Peter Handkes 60. Geburtstag war der Anlass für eine neue Lektüre seines vielgestaltigen Werkes, die sich in
mehrfacher Hinsicht "von den Rändern her" (Peter Handke) einem Schreibprojekt annähern will, das sich
beharrlich Erwartungen entzieht, die es fallweise selbst erzeugt hat. Wie kein anderer Autor der Gegenwart hat
Handke an der Eigengesetzlichkeit von Poesie festgehalten und ihren prekären Status selbstreflexiv zu behaupten
versucht. Handkes Risiko, in seinem Schreiben jeweils neu und anders anzusetzen, ist ohne seine - auch
Bewunderer verstörende - Insistenz und Konsequenz, Konstellationen des eigenen Werks zu transformieren und
umzuschreiben, um neue Schreib-Räume und -Möglichkeiten zu finden, nicht zu denken.
" Poesie der Ränder" als übergreifende Kennzeichnung versteht sich nicht als starres Konzept, sondern als
Perspektive auf ein Schreiben, in dem topographische Oppositionen (Zentrum - Peripherie; Dorf - Metropole,
Österreich - Slowenien, Europa - USA etc), Gattungsgrenzen, Trennungen zwischen den Künsten (Literatur-Film-
Musik), nationalem Kanon und Weltliteratur, Literatur und Theorie, Klassik und Moderne abseits epochaler
Übereinkünfte zu oszillieren beginnen. In seinem Werk kommen Entlegene, Übersehenes, Geringgeschätztes und
scheinbar Abgetanes stärker zu ihrem literarischen Recht als bei jedem anderen Autor der Gegenwart.
Im Unterschied zu den panisch-kleinmütigen Grenzziehungen zwischen Rationalität und Irrationalismus sucht
Handkes Schreiben auch in dieser Hinsicht das Risiko, diese Ränder zu erforschen. Das Nebenbei des
Gesprochenen ist Teil einer Archäologie der Zeichen, mit denen sich das Gutheißen der Welt in der Schrift
beglaubigen läßt. Fündig wird der sprachforschende Schreiber vor allem an den Rändern der Stadt, bei der
stotternden Schwermut der Gestrandeten, den Betrunkenen und der unroutinierten Erfahrung der Machtlosen.
Unter wechselnder Perspektive erscheinen die Ränder also mit je anderen Richtungsvektoren, die in die stumme
Welt, in die Natur, in die Steppe, ins Hochland der unterschiedlichsten Länder (Sloweniens, Mexikos, Spaniens,
Schottlands etwa) weisen oder in den Krach der Städte, in die Zentren hybrider und dissonanter Zeichenwelten. In
diesem Sinne sind die Ränder bei Handke keine Grenzen, sondern Übergänge, für die er sich eine hochentwickelte
Wahrnehmung der Unterschiede, Staffelungen und Entsprechungen erarbeitet hat.
Die vorliegende Sammlung von Arbeiten zu einzelnen Aspekten dieses zentralen Antriebs des Handkeschen
Schreibens versucht in der Analyse konkreter Beispiele jenem Prinzip nachzuspüren, das Handke folgendermaßen
formuliert hat: "Aus dem Übersehenen die Zentralorte der Welt zu machen".