Die geplante Forschungsarbeit setzt sich eine umfassende historische sowie kultur- und geistesgeschichtliche
Darstellung der Wiener jüdischen Gemeinde in der Zwischenkriegszeit zum Ziel. Beschrieben werden sollen die
politischen und sozialen Rahmenbedingungen des Lebens der Wiener Juden sowie ihre politischen, sozialen,
kultuellen und religiösen Strukturen und Institutionen. Dazu gehört die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) mit den
bei den Wahlen zum Kultusvorstand wahlwerbenden Listen, darunter die Union Österreichischer Juden, die
Zionisten sowie die religiösen Listen und mit den wichtigsten Persönlichkeiten, unter ihnen vor allem Robert
Stricker, Desider Friedmann, Leopold Plaschkes, Anitta Müller-Cohen, Josef Ticho, Jakob Ornstein, Mendel Singer
und Wolf Pappenheim.
In einem eigenen Kapitel wird das religiöse Selbstverständnis der Wiener Juden beschrieben werden, wobei die
Arbeit der Wiener Rabbiner (Zwi Perez Chajes, David Feuchtwang, Israel Taglicht, Max Grunwald, Armand
Kaminka, Moses Rosenmann) ein wichtiger Teil sein wird.
Die Arbeit der kulturellen und religiösen Institutionen (Bibliothek, Archiv der IKG, Jüdisches Museum,
Israelitisch-theologische Lehranstalt, Beth Hamidrasch, Pädagogium, Religionslehrerseminar, Maimonides Institut,
Talmud Thora, Histadruth Ivrith, Toynbeehalle, B`nai B`rith Logen, Studentenvereine etc.) und der jüdischen
Publizisten, Schriftsteller, Historiker und Funktionäre (z. B. Otto Abeles, Yomtow L. Bato, Nathan Birnbaum,
Jakob Bronner, Salomo Frankfurter, Erna Patak, Oskar Rosenfeld, Bernhard Wachstein) umfaßt ein weiteres
Kapitel.
Untersucht werden soll weiters das komplexe soziale und geistesgeschichtliche Beziehungsgeflecht zwischen den
in der IKG bzw. den jüdischen Institutionen und Publikationen aktiven Personen und jenen Wiener Juden, die
heute, wenn überhaupt, wegen ihrer Bedeutung als Schriftsteller oder Wissenschaftler rezipiert werden. Wie sehr
auch sie Anteil nahmen am Leben und geistigen Selbstverständnis der Wiener Juden ist heute nicht mehr bekannt,
wird aber an vielen Beispielen - u.a. bei Richard Beer-Hofmann, Felix Salten, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud,
Wilhelm Jerusalem und Max Eisler - zu zeigen sein.