Malerei der Gotik - Fixpunkte und Ausblicke
Malerei der Gotik - Fixpunkte und Ausblicke
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
-
Malerei,
Gotik,
Buchmalerei,
Mittelalter
Gerhard Schmidts "Malerei der Gotik", die hier vorgelegt wird, bildet ein solides Fundament für die einschlägige Forschung der kommenden Jahrzehnte. Einerseits wird bekanntes und neues Material in größere Zusammenhänge gestellt, andererseits werden an paradigmatischen Detailproblemen die jeweils adäquaten Untersuchungsmethoden vorgeführt. Dabei folgt der Autor keinem starren Schema: Sein Interesse gilt zwar in erster Linie den stilgeschichtlichen Abläufen, die durch genaues Beobachten und Vergleichen charakteristischer Werke analysiert werden, doch wird dabei das historische und kulturelle Umfeld nie aus dem Blick verloren. Die thematische Vielseitigkeit und die methodische Flexibilität des Autors könnten (und sollten) anregendes Vorbild für jüngere Fachkollegen sein. Folgende thematische Schwerpunkte sind hervorzuheben: 1) die Analyse gesamteuropäischer Stilphänomene (Figurenstil um 1400, Trecento- Einfluß, Kunst um 1400, Vor- eyckischer Realismus) 2) die Rolle der Auftraggeber und psychologische Faktoren (Evangeliar des Johann von Troppau, Belehrender und befreiender Humor, diverse Studien über das Portrait im Mittelalter) 3) die vertiefende Analyse und Neubewertung von Einzelkunstwerken (Codex 370, Wehrdener Kreuzigung, Kölner Chorschranken, Bargello-Diptychon, Gelre-Wappenboek, Chaucer Frontispiece, Huntington-Kreuztragung, Antiphonar aus Seitenstetten) 4) die Definition der Produktion wichtiger Illuminatoren-Ateliers (Handschriftengruppe um 1300, Klosterneuburger Cod. 650a) 5) die Grundlegung einer Geschichte der gotischen Malerei und Buchmalerei in Österreich (Abschnitt "Grundlagen zu einer Geschichte der Buchmalerei der Gotik in Österreich", Malerei des internationalen Stils in Wien) 6) die Veröffentlichung ausländischer Handschriften in österreichischen Bibliotheken (Materialien I und II, Andreas me pinsit, Addenda zur italienischen Buchmalerei) Gerhard Schmidt ist zwar von der Entwicklung in Mitteleuropa ausgegangen, hat sich aber nie darauf beschränkt, die untersuchten Objekte nur aus ihrem lokalen Kontext zu erklären. Seine umfassende Kenntnis der gotischen Malerei in Frankreich, England, den Niederlanden und Italien führte ihn zu der Einsicht, daß viele künstlerische Höchstleistungen nur durch Anregungen aus anderen Kulturregionen möglich werden. Dieser breite, die malerische Produktion des gesamten Abendlandes einbeziehende Ansatz beseitigt die nationalen Scheuklappen, die Kunsthistoriker des vorigen Jahrhunderts so lange nicht ablegen wollten, und korrespondiert mit der aktuellen Vorstellung von einer europäischen Kultur, die - ungeachtet ihrer inneren Vielfalt - grundsätzlich als Einheit zu sehen ist. Der Autor beschreibt Kunstwerke in einer sehr präzisen, aber verständlichen und niemals trockenen Sprache, die die ästhetischen Qualitäten eines Kunstwerkes und die spezifische Leistung eines Künstlers auch dem Nicht- Fachmann nahe bringen kann. Die zielsicher ausgewählten, oft zu Vergleichspaaren gruppierten Abbildungen erleichtern dem Leser den visuellen Nachvollzug der im Text vertretenen Thesen. Die reiche Bebilderung und das umfassende Register sind essentielle Bestandteile der Publikation. Sie ermöglichen das rasche Auffinden relevanter Informationen und geben dem vorgelegten Werk den Charakter eines Handbuches, auf dem künftige Forschungen aufbauen können.