Camillo Sitte und die Folgen. Künstlerischer Städtebau aus heutiger Sicht
Camillo Sitte und die Folgen. Künstlerischer Städtebau aus heutiger Sicht
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (100%)
Der Stadtbautheoretiker, Architekt und Pädagoge Camillo Sitte gilt als einer der wichtigsten Gründungsväter der modernen Disziplin des Städtebaus. Sein Hauptwerk Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, publiziert 1889, war ein großer Überraschungserfolg. Nach euphorischer Rezeption bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, emphatischer Ablehnung von Seiten der modernen Avant-Garde und einer relativ stummen Hintergrundpräsenz in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, stößt es heute wieder auf großes Interesse, sowohl im akademischen Diskurs als auch von Seiten der Praktiker des Städtebaus. Die Frage nach des richtigen Planens und Regulierens von Städten ist in Zeiten der Globalisierung und der rapiden Transformation von Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensformen scheinbar schwieriger denn je geworden. Camillo Sittes "künsterische Grundsätze", entweder im direkten Bezug auf Sitte oder über spätere Vertreter der Disziplin vermittelt, gewinnen in dieser Situation wieder an Gewicht. Dieser Umstand rechtfertigt einen erneuten Blick auf Sittes Hauptwerk. Neben der Interdisziplinarität des Ansatzes liegt ein Hauptaugenmerk hierbei auf der enormen theoretischen Vielseitigkeit Camillo Sittes selbst, die sich im Städtebau wider spiegelt und zu einfache und eindeutige Vereinnahmungen immer wieder in Frage stellt. Der Band versammelt, neben einer Einleitung von Kari Jormakka, zwölf Beiträge, die sich der theoretischen und diskursiven Analyse, der historischen Kontextualisierung, der Rezeptionsgeschichte sowie der Frage nach dem heutigen Stellenwert von Sittes Hauptwerk aus 1889 widmen. Die Beiträge von Michael Mönninger, kos Moravnszky, Wolfgang Sonne und Bernhard Langer gehen aus einer ideengeschichtlichen Perspektive auf Sittes Werk zu und fragen insbesondere nach der Stellung, Berechtigung und den vielfältigen, oft negativ konnotierten Implikationen des für Sittes Stadtbautheorie zentralen Konzepts des Malerischen. Die folgenden drei Beiträge von Stanford Anderson, Christiane Crasemann Collins und Riitta Nikula gehen der Rezeptionsgeschichte Sittes nach, mit Schwerpunkt auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während Mario Schwarz durch einen Blick auf den Architekten Camillo Sitte versucht, dessen ideologische Position von einer anderen Seite her zu beleuchten, konzentrieren sich die Beiträge von Sonja Hnilica, Ruth Hanisch, Heleni Porfyriou und Gabriele Reiterer auf eine diskursanalytische und theoretische Untersuchung von Sittes Städtebau, wobei jeweils dessen Rhetorik (Hnilica), dessen pädagogische Methodik (Hanisch), sowie der theoretische Stellenwert von Sittes Prämisse, den Stadtraum von seiner visuellen Wahrnehmbarkeit her zu betrachten (Porfyriou, Reiterer), im Mittelpunkt stehen. Den Abschluss macht Anthony Vidler mit der (sozial)psychologischen Frage nach dem Stellenwert der Angst im modernen Städtebau. Der Band wird herausgegeben von Univ.Prof.Arch.Dipl.-Ing.Dr.techn. Klaus Semsroth, O.Univ.Prof.Dipl.- Ing.Dr.phil. Kari Jormakka und Dipl.-Ing.Mag. Bernhard Langer. Er versteht sich als eine Begleitung und Ergänzung der (unter der Projektleitung von Klaus Semsroth) sich in Arbeit befindlichen Gesamtausgabe der Schriften Camillo Sittes, die ebenfalls vom FWF gefördert wird.