Lykische Grabarchitektur - Vom Holz zum Stein?
Lykische Grabarchitektur - Vom Holz zum Stein?
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Lykien,
Limyra,
Experimentelle Archäologie,
Felsgräber,
Holzkonstruktion
Die steinerne Grabarchitektur Lykiens aus dem 5./4. Jh. v. Chr. in der heutigen Südwesttürkei weist in Aufbau und Gestalt Merkmale einer eventuell als Vorbild dienenden Holzbauweise auf. Der umfangreiche und für die Rekonstruktionstheorie differenziert aussagekräftige Bestand an freistehenden Gräbern in lykischen (29 Gräber) und griechischen (11 Gräber) Formen sowie Sarkophagen (26 Gräber) wird für Limyra bzw. Lykien in unterschiedlicher Intensität und Präzision beschrieben (66 Gräber). Durch die Neuvermessung (29 Gräber) soll auch der von Zerstörung bedrohte status quo dokumentiert werden. Die Identifizierung der für die Rekonstruktion bedeutsamen, autochthonen lykischen Details und die Entwicklung einer speziellen lykischen Holzsteckkonstruktion stützen die These, lykische Steinbauten seien dauerhafte Abbilder vergänglicher Holzarchitektur. Die konkrete Umsetzung in Form von Versuchsbauten gibt eine Vorstellung davon, was lykische Holzarchitektur gewesen sein könnte. Die dabei gefundenen Lösungsansätze lassen durch die Vielzahl der möglichen Ausprägungen Spielräume in der Interpretation zu. Die hier vorliegende Arbeit soll demnach als Diskussionsgrundlage die durch bauliche Experimente überprüfte These erhärten und noch offene Details aufzeigen. Zur Ableitung einer Holzbauweise wird das konstruktive System einer lykischen Steckkonstruktion vorgeschlagen: Die hölzernen Ursprungsbauten bestehen aus ein- oder mehrteiligen Trägern und Stützen, die an ihren Knotenpunkten so ausgebildet sind, dass sie, den drei Dimensionen folgend, so miteinander verbunden werden können, dass sie ein stabiles räumliches Ganzes bilden. Die Mehrteiligkeit der Bauglieder ermöglicht durch die Verlängerung der Tragstrukturen eine lückenlose Aneinanderreihung von Gebäuden unabhängig von der Länge der Bauhölzer. Andererseits kann die Elastizität der Verbindungen auf Verformungen der Gesamtkonstruktion (z.B. bei Erdbeben) reagieren. Erkenntnisse der die Architektur maßgeblich beeinflussenden Fachdiziplinen Statik und Bauphysik sowie Aussagen zu Baumaterial und Verarbeitungstechniken heute und in antiker Zeit sollen die konstruktive Genese der lykischen Steinarchitektur belegen. Die Untersuchung konstruktiver und gestalterischer Entwurfsprinzipien zeigt, dass die Abmessungen sowohl der Gesamtgebäude als auch der konstruktiven Elemente nicht direkt aus den Steingräbern auf die hölzernen Ursprungsgebäude übertragbar sind. Interessant ist die Häufung ganzzahliger Proportionen und der Nachweis von Fußmaßen in der lykischen Grabarchitektur, da beides auf durchkomponierte Baukonzepte schließen lässt. Als Ausblick und mögliche Weiterführung des Themas in eine städtebauliche Dimension sollte der abschließende Versuch gelten, auf den potentiellen Resten lykischer Besiedlung in Limyra unter Umsetzung der lykischen Holzsteckkonstruktion und der damit verbundenen Möglichkeit der Addition der Elemente eine konkrete Vorstellung lykischer Baukultur zu entwickeln.
- Lore Mühlbauer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in