Tasten, Riechen, Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne
Tasten, Riechen, Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Senses,
Phenomenology,
Aesthetics,
Anthropology
Die Arbeit setzt sich mit dem Primat des Sehens und des Hörens in der Philosophie und in der Ästhetik auseinander, die Tasten, Riechen und Schmecken als "niedere Sinne" (Kant) bezeichneten. Demnach hat der Zivilisationsprozess die "Sekundärsinne" doppelt verdrängt und "anästhetisiert": die Sittenlehre verbannte sie in den Bereich des Privaten und die Kunsttheorie betrachtete sie als "bloß angenehm" und folglich als nicht-ästhetisch. Das führte zu einer unterentwickelten Terminologie und zu mangelhafter Erziehung im Vergleich zu den sog. "höheren" Sinnen (Sehen und Hören) mit Folgen auch für ihre wissenschaftliche Untersuchung. Der gegenwärtige Forschungsstand zeigt eine ausschließlich empirische Beschäftigung mit einzelnen Aspekten bei gänzlicher Absenz einer allgemeinen Grundlegung. Außerdem ist das niedrige Forschungsniveau die Konsequenz der bisherigen Tabuisierung dieser Sinne im akademischen Bereich und auch der sozio-kulturellen Vorurteile gegen ihren praktischen (Nutz-)Charakter. Die vorliegenden Studien vollziehen eine dreifache Reflexion: 1. auf die Erfahrung des Tastens, Riechens und Schmeckens, 2. auf ihre ästhetische Dimension und 3. auf ihre sprachliche Mitteilung, die durch Metaphorik und Narrativität gekennzeichnet ist. Dafür bedient sich die Arbeit phänomenologischer Analysen (Husserl, Straus, Merleau-Ponty, Tellenbach), naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse genauso wie psychologischer und psychoanalytischer, philosophie-, kultur- und kunstgeschichtlicher, ethnologischer und soziologischer und nicht zuletzt historisch-anthropologischer Interpretationen. Meine Theorie setzt das Projekt der Aisthetik (Welsch, G. Böhme, Seel, Berleant) fort, d. h. sie legt der Kunsttheorie eine Sinnesanthropologie zugrunde und argumentiert die Notwendigkeit, die Thematik der Ästhetik auf Formen aller Sinne, einschließlich auf Design und Stadtplanung, auf Parfümerie und Gastronomie, zu erweitern. Die breite Interdisziplinarität gründet in der starken Einbettung der "Sekundärsinne" in die jeweilige sozio- kulturelle Konstellation, was der These von einem reinen ästhetischen Bewusstsein widerspricht und die ästhetische Grenze als kulturrelativ erscheinen lässt: Die Ästhetik sollte sich zu einer environmental and cultural aesthetics entwickeln. Besonders berücksichtigt werden der Beitrag dieser Sinne zur Konstitution der persönlichen Identität, ihre gesellschaftlichen Funktionen (gemeinschaftsstiftend, aber auch als soziale Distinktionsmittel) und ihre ethischen Pendants: Takt, Flair, ????, sagacitas und sapientia - Begriffe, die etymologisch der Erfahrung der Sekundärsinne entstammen und ein vorbegrifflich-praktisches Denken bezeichnen. Auch jenes Klischee wird untersucht, das Tasten, Riechen und Schmecken immer der Frau, dem Kind und dem nicht-europäischen "Primitiven" zuschreibt. Trotz spezifischer Schwierigkeiten, eine Ästhetik dieser drei Sinne auszuarbeiten, erweist sich letztlich der prinzipielle Unterschied zwischen ästhetischen und nicht-ästhetischen Sinnen als unbegründet. Einzelne Kapitel behandeln ausführlich die haptischen Qualitäten in den bildenden Künsten, das Tattoo, den Tanz und die Kunsterfahrung der Blinden. Die Gerüche werden entweder indirekt in der Malerei suggeriert oder sie sind direkt anwesend in Kunstinstallationen und in synästhetischen Kunstformen (Gärten, Architektur, "urban smellscapes", avantgardistische Experimente etc.). Die Schriften der Parfümeure entkräften die Einwände der Philosophen gegen eine Ästhetik der Parfums. Nicht zuletzt entwickeln sich die gastronomischen Stile und die Eat- Art als zwei parallele Richtungen, die beide das ästhetische Potential des Geschmackssinns verwirklichen. Schließlich werden im Ausgang vom Tasten, Riechen und Schmecken allgemeine Werte einer Ästhetik des Infinitesimalen untersucht: Die Patina betrifft die ästhetisierende Wirkung der Zeit, die Atmosphäre die affektive Qualität eines Phänomens und das Aroma die Besonderheit eines Werks oder die ästhetische Differenz. Dabei kommt der Kunstausbildung insgesamt die Aufgabe einer umfangreichen Sensibilisierung im Bereich der unterentwickelten Sinne zu. Der primäre Sinn einer Ästhetik der "Sekundärsinne" wird so schließlich in der Sensibilität, i. S. des sinnlichen Differenzierungsvermögens des Menschen, des feinen Gespürs für Differenzen und für atmosphärische Veränderungen, gefunden. Dabei lässt sich die Sensibilität nicht nur als Verletzbarkeit, sondern auch als positive Stärke, als Macht und als kritischer Sinn neu bewerten.