Baurisse der Gotik
Gothic architectural Drawings
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (100%)
Keywords
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Mediaval Architektural Drawings,
Architecture in 14th and 15 th century,
Gothic Architecture
Bestandskatalog der Sammlung mittelalterlicher Bauzeichnungen im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien Die Akademie der bildenden Künste Wien besitzt die einzigartige Sammlung von 428 gotischen Architekturzeichnungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Weltweit existieren von diesen Zeichnungen nicht mehr als 500. 1839 wurden die Zeichnungen der Akademie der bildenden Künste als Vermächtnis des Architekten Franz Jäger hinterlassen. Im Laufe des gesamten 19. Jahrhunderts wurden die Zeichnungen ausgiebig in der Architekturlehre verwendet. Auf Basis der nunmehr restaurierten und in höchster Qualität digitalisierten Zeichnungen dieser Sammlung soll ein repräsentatives zweisprachiges Buch (Volltext: deutsch/Summaries: englisch) im Verlag Anton Pustet erscheinen. Der Autor ist Prof. Hans J. Böker von der McGill University in Montreal, der früher schon zur architektonischen Geschichte des Wiener Doms geforscht hat. Bis jetzt gibt es von der Sammlung nur eine Publikation von Hans Koepf aus dem Jahre 1969. Diese behandelt auf 60 Textseiten nur eine geringe Anzahl der Zeichnungen dieser Sammlung etwas ausführlicher, ansonsten beschränkt sie sich auf knappe Angaben. Für die architekturgeschichtliche Forschung stellte dieser Katalog wegen seiner sehr kleinformatigen und stark aufgerasterten Abbildungen eher eine Beeinträchtigung als ein wirkliches Hilfsmittel dar. Die erneute und intensive wissenschaftliche Beschäftigung an den originalen Zeichnungen der Sammlung brachte hinsichtlich der Darstellungsweise und der Lesbarkeit der Pläne unerwartete Ergebnisse. Sie schafft so einen neuen Ausgangspunkt für die weitere Forschung. Entsprechend wurden nicht wie bei Kroepf oder auch sonst in der bisherigen Forschung gleichsam architektonische Projekte bearbeitet und ihnen einzelne Zeichnungen zugeordnet, sondern Einzelzeichnungen in den Vordergrund gestellt, die auf ihren architekturgeschichtlichen Aussagewert hin untersucht wurden. Dabei wurde zwischen der deskriptiven Erfassung der Zeichnung, der möglichst vollständigen Darstellung der Forschungsliteratur und ihrer Interpretation zu unterscheiden gesucht. Entgegen bisheriger Ansicht konnte nachgewiesen werden, dass das Gros der Zeichnungen in einem festen Maßstabsystem entworfen wurde, das auf dem Duodezimalsystem (1:6, 1:12, 1:24, 1:48, 1:96) aufgebaut ist, zumal sich auf einem Grundriss des Augsburger Domchores ein solcher, bislang nicht gesehener Maßstab erhalten hat. Bei einer Anzahl von Plänen gelang zudem eine Identifizierung mit einem konkreten Bauwerk und bei bereits bekannten ergab sich eine neue Einsicht in den Planungsprozess. Letzteres betrifft vor allem den Prager Veitsdom, dem bekanntlich in der Architekturgeschichte eine Schlüsselrolle zukommt. Hatte man bislang angenommen, dass es sich bei den auf dieses Bauwerk zu beziehenden Baurissen um spätere Kopien verschollener Originalzeichnungen handle, so konnte anhand der Radierspuren und intensiven Korrekturen der gesamte Planungsprozess der Zeichnungen rekonstruiert werden, die nun als die Originalentwürfe Peter Parlers anzusehen sind. Ein wesentliches Ergebnis erbrachte vor allem die systematische Erfassung und Untersuchung der vorkommenden Wasserzeichen.
- Hans Josef Böker, assoziierte:r Forschungspartner:in