Clara K. Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino
Clara K. Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino
Wissenschaftsdisziplinen
Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (10%); Kunstwissenschaften (20%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Austrian Literature,
Schnitzler,
Arthur,
Fin de Siècle,
Pollaczek,
Clara Katharina,
Writers and cinema
Dass viele Autoren der Wiener Jahrhundertwende auch Virtuosen der zu ihrer Zeit neuen Medien waren, hat die Forschung längst erkannt. In besonderem Maß trifft dies auf Arthur Schnitzler zu. Was aber Schnitzlers Umgang mit der Filmindustrie und dem Kino angeht, so kommt dem berühmten Autor eine Sonderstellung zu. Kein anderer Schriftsteller der Wiener Moderne hat sich in vergleichbarem Maße mit der Filmindustrie seiner Zeit eingelassen, und - kein anderer Autor seiner Zeit war ein so leidenschaftlicher Kinogänger. Gleichwohl spielen Film und Kino in Schnitzlers Werk als Motiv kaum eine Rolle, weshalb auch die Forschung bislang der Kinogeherei Schnitzlers kaum Aufmerksamkeit schenkte. Das Bild präzisiert sich, wenn wir Schnitzlers Verhältnis mit Clara Katharina Pollaczek in den Blick nehmen. Clara Pollaczek (geborene Loeb, 1875-1951), eine vergessene Wiener Autorin, die in ihrer Frühzeit mit Schnitzler und Hofmannsthal verkehrte und mit "Mimi" in der "Neuen Deutschen Rundschau" bei S. Fischer eine "weibliche Antwort" auf Schnitzlers "Anatol" veröffentlicht hat, geht in den 1920er und 30er Jahren mit Arthur Schnitzler ins Kino - über 600 gemeinsame Kinobesuche sind in ihren Tagebüchern verzeichnet. Der vorliegende Band liefert in seinem Hauptteil eine Synopse der auf das Kino bezogenen Tagebucheintragungen von Pollaczek und Schnitzler. Im Idealfall protokollieren beide Kinogänger den Film, sie notieren das Kino, den Film und den Ort des sich daran anschließenden Abendessens, und Pollaczek notiert darüber hinaus manchmal, was ihr Begleiter gemacht hat: "A. ist manchmal wie ein kleines Kind"... In diesen Protokollen von Pollaczek und Schnitzler spiegelt sich, im Gegensatz zu Schnitzlers übrigem Werk, das leidenschaftliche und differenzierte Interesse für das neue Medium. Auch in den (für den vorliegenden Band ausgewerteten) Briefen zwischen Pollaczek und Schnitzler fließt die Reflexion über Kino und Film ein. Der Briefwechsel der beiden ist in einem Textkonvolut enthalten, das sich in der Handschriftensammlung der Wien-Bibliothek befindet. Clara Katharina Pollaczek hat dieses Manuskript, das den Titel "Arthur Schnitzler und ich" trägt, Anfang der 1950er Jahre der Stadt Wien vermacht. Das Protokoll der Kinobesuche besteht in der Regel nur in Stichworten. Daher wird es hier um Nachweise (etwa aus Besprechungen und Kinoprogrammen der "Neuen Freien Presse") ergänzt, welches Kino Schnitzler und Pollaczek besucht und welchen Film sie sich angesehen haben. Die Filme werden genau nachgewiesen, deren Inhalt wird mit Hilfe von "Paimann`s Filmlisten" - einer zeitgenössischen Wiener Kino- und Filmzeitschrift - wiedergegeben. Neben dem Hauptteil enthält das Buch drei Aufsätze: der eine (von Stephan Kurz) widmet sich der kaum bekannten Clara Katharina Pollaczek und liefert zudem eine ausführliche kommentierte Bibliographie ihrer schriftstellerischen Arbeiten, der andere (von Michael Rohrwasser) geht auf Schnitzlers Verhältnis zu Film und Kino ein und verfolgt die Frage, was Schnitzler "ins Kino treibt". Der dritte Aufsatz (von Werner M. Schwarz) bietet den Kontext der Wiener Kinogeschichte der 1920er und frühen 1930er Jahre. Der Band wird durch mehrere Anhänge ergänzt, in denen Schnitzlers Kinobesuche vor den gemeinsamen Jahren sowie diejenigen Kinobesuche gelistet werden, die Pollaczek und Schnitzler während ihrer Beziehung ohne einander unternommen haben; auch alle erwähnten Kinos mit den jeweiligen Besuchen sind in einer Liste nachzuschlagen. Ergänzt wird das Buch durch unbekannte Photographien von Schnitzler, Pollaczek und anderen, und durch eine Reihe von Original-Filmplakaten der Zeit, die in der Plakatsammlung der Wienbibliothek erhalten geblieben sind, sowie durch Fotos einiger besuchter Kinos. Ein umfassendes Register erschließt die Namen aller Darsteller, Regisseure, Drehbuchautoren sowie die in den Tagebucheinträgen genannten Personen.
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