Österreichs Geheimbotschafter
Austrian Secret Ambassadors
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (100%)
Keywords
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Austrian cultural history,
Thomas Bernhard,
Hugo von Hofmannsthal,
Schubert-Circle,
Queer Studies
Die österreichische Kulturgeschichte vom Biedermeier über das Fin de Siecle bis in die Zeit der Waldheim- Präsidentschaft ist doch wohl schon bestens aufgearbeitet. Was mag es da noch für Botschaften geben, die geheim geblieben wären? Gerade Schubert, Hofmannsthal und Bernhard sind doch Ikonen des österreichischen kulturellen Selbstverständnisses geworden. Das Schubert-Lied hat die Konzertsäle der ganzen Welt, Hofmannsthals Opernlibretti durch Strauss die Welt der Oper erobert, und auch Bernhard ist längst zu einer internationalen Größe geworden. Jeder kennt sie, viele lieben sie, man hat Melodien und Textpassagen auswendig im Ohr. Hier aber wird nun eine ganz intime Schicht dieser wohlbekannten Größen zu Tage gefördert, die bisher weitgehend verborgen war und im besten Fall von Eingeweihten in Fachkreisen unter Ausschluß der größeren Öffentlichkeit behutsam und mit Vorbehalten angedeutet wurde. Mag der Bereich des Homoerotischen auch für das Privatleben heutiger Staatsbürger keine größeren Schwierigkeiten mehr mit sich bringen: die österreichische Kulturgeschichte soll scheinbar auf keinen Fall - vor allem bei ihren identitätsstiftenden Vorzeigekünstler - durch eine homoerotische Subkultur unterwandert werden; deren Intimität ist sakrosankt. Für Schubert erfindet man ein Dreimäderlhaus, die Wissenschaft behauptet indes ohne den geringsten Beweis, er hätte sich seine Lustseuche bei einer Hure geholt; Hofmannsthals Ehe und die drei Kinder sprächen ohnedies für sich; und Bernhard war nun einmal asexuell.So ungefähr die Tendenzen. Tatsächlich finden sich aber im ganzen Werk (sowie in biographischen Materialien) und nicht bloß in einer Jugendphase bei allen drei Künstlern deutliche Anzeichen für ein großes Interesse an homoerotischer Ästhetik. Sie entwickelten jeweils ein variables Chiffrensystem, das, kennt man erst den Schlüssel, mitunter erst die eigentliche Botschaft des einen oder anderen Werks enthüllt. Der Vormärz hatte durch ein bedrohliches Spitzel- und Zensurwesen diese Technik nötig gemacht, zur Jahrhundertwende konnte das Thema zwar schon leise angedeutet, aber aus gesellschaftlichen Gründen mußte der Ich-Bezug verschleiert werden. Warum selbst Bernhard im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert noch Chiffren entwickelte, dazu gibt er selbst die Antwort: wegen der Alt- (und Jung-)Nazis und der Verlogenheit der katholischen Kirche. Weshalb trägt der "kleine Neger" im Rosenkavalier gelb? Warum versteinert der Kaiser in der "Frau ohne Schatten"? Was soll das "travesti" von Lucidor und Arabella, was der dauernde Wechsel der Geschlechterrollen des Quin-Quin? Aus welchem Grund muß die Josephslegende in venezianischen Renaissancekostümen getanzt werden? Weshalb bringen sich bei Bernhard der "Untergeher" und der General in der Jagdgesellschaft wirklich (und warum ausgerechnet im Jagdhaus) um? Weshalb lässt Schubert in der schönen Müllerin Wilhelm Müllers Gedicht Blümlein Vergißmein weg und vertont dafür Schobers Vergissmeinnicht ausgerechnet im Mai, wenn es blüht und Schober Geburtstag hat? Und warum landet Schubert, wenn er von "blauen Blümlein" singt, nach einer fröhlich-schwärmerischen Frühlingsmelodie plötzlich in Moll? Wie die so bekannt scheinenden Größen der österreichischen Geistes- und Kulturgeschichte sich auf einmal als "Geheimbotschafter" offenbaren, indem sie Einblicke in eine andere Welt, eine andere Kulturgeschichtegeben, ist das Anliegen dieser Studie.