Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Herzegowina
Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Herzegowina
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Bosnia-Herzegowina,
Loyalty,
Ottoman Empire,
Power Relations,
Eastern Question,
Tanzimat
Die sogenannte "Große Orientkrise" 1875 - 1878, die mit Unruhen in Bosnien-Herzegovina begann und mit dem Berliner Kongress ihren Abschluss fand, wird in der Historiographie vornehmlich unter den Aspekten "nationale Befreiung" oder Großmachtpolitik behandelt (bekanntlich wechselte damals in einem großen Teil Südosteuropas der Herrschaftsrahmen). In der vorliegenden Habilitationsschrift geht es in gewisser Weise um die Vorgeschichte dieser "Orientkrise". Es wird allerdings eine etwas andere Herangehensweise angewandt: im Mittelpunkt des Interesses steht der Wandel der Macht - und Loyalitätsbeziehungen in einer der vielen multikonfessionellen, multiethnischen Regionen des spätosmanischen Südosteuropa, jener der Herzegowina. Obwohl mitunter bis zurück zum Beginn der osmanischen Herrschaft geblickt wird, liegt der Fokus des Buches aber auf den letzten Jahrzehnten der osmanischen Zeit etwa auf der Periode von den 1830ern bis in die 1870er Jahre. Infolge der zunehmend "modernistisch" und "westlich" ausgerichteten osmanischen Reformpolitik seit spätestens 1839 (bekannt als Zeit der Tanzimat) mussten in vielen gesellschaftlichen Bereichen damals - nicht nur gesamtstaatlich sondern auch regional und lokal - die Machtbeziehungen neu ausgehandelt werden. In der Herzegowina etwa wurde die traditionelle Macht der Provinznotabeln mit der Durchsetzung einer neuen Form "administrativer" Herrschaft gebrochen. Rechtliche, religionsgesetzliche und wirtschaftliche Neuerungen griffen tief in lokale Beziehungsgeflechte ein. Ausgangspunkt der Analyse war die Tatsache, dass Menschen nicht nur eine Loyalität und soziale Identität, sondern in der Regel mehrere Bindungen an ihre soziale Umwelt besitzen und dass diese Bindungen auch nicht statisch, sondern prozesshaft und situativ sind. Insbesondere zwei wichtige Grundprinzipien werden in dem Buch sehr offenbar. Die alltägliche Multiplizität von Loyalitäten (das Zusammenspiel und Nebeneinander etwa verwandschaftlicher, patronageartiger "ständischer" oder konfessioneller Loyalitäten, auch stark über etwa Status- oder konfessionelle Gruppen hinweg) und die besondere Bedeutung gewaltsamer Krisen, die die hier angesprochene Multiplizität auch stark verengen konnten. Herrschaft und Loyalität werden stark alltagsgebunden analysiert. Es gibt exemplarische Einblicke in drei ländliche Lokalkontexte - je einen orthodoxen, katholischen und muslimischen - sowie eine Rekonstruktion städtischer Entwicklungen. Die gewonnenen Einsichten werden immer mit der Geschichte der Provinz (also Herzegowina bzw. Bosnien-Herzegowinas) verknüpft bzw. auch im Kontext der osmanischen Herrschaftsentwicklung reflektiert. Lokal-, Regional- und Reichsgeschichte werden also nicht getrennt, sondern mit Blick auf die Loyalitätsstrukturen in der herzegowinischen Provinz, als verworben untersucht.
- Universität Graz - 100%