Mykenische Opfergaben nach Aussage der Linear -B-Texte
Mykenische Opfergaben nach Aussage der Linear -B-Texte
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Linear B,
Opfergaben,
Pylos,
Tieropfer,
Theben,
Knossos
Das zentrale Anliegen der Linear B-Tafeln bildet die sorgfältige Administration bestimmter Aspekte der palatialen Wirtschaft. Gebete, Rituale oder Glaubensvorstellungen sind den Verwaltungsarchiven der mykenischen Paläste demnach nicht zu entnehmen. Einblick in Kulthandlungen wird jedoch insofern gewährt, als sich der kontrollierende Dirigismus der palatialen Administration auch über entsprechende wirtschaftliche Vorgänge erstreckte, die zur Durchführung des Kultes nötig waren. Innerhalb der vorliegenden Untersuchung wurden sämtliche epigraphischen Zeugnisse, die den mykenischen Opferkult betreffen, systematisch erfasst, klassifiziert und ausgewertet, wobei sowohl paläo-epigraphische als auch archäologische und philologische Kriterien und Aspekte berücksichtigt wurden. Die große Anzahl dieser Texte, die eine Bereitstellung von Opfergaben an zahlreiche Gottheiten und Kultstätten resp. für bestimmte kultische Ereignisse beinhalten, lässt in der regelmäßigen Erfüllung kultischer Verpflichtungen eine überaus wichtige Aufgabe der mykenischen Paläste erkennen. Im Gegensatz zu früheren Arbeiten, die nur jeweils einzelne Textserien oder Aspekte dieser kultischen Zuteilungen behandelt hatten, stellt diese Untersuchung erstmals ein umfassendes Corpus aller Opfertexte aus mykenischer Zeit zusammen, in dem auch die neu gefundenen Dokumente aus Theben und die sich aus der Interpretation dieser Tafeln ergebenden Konsequenzen für das Verständnis anderer Textgruppen ausführlich Berücksichtigung finden. Der Gesamteindruck sämtlicher Texte vermittelt das Bild eines hoch entwickelten Opferwesens und gibt wichtige Einsichten in die Typologie des mykenischen Opferkults. Trotz des meist nur geringen Informationswerts der Tafeln wurde eine Klassifizierung der einzelnen Tafeln nach unterschiedlichen Opferformen unternommen, die sich primär auf die unterschiedlichen Kategorien der Opfergaben, die differierenden Größenverhältnisse bei den Mengenangaben, die gelegentliche Nennung von Monats- und Festnamen sowie die Zusammengehörigkeit verschiedener Texte und Textgruppen stützt. Während die in Form von Libation resp. als Votiv- oder Erstlingsopfer direkt an eine Gottheit bzw. ein Heiligtum dargebrachten Opfergaben keinen sichtbaren Nutzen für den Opfernden beinhalten, implizieren die indirekten Opfergaben neben ihrer religiösen auch eine deutlich profane Komponente. Zu diesen sind insbesondere Zuweisungen für die Ausrichtung von kultischen Opferbanketten, (Nahrungs- )Lieferungen zur Aufrechterhaltung des Kultbetriebs und zur Versorgung des Kultpersonals sowie Zuteilungen an Einrichtungen zu zählen, die an die orientalische Tempelwirtschaft erinnern. Die konsequente Differenzierung in blutige und unblutige Opfer ermöglicht hierbei eine umfassenden Überblick über Art und Anzahl der geopferten Tiere, die in ihrer Bedeutung für die mykenische Zeit lange unterschätzt worden waren. Über die Klassifizierung der einzelnen Texte hinaus bietet der Charakter der in den Palästen verehrten Gottheiten einen indirekt erschließbaren Einblick in die mykenische Religionsgeschichte und stellt somit auch eine Hilfestellung für die Interpretation archäologischer Hinterlassenschaften dar.