Ferdinand Ebner. Tagebuch 30.1.1916 - 7.1.1917
Ferdinand Ebner. Tagebuch 30.1.1916 - 7.1.1917
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Ferdinand Ebner (1882-1931) ist neben Ludwig Wittgenstein der bedeutendste österreichische Sprachdenker des 20. Jahrhunderts. In seinem Hauptwerk Das Wort und die geistigen Realitäten. Pneumatologische Fragmente entwickelt Ebner eine neue Form philosophischer Anthropologie, die auf einem dialogisch geprägten Verständnis des Menschen basiert. Neben seinen philosophischen Schriften verfasste Ebner auch unzählige Briefe und war zudem ein intensiver Tagebuchschreiber. Das Tagebuch des Jahres 1916 (30.1.1916 - 7.1.1917) ist eines von insgesamt 14 erhaltenen Tagebüchern Ebners, die neben dem philosophischem Nachlass und den Briefen am Innsbrucker Brenner-Archiv aufbewahrt werden. Das im selben Band veröffentlichte Fragment aus dem Jahre 1916 - Mit einem Nachwort 1931 ist ein 1916 entstandener und im Todesjahr Ebners überarbeiteter Schlüsseltext zum Verständnis der Entwicklung seines Denkens. Das vorliegende Tagebuch ist als Textgattung eine Mischform: es ist journal intime und Arbeitstagebuch zugleich. Es enthält viele kultur- und sprachkritische Beobachtungen zum politischen und kulturellen Geschehen im Kriegsjahr 1916 - Ebner war ein aufmerksamer Beobachter und intensiver Zeitungsleser -, vor allem aber zahlreiche philosophische Überlegungen, die Ebners geistige Entwicklung in diesem Jahr nachvollziehbar machen. Ebner selbst sollte das Jahr 1916 später, in seinen 1931 niedergeschriebenen Lebenserinnerungen, ausdrücklich als Wendejahr für sein Denken bezeichnen. Mit Blick auf das Gesamtwerk stehen das vorliegende Tagebuch und das Fragment aus dem Jahre 1916 zwischen dem Abbruch der Arbeiten am Frühwerk Ethik und Leben: Fragmente einer Metaphysik der individuellen Existenz, an dem Ebner 1914 noch arbeitete, und dem Hauptwerk Das Wort und die geistigen Realitäten: Pneumatologische Fragmente, das 1918/19 entstand. Der vorliegende Text illustriert deutlich die Entwicklung von einer hauptsächlich an Otto Weininger und Henri Bergson orientierten Existenzphilosophie hin zu einer in der Auseinandersetzung mit dem Christentum und Sören Kierkegaard entstehenden Dialog- und Sprachphilosophie ("Pneumatologie"). 1916 formuliert Ebner erstmals einige Überlegungen, die schließlich in sein Hauptwerk einfließen sollten: so den dialogphilosophischen Grundgedanken vom Wort als Mittler zwischen den "geistigen Realitäten", dem "Ich" und dem "Du". Ebenso finden sich Anlagen zu einer Theologie des Gebets, die Ebners personalen Gottesbegriff mit seinen dialogphilosophischen Ansätzen vermittelt. Neben der bereits angesprochenen Lektüre von Kierkegaard führt die geistige Entwicklung, die im Tagebuch dokumentiert ist, auch über Auseinandersetzungen mit Bergson, Boutroux, Descartes, Fichte, Kant, Palgyi, Pascal, Platon und anderen. Außerdem setzt sich Ebner ausführlich mit Literatur auseinander, von den Klassikern (Aischylos, Sophokles) über Jean Paul und Shakespeare bis hin zu Tolstoi und Dostojewski, Balzac und Baudelaire. Komprimiert finden sich die Ergebnisse dieser geistigen Anstrengungen im unmittelbar nach dem Tagebuchtext abgedruckten Fragment aus dem Jahre 1916, das im Rahmen des laufenden Forschungsprojekts erstmals kritisch bearbeitet wurde. Beiden Texten, dem Tagebuch des Jahres 1916 und dem Fragment aus dem Jahre 1916, folgt ein ausführlicher Einzelstellenkommentar, der biographische, literarische, philosophische, historische u.a. Anspielungen klärt. Außerdem ist beiden Texten ein Vorwort der Herausgeber vorangestellt, das die Stellung des Werks im Gesamtwerk und im biographischen Kontext verdeutlicht.
- Markus Flatscher, Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in