Bronzefunde aus dem Artemision von Ephesos
Bronzes from the Artemision at Ephesos
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Ionia,
Artemision,
Votive Offerings,
Ephesos,
Phrygia,
Bronze Art
Die hier vorgelegten Bronzefunde stammen aus den Ausgrabungen des Österreichischen Archäologischen Institutes, die in den Jahren 1965 bis 1994 im Heiligtum der Artemis von Ephesos durchgeführt wurden. Die zahlreichen Funde von Weihegaben aus unterschiedlichen, oft sehr wertvollen Materialien zeigen, dass das Heiligtum bereits im 7. Jahrhundert, also lange vor dem Bau des ersten großen Marmortempels, ein wichtiger Kultplatz war. Die Bronzevotive bilden aufgrund ihrer großen Zahl und Formenvielfalt einen einzigartigen Komplex der früharchaischen Zeit, und ihre Untersuchung trägt wesenlich zum Verständnis der bislang nicht ausreichend erforschten Metallkunst Ioniens bei. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen die stilistische Analyse der Bronzeartefakte und ihre chronologische bzw. landschaftstypologische Einordnung. Die große Mehrheit der Bronzevotive aus dem Artemision hat eine sehr starke ostägäische bzw. westanatolische Prägung. Davon ausgehend werden lokale bzw. regionale Werkstatttraditionen diskutiert und untersucht, welche äußeren Einflüsse in die ionische Metallkunst Eingang fanden. Charakteristische, in verschiedenen Gattungen wiederkehrende Formmerkmale weisen auf eine im Raum Ephesos oder direkt im Bereich des Heiligtums ansässige Werkstatt hin. Eine besondere Bedeutung kommt zudem der phrygischen Bronzekunst zu, die auf das ionische Metallhandwerk nachhaltig einwirkte und zur Übernahme bzw. eigenständigen Weiterentwicklung von phrygischen Formen inspirierte. Ein eigener Abschnitt widmet sich der inhaltlichen Analyse der Bronzevotive und ihren Aussagemöglichkeiten über das Kult- und Votivwesen im früharchaischen Artemision. Da uns aus dieser Zeit keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen, ist die Auswertung der Votivgaben für die Interpretation des Heiligtums und seiner Kultgebräuche besonders wichtig. Der Name der zu dieser Zeit im Artemision verehrten Gottheit ist nicht überliefert, doch weisen die große Zahl von Schmuckgegenständen und eine Reihe von Tierdarstellungen darauf hin, dass Aspekte des Weiblichen und der Natur im Kult eine besondere Bedeutung hatten. Der Frage nach Importen unter den Bronzefunden und deren Aussagemöglichkeiten über auswärtige Kontakte der Region um Ephesos ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Dabei wird deutlich, dass sich die Importe im Wesentlichen mit zwei Kunstkreisen - mit Phrygien und mit dem nordgriechischen-makedonischen Raum - verbinden lassen. Das weitgehende Fehlen von Erzeugnissen aus dem Vorderen Orient überrascht besonders im Vergleich mit benachbarten Plätzen wie Samos oder Milet, wo wertvolle Bronzen orientalischer Herkunft in größerer Zahl zutage kamen. Der Grund dafür liegt wohl in der wirtschaftlichen Position von Ephesos, das offensichtlich am Handel mit dem östlichen Mittelmeer nicht wesentlich beteiligt war. Vielmehr vermitteln die Bronzeartefakte das Bild eines Heiligtums von überwiegend lokalem bzw. regionalem Charakter, das erst mit dem Bau des großen Marmortempels Berühmtheit erlangte. Die Bronzefunde aus dem Artemision erweitern entscheidend unser Wissen über das Metallhandwerk in Ionien und betonen die wichtige Rolle dieser Region als Vermittler von Technologie und Formengut zwischen Anatolien und dem Vorderen Orient einerseits und der Ägäis und dem griechischen Festland andererseits.