Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Abstract
Es handelt sich um die Erstedition von 538 südslawischen Erzählungen in deutschen Übersetzungen des bekannten
Volkskundlers, Literatur- und Textforschers Friedrich Salomon Krauss, die im Krauss-Nachlass in Los Angeles
aufgefunden wurden und hier erstmals zur Veröffentlichung kommen. Sie wurden im Zeitraum 1870 - 1900 aus
mündlichen und schriftlichen Quellen gesammelt und in dem literarisierenden, etwas altertümlichen Archivstil
übersetzt und beziehen sich auf ein breites Gebiet zwischen Istrien und Bulgarien. Der kroatisch-jüdische, in Wien
lebende Archivar hatte selbst die Aufnahmen gemacht, am dalmatinischen Küstenstreifen und den istrischen Inseln,
in Binnenkroatien und vor allem Bosnien-Herzegowina. Die Erzählungen (Märchen, Sagen, Schwänke u. a.) stellen
für die internationale Erzählforschung wichtige Texte dar, da aus dem südslawischen Raum nur wenige
Sammlungen in einer europäischen Hauptsprache, vor allem aus dem 19. Jahrhundert, vorliegen. Diese
Übertragungen haben durchaus literarische Qualität. Krauss hat viele dieser Erzählungen selbst kommentiert. Diese
Kommentare, die unverändert weitergegeben sind, spiegeln die Haltungen und Geistesströmungen in Wien zur
Jahrhundertwende und sind als Ziel seiner Arbeiten zur sexuellen und psychoanaltischen Volkskunde zu sehen. Den
Ansprüchen der heutigen internationalen Erzählforschung und Balkanologie entspricht der Anmerkungsteil von M.
G. Meraklis und Walter Puchner, der jede einzelne Erzählung nach dem Typensystem von Arne Thompson
bestimmend in den gesamt balkanischen Erzählraum, der bislang noch nicht ausreichend erforscht ist, vor allem
unter vergleichenden Aspekten, einordnet. Mit der Edition dieser unveröffentlichten Erzähltexte in Form einer
wissenschaftlich versierten Ausgabe wird ein dreifaches Ziel verfolgt: Erstens die Zugänglichmachung seltener
Volkserzähltexte aus ihrem südslawischen Raum des späten 19. Jahrhunderts in Form einer literarisierenden
Übersetzung ins Deutsche, die ins Wien des Fin de Siecles verweisen (auch Dialekteinschläge); zweitens die
Veröffentlichung einer Kulturdokumentation der Zeit (Wien um 1900 f), die jene Kommentare von Krauss ja
darstellen und Teil seiner Arbeiten zur sexuellen und psychoanalytischen Volkskunde sind; drittens die Typisierung
und Einordnung der Erzähltexte mit einem vergleichbaren Ansatz gegenüber dem balkanischen Erzählgut.