Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Abstract
Wer Adolf Hitler zu einer Symbolfigur eines nach dem Ersten Weltkrieg erfolgten Epochenbruchs und zum Herrn
und Meister einer von ihm selbst erschaffenen Bewegung macht, wird durch diese verengte, jedoch bei vielen
Historikern vorherrschenden Auffassung verleitet, ein irreführendes Konzept des Totalitarismus anzunehmen, das
den Terror über die Bevölkerung und damit eine Konfrontation von Führer und Volk in sich einschließt. Wenn man
den Nationalsozialismus aus dem Lauf der Geschichte löst, indem man die Zusammenhänge mit der Vergangenheit
entweder abstreitet oder unterschätzt, ist eine Sichtweise auf die gesellschaftlichen Umwälzungen des 19.
Jahrhunderts, die gegenüber den königlichen und fürstlichen Dynastien einen "Gemeinwillen" des Volkes erzeugten
und zu Massenbewegungen führten, weitgehend versperrt. Es wird dabei übersehen, dass gerade dieser
"Gemeinwille", der sich zu einer Huldigung des Volkes vor einer geeinten Nation manifestierte und damit einen in
Österreich von radikalen Studenten und dem Politiker Georg von Schönerer propagierten Nationalismus beflügelte,
sich eine mit nationalen Mythen und Kulten aufgeladene Ersatzreligion schuf, die dazu beitrug, den Folgen einer
überhitzten Industrialisierung eine "heile Welt" entgegenzusetzen. Dieser neue alte politische Stil ließ aber den
unentbehrlichen Hintergrund für den Nationalsozialismus entstehen. Verbindet man ihn als die spontane Reaktion
auf eine besondere historische Situation zu eng mit seiner "Epoche", dem Deutschland zwischen den Kriegen und
stattet ihn mit einer gewissen Einmaligkeit aus, so wird auch ein Nationalsozialismus österreichischer Provenienz
nicht erklärbar, der lange vor Hitler im vom Nationalitätenkampf erschütterten Nordböhmen des Jahres 1903 seinen
geistigen Ursprung nahm und mit seinem im NS-Staat hochdekorierten Theoretiker Rudolf Jung in dessen 1919
erschienenen Hauptwerk "Der nationale Sozialismus" schon früh ein demokratisches System gegenüber einem
charismatischen Führerstaat in Frage stellte. Zwar ist der einmal zur Macht gekommene Nationalsozialismus ohne
die Person Hitlers nicht denkbar, doch geht man Hitler mit einer scheinbar bis heute gültigen Sichtweise vom
Urheber einer neuen Weltanschauung sprichwörtlich jeden Tag aus Neue auf den Leim, denn er selbst hat mit der
nötigen dogmatischen Untermauerung dazu beigetragen, ein Vermächtnis zu verleugnen, indem er seine
ideologischen Vorläufer entweder wie Rudolf Jung mit Ämtern mundtot machte, oder gewaltsam aus der
Geschichte entfernte.
Für kurze Augenblicke blitzten jedoch die hier dargestellten, sorgsam verborgenen Wurzeln wieder auf, sei es
durch die Übernahme früher völkischer Parteiprogramme österreichischer Provenienz, sei es durch abgeschirmte
Treffen Hitlers mit Gefolgsleuten Georg Ritter von Schönerers, oder durch die hinter hohen Friedhofsmauern
inszenierten Totenfeiern für die verblichenen Pioniere des österreichischen Nationalsozialismus.