walter Benjamins Drogenexperimente. Der unmittelbare Einfluß von bewußtseinsverändernden Drogen auf dramatische Strukturen wird am Beispiel August Strindbergs aufgezeigt. Tagebuchstellen, Briefe und andere Quellen belegen, daß Strindberg über einen längeren Zeitraum Experimente mit Zyankali und anderen Substanzen unternommen hat, die rauschähnliche Wahrnehmungsphänomene hervorrufen und Auswirkungen auf einige seiner bedeutendsten Dramen, wie Gespenstersonate, Traumspiel, Nach Damaskus u.a., erkennen lassen. Die Veränderung der Zeit- und Raumstruktur, das einander Durchdringen von Räumen, die Veränderung der Perspektive, das Gefühl der Zusammenschau aller Kräfte des Kosmos wird an Hand ausgewählter Dramen untersucht. Das Leitmotiv der Schwelle, insbesondere in ihrer Bedeutung als Übergangssituation und als Türhütersymbol, wird in den "Inferno- Dramen" verfolgt. Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Schwelle kehrt im Kapitel über Walter Benjamin und sein "Passagentheater der Drogen" wieder. Die Bedeutung der Experimente mit Drogen wird innerhalb des Werkes Benjamins, insbesondere seiner Protokolle und seiner Passagen erforscht, einerseits bezogen auf die Erfahrung der Großstadt, andererseits auf die Arbeit der Erinnerung in der Schrift zur Berliner Kindheit um 1900. Die Drogen- Architektur in ihrer Bildlichkeit wird hier noch einmal aufgegriffen und an den Topografien des Labyrinths, der Passage, der Treppen, Engstellen und Schwellensituationen beschrieben, die geprägt sind von einer Konstellation von Übergangsriten, verstanden als Verwandlungsprozesse und als Momente einer radikalen "Öffnung". Drogengeschehen als mögliche Form von Theatralität wird zusammenfassend in einer Engführung am Muster theatraler Darstellungskategorien überprüft: an Konzepten der Mimesis und Katharsis als Modelle einer Schwellenerfahrung und an der Benjaminschen Kategorie der "Aura" als ästhetisches Konstruktionsprinzip des Rausches, dem ein theatrales Muster zugrunde liegt. Der in der Studie als Hypothese formulierte Zusammenhang von Präsenz und Repräsentation theatralen und drogenimmanten Geschehens erweist sich hiemit als mögliches Modell eines Theaters der Drogen.

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