Spitzer Manuscript - the oldest philosophical Manuscript in Sanskrit
Spitzer Manuscript - the oldest philosophical Manuscript in Sanskrit
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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Turfan-Funde,
Spritzer Manuskript,
Abhidharma,
Kusana-Zeit,
Indische Philosophie,
Buddhistische Philosophie
Die sogenannte Spitzer-Handschrift (SHT 810) ist eine der bedeutendsten Handschriften aus der Kusana-Zeit, die während der dritten preussischen Turfan-Expedition 1906 in Kyzil (Ostturkestan) entdeckt wurde und derzeit an der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin - Preussischer Kulturbesitz aufbewahrt wird. Die Handschrift besteht aus etwa tausend meist sehr kleinen und schwer verständlichen Fragmenten und kann aus paläographischen Gründen in das dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung datiert werden. Das Werk, welches in der Handschrift erhalten ist, stellt ein Unikum dar. Weder wurden weitere Handschriften von ihm bis jetzt entdeckt noch ist es in tibetischen oder chinesischen Übersetzungen überliefert. Der Bearbeiter identifiziert das Werk als einen ausserkanonischen Abhidharma-Traktat, der wahrscheinlich der Sarvastivada-Schule zuzurechnen ist. Ferner kommt er zu dem Ergebnis, dass das Werk nicht viel älter als die Handschrift sein kann, und datiert es daher ebenfalls in das dritte Jahrhundert. Damit wirft die Handschrift neues Licht auf die nur unzureichend dokumentierte Frühzeit der indischen Philosophie. Es ist bemerkenswert, dass das Werk neben den üblichen Themen der buddhistischen Scholastik auch nicht- buddhistische Themen behandelt. So enthält es eine Diskussion der Theorie der Eigenschaften (guna) gemäss dem Vaisesika, die aus anderen Quellen für die Erschliessung der frühen Naturphilosophie völlig unbekannt ist und radikale Unterschiede zur bekannten guna-Theorie der klassischen Zeit aufweist. Weiterhin enthält das Werk eine Liste der Bücher des Mahabharata, die darauf hinweist, dass sich das dem Verfasser bekannte Epos in seinem Aufbau und betreffend die Reihenfolge seiner Bücher wesentlich von dem heute in der indischen Handschriftenüberlieferung vorliegenden Text unterschied. Ferner sind eine Zusammenfassung des Ramayana, eine Besprechung der Musikwissenschaft (gandharvaveda), eine Aufzählung der vierundsechzig Künste und Gewerbe (kala) und eine Auflistung von Fachbegriffen der Prozessordnung hervorzuheben, sowie Hinweise auf brahmanische Texte wie die Samhitas (mantras), Brahmanas und Upanishaden. Unter den buddhistischen Themen, die im Werk besprochen werden, sind besonders folgende zu erwähnen: die Natur der Allwissenheit des Buddha, die Frage, ob sein Wort (buddhavacana) wahrhaft ist, und die Problematik, ob sein Mitleid mit allen Lebewesen Bindung oder Begierde beinhaltet. Von finanzieller Wichtigkeit für die buddhistische Gemeinde war die Frage, ob der Buddha Teil des buddhistischen Ordens ist und ob Schenkungen an den Orden gleichzeitig als Schenkungen an den Buddha gelten. Der letzte Teil des Werks ist der Dialektik gewidmet. Der Verfasser bespricht die sophistische Debatte und wichtige theoretische Themen, die in Zusammenhang mit den öffentlich durchgeführten wissenschaftlichen Debatten stehen, z.B. die Mittel gültiger Erkenntnis, von denen das Werk vier anerkennt: Wahrnehmung (pratyaksa), Schlussfolgerung (anumana), sprachliche Mitteilung (aitihya) und Analogie (aupamya). Im letzten Kapitel des Werks wird der formale Beweis im Kontext wissenschaftlicher Debatten besprochen; zwei brahmanische philosophische Traditionen, die Mimamsa und das Samkhya, scheinen hier die gegnerischen Positionen zu liefern. Der vorliegende Band bietet eine Einleitung, in der frühere Forschung zusammengefasst ist und grammatikalische, lexikalische und paläographische Aspekte besprochen werden, zusammen mit einer Skizze des Inhalts des Werks. Es folgt eine vollständige Faksimile-Ausgabe der Fragmente begleitet von Transkriptionen, ergänzt durch Transkriptionen von Fragmenten, die nicht mehr verfügbar und vermutlich im zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, aus dem Nachlass des Indologen Dr. Moritz Spitzer (Jerusalem). Eine Konkordanz gibt Überblick über die frühere und gegenwärtige Anordnung der Fragmente; eine ausführliche Schriftzeichentafel dokumentiert die in der Handschrift verwendete Kusana-Brahmi-Schrift. Ein vollständiger Wortindex und eine Studie, in welcher der letzte Teil der Handschrift (ca. fol. 369-414) rekonstruiert wird, schließen den Band ab.