Tell el-Dab´a. Opferdeponierungen in der Hyksoshauptstadt
Offering Deposits in the Capital of the Hyksos Avaris
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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Egypt,
Levant,
Archaeology,
Cultic relics,
Pottery,
Hyksos
In der Hyksoshauptstadt Avaris, das mit dem heutigen Ort Tell el-Daba im Ostdelta Ägyptens identifiziert werden konnte, waren seit dem späten Mittleren Reich Ausländer aus Syrien-Palästina ansgesiedelt, die sich stark an die ägyptische Kultur angepaßt hatten, jedoch auch gewisse Eigenheiten bewahrten. Unter den vielen Besonderheiten, die dieser Ausgrabungsort zu bieten hat, heben sich die sogenannten Opfergruben hervor. Es handelt sich hierbei um zumeist kreisrunde Gruben, in denen Keramikgefäße und zum Teil auch Tierknochen deponiert sind. Anhand des Fundinventars konnten zwei Gruppen von Gruben herausgearbeitet werden; solche, die fast ausschließlich Modellgefäße enthielten, und solche, in denen vorwiegend Gefäße aus dem Alltag zusammen mit Tierknochen vorhanden waren und die somit Relikte von Opfermahlzeiten darstellen. Ein Teil der Gefäße der zweiten Gruppe wurde zudem mit den Tierknochen vor der Deponierung einem Brandopfer zugeführt und/oder intentionell zerbrochen. Aus den Fundkontexten ergibt sich ferner, daß Opfermahlzeitrelikte vorwiegend in den Vorhöfen von Tempeln, seltener in Friedhöfen und Wohnhausbereichen deponiert wurden. Gruben mit Modellgefäßen hingegen wurden im überwiegenden Maße in der Nähe einzelner Gräber angelegt und treten nur gelegentlich in anderen Fundzusammenhängen auf. Modellgefäße wurden bereits seit frühester Zeit nicht nur in Ägypten hergestellt, spielen in diesem Kulturkreis im kultischen Bereich jedoch eine herausragende Rolle und fungieren als Ersatzbehälter für tatsächliche Opfergaben. Auch Opfermahlzeiten waren in verschiedenen kultischen Zusammenhängen vor großer Bedeutung. Faßbar sind sie allerdings vorwiegend schriftlich und ikonographisch, nur gelegentlich konnten sie auch archäologisch nachgewiesen werden. Dies liegt jedoch nicht an ihrem grundsätzlich seltenen Auftreten, sondern spiegelt vielmehr das Erkenntnisinteresse der früheren Ausgräber wider, die schlichten Scherben in Anbetracht der Überfülle von dekorierter Steinarchitektur, Statuen und der Unzahl von Inschriften und vielfältigster Kleinkunst nur periphere Bedeutung zumaßen. In weitaus geringerem Maße trifft dies auf die östliche Levante zu, in der im Gegensatz zu Ägypten eher ein Mangel von spektakulären Funden und in besonderem Maße Schriftquellen vorliegt. Auch hier konnten gelegentlich Opfergaben mit Relikten von kultischen Mahlzeiten beobachtet werden, doch treten sie nirgends in der Fülle wie in Avaris/Tell el-Daba auf. Von besonderem historischem Interesse ist hierbei eine Opfergrube vor einem Tempel syrisch-palästinensischer Herkunft, die erst in der frühen 18. Dynastie angelegt wurde und damit deutlich macht, daß auch nach Vertreibung der Hyksos der Kult an dem ausländischen Tempel fortbestand. Aufgrund der bisherigen Vernachlässigung von Keramikbearbeitungen in der Ägyptologie wurde ein ungewöhnlich breiter Rahmen deren Aufbereitung in Form einer typologischen Studie und ihrer feinchronologischen Auswertung gewidmet. Somit liefert diese Untersuchung nicht nur Einblicke in bislang nicht oder nur am Rande erfaßte kultische Praktiken in Ägypten und der Levante, sondern auch eine eingehende feinchronologische Analyse von Scherben und Komplettgefäßen aus dem späten Mittleren Reich, der Zweiten Zwischenzeit und dem frühen Neuen Reich.