Grenze, Kontaktzone oder Niemandsland?
Frontier, Contact Zone or No Man´s Land?
Bilaterale Ausschreibung: Tschechien
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (10%); Geschichte, Archäologie (90%)
Keywords
-
Early Middle Ages,
Borders,
Archeology,
Contact-zones,
Morava-Thaya-region
Die Flüsse Thaya und March stellen heute weite Teile der österreichisch-tschechischen Staatsgrenze dar. Diese klar definierte Grenze, die erst seit der jüngsten Vergangenheit wieder offen und durchlässig für Interaktion, Austausch und Kommunikation ist, war besonders im Frühmittelalter vielfältigen Transformationsprozessen unterworfen. Es handelt sich um eine Grenzregion, die man je nach Kontext auch als Kontaktzone oder Niemandsland bezeichnen kann, in der einander in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Systeme gegenüberstehen: Der Raum, im 6./7. Jh. noch ohne erkennbare Grenze, lässt ab dem 8. Jh. mit awarischer und slawischer Besiedlung eine erste Trennung erkennen. Im 9. Jahrhundert stehen einander Großmähren und das Karolingerreich gegenüber. Durch die Ungarnkriege wie auch ökologische Veränderungen durchlebt das Gebiet im frühen 10. Jh. eine Regression, auf die jedoch bereits wenige Jahrzehnte später abseits der alten Zentren ein erneuter Aufschwung folgt. Im 11. Jahrhundert kristallisiert sich schließlich eine klarere Grenzziehung zwischen Babenberger Mark, premyslidischem Herrschaftsgebiet und dem rpdenzeitlichen Ungarn heraus. Diese vielfältigen Transformationsprozesse sollen im beantragten Projekt von einem internationalen und interdisziplinären Team tschechischer und österreichischer Forscher synchron und diachron in Hinblick auf spezifische Fragestellungen hin untersucht werden: Wo sind in den jeweiligen Perioden Siedlungen und Zentren, wie sind sie charakterisiert und wie verändern sie sich? Wie kann man die dahinter stehenden Menschen fassen und welche sozialen Systeme lassen sich erkennen? Welche technologischen und materiellen Aspekte sind erkennbar und was verraten sie uns über Wirtschaft, Handel, Kommunikation und Interaktion? Überspannend über diese Bereiche soll diskutiert werden, wo sich Grenzen und wo Kontaktzonen manifestieren, wie sie sich verändern und welche Unterschiede bzw. welche Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Systemen existieren. Neben einer allgemeinen und quantitativen Aufnahme der bekannten archäologischen Quellen aus der Grenzregion sollen ausgewählte Fundorte (u. a. Hohenau an der March, Pellendorf, Oberleiserberg, Bernhardtsthal, Lny, Mikulov, Kostice) auf beiden Seiten der Grenze im Detail untersucht werden um neue Informationen zur Entwicklung des Raumes im Frühmittelalter zu gewinnen. Eine Kombination von klassischen archäologischenMethoden mit modernstenGIS-Analysen, Systemtheorie, Anthropologie, Archäometallurgie, geophysikalischer Prospektion, Surveys, Archäobotanik, Archäozoologie, naturwissenschaftlichen Analysen und Datierungen etc. soll so den Forschungsstand, der speziell zur österreichischen Seite hin ein starkes Gefälle aufweist, auf einen neuen Level heben. Gerade die Funde der letzten Jahre führen das enorme Potential vor Augen, das diese Region für die archäologische Forschung birgt. Die aktuelle Ausschreibung bietet nun die ideale Chance, hier bilaterale archäologische Forschungen in dieser österreichisch-tschechischen Grenzregion zu initiieren, wie sie in einem solchem Umfang noch nie realisiert werden konnten.
Ziel des Projekts war die Erforschung der archäologischen Entwicklung der Region im heutigen Grenzbereich zwischen Mähren (CZ) und dem Weinviertel (AT) vom 7./8. bis in das 11./12. Jh. sowie ihrer Transformation von einer breiten, durchlässigen Grenzregion zu einer klar definierten Grenze, die sich im Laufe der Zeit immer wieder verschob. In diesem Rahmen wurden verschiedene Case-Studies von einem internationalen Team unter Verwendung verschiedenster geistes- und naturwissenschaftlicher Daten und Methoden durchgeführt. Es konnte gezeigt werden, dass die Region ab dem 7. Jh. stark durch externe und interne Komponenten beeinflusst wurde. Am Beginn kann hier besonders eine frühslawische Besiedlung beobachtet werden. Ab dem 8. Jh. sind zudem einige wenige awarische Gräberfelder in der Region nachzuweisen. Die awarisch geprägten Körperbestattungen existieren in der Region zeitgleich mit slawische Brandbestattungen, wie sie etwa im Gräberfeld von Bernhardsthal freigelegt werden konnten. Bei diesem handelt es sich um das älteste bekannte mittelalterliche Grabhügelfeld im mittleren Donaugebiet. Weiters konnten eine Produktionsstätte für awarische Gürtelbestandteile nachgewiesen und umfassend erforscht werden (Lany, CZ). Sie befinden sich mit ihrer Lage nahe der österreichischen Grenze an der äußersten Peripherie des awarischen Khaganats oder gar außerhalb dessen. Im 9. Jahrhundert expandiert das Karolingerreich bis an den Rand der erforschten Region. Die östlichsten Außenposten bilden dabei verschiedene Frohnhöfe entlang der Donau. Zeitgleich befindet sich die Region am Rande des großmährischen Einflussbereichs. Fundplätze und die zugehörigen Funde bezeugen dabei einen stärkeren Einfluss aus den nordöstlichen, mährischen Gebieten auf die materielle Kultur und Siedlungsmuster. Dies zeigen die Funde der Siedlung Pellendorf/Gaweinstal deutlich. Sie ist die bisher größte archäologisch untersuchte, frühmittelalterliche Siedlung des Weinviertels. Eine klare Grenze zwischen den beiden Einflussgebieten lässt sich in dieser Zeit allerdings nicht fassen. Die Flüsse March und Thaya scheinen eher einen verbindenden als einen trennenden Charakter zu besitzen. Die Dichte vergleichbarer Siedlungen auf beiden Seiten der Flüsse ist verhältnismäßig hoch. Im 10. und der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts - nach dem Fall Großmährens - lässt sich ein starker ungarischer Einfluss auf das Gebiet um den Oberleiserberg fassen. Das Fundensemble sowie die interdisziplinäre Analyse des auf dem Berg befindlichen Gräberfelds, zeigt allerdings, dass die Bevölkerung hier nicht isoliert lebte. Auch von einem Niemandsland ist in diesem Zusammenhang nicht zu sprechen. Das Areal ist stattdessen eine Kontaktzone, in der sich Einflüsse vom Ostseegebiet bis hin zur Adria nachweisen lassen. Die periphere Lage und der lückenhafte herrschaftliche Einfluss auf das Gebiet boten Gelegenheit für eine individuelle Entwicklung und den Austausch mit anderen Einflusssphären. Im Laufe des 11. Jh. verändert sich die Situation in der heutigen Grenzregion erneut und Burgen, wie etwa jene von Mikulov, werden entlang der Thaya und March errichtet. Sie markieren die Grenze, die die Einflussbereiche des ungarischen Königreichs, des přemyslidischen Mähren und der Babenberger Mark klar voneinander trennt.
- Universität Wien - 100%
- Jiri Machacek, Masarykova Univerzita - Tschechien
Research Output
- 12 Zitationen
- 31 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 1 Software
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 2 Weitere Förderungen
-
2017
Titel Zur Entwicklung der Grenze im mährisch-österreichischen Grenzgebiet während des 11.-12. Jahrhunderts und zur Rolle der Befestigung von Nikolsburg/Mikulov Typ Journal Article Autor Balcárková A. Journal Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich Seiten 37-72 Link Publikation -
2017
Titel Povelkomoravsk a mladohradištn keramika v prostoru dolnho Podyj Typ Book Autor Balcárková A. Verlag Masarykova univerzita -
2017
Titel Bommelohrringe und Pressblechfibeln zu Beginn der frühmittelalterlichen Körperbestattung Ostmitteleuropas Typ Journal Article Autor Macháček J Journal Archeologické rozhledy Seiten 476-492 -
2017
Titel Die arpadenzeitlichen Bestattungen des Oberleiserbergs (Niederösterreich). Erste Ergebnisse der interdisziplinären Analyse Typ Journal Article Autor Brundke N. Journal Acta Archaeoloica Carpathica Seiten 169-207 -
2019
Titel The Fall of Great Moravia DOI 10.1163/9789004392878 Typ Book Autor Machacek J Verlag Brill Academic Publishers -
2019
Titel The pottery from the Early Medieval settlement at Pellendorf/Gaweinstal and its relationship to the Great Moravian sites on the River March Typ Journal Article Autor Karin Kühtreiber Journal Archeologické rozhledy (submitted) -
2019
Titel Frontier - Contact Zone - No Man's Land. The Morava - Thaya region during the Early Middle Ages; In: Power in Landscape. Geographic and Digital Approaches on Historical Research Typ Book Chapter Autor Eichert St. Verlag Eudora Verlag Seiten 45-64 Link Publikation -
2019
Titel Power in Landscape. Geographic and Digital Approaches on Historical Research Typ Book Autor Polloczek V. editors Popović M. St., Polloczek V., Koschicek B., Eichert St. Verlag Eudora Verlag Link Publikation -
2018
Titel Die Bestattungen des ausgehenden Frühmittelalters auf dem Oberleiserberg (Niederösterreich); In: 50 Jahre Archäologie in Thunau am Kamp. Festschrift für Herwig Friesinger Typ Book Chapter Autor Brundke N. Verlag Amt der Niederösterreichischen Landesregierung Abteilung Kunst und Kultur Seiten 150-158 -
2018
Titel Digitising Patterns of Power (DPP). Fallstudien zur digitalen Aufnahme, Verwaltung, Analyse und Präsentation archäologischer und historischer Daten DOI 10.25536/20180203 Typ Other Autor Eichert S Link Publikation -
2017
Titel Hic sunt leones? The Morava Valley Region During the Early Middle Ages: The Bilateral Mobility Project between Slovakia and Austria DOI 10.24916/iansa.2017.1.7 Typ Journal Article Autor Hajnalová M Journal Interdisciplinaria Archaeologica - Natural Sciences in Archaeology Seiten 99-104 Link Publikation -
0
Titel Zwei frühmittelalterliche Gräberfelder im Vergleich - Eine habitusbasierte Studie. Comparison of two early medieval burial grounds - a study based on Bourdieus' habitus-field-theory Typ Journal Article Autor Benedix J Journal Archäologische Informationen -
0
Titel Das arpadenzeitliche Gräberfeld auf dem Oberleiserberg. Interdisziplinäre Studien zur Lebenssituation einer Population am Ende des Frühmittelalters Typ Journal Article Autor Brundke N. Journal Archäologie Österreichs -
0
Titel Von Grubenhäusern, Backöfen und Speichergruben - Das Beispiel der frühmittelalterlichen Siedlung von Pellendorf/Gaweinstal (Niederösterreich) Typ Journal Article Autor Karin Kühtreiber Journal Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich (submitted) -
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Titel Die frühmittelalterliche Siedlung von Pellendorf/Gaweinstal, Niederösterreich Typ Book Autor Alfred Galik Verlag Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kunst und Kultur, Landessammlungen Niederösterreich -
0
Titel Das frühmittelalterliche Hügelgräberfeld in Bernhardsthal. Archäologische Forschungen in Niederösterreich - AFNÖ (in print) Typ Book Autor Macháček J editors Macháček J, Milo P -
0
Titel Die Siedlung von Lny in der slawisch/awarischen Kontaktzone Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Arheoloski Vestnik -
0
Titel Grenze - Kontaktzone - Niemandsland? Die March-Thaya Region vom Früh- zum Hochmittelalter Typ Journal Article Autor Eichert S Journal Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich (in preparartion) -
0
Titel Das arpadenzeitliche Gräberfeld auf dem Oberleiserberg - Interdisziplinäre Studie zur Lebenssituation einer Population am Ende des Frühmittelalters (PhD Thesis, in review) Typ Other Autor Brundke N -
0
Titel Frühmittelalterliche Siedlungen des Weinviertels. Master-Thesis University of Vienna 2019 (working title, Master thesis, in progress) Typ Other Autor Nechansky E -
0
Titel Früh- bis hochmittelalterliche Bestattungen in einem Grenzgebiet - Die Habitus-Feld-Theorie als thanatoarchäologisches Konzept zur Analyse der Bestattungspraxis (PhD thesis, in preparation) Typ Other Autor Benedix J -
2015
Titel Possibilities of digital documentation and presentation using the example of early medieval nonferrous metal findings from the March-Thaya border region Möglichkeiten der digitalen Dokumentation und Präsentation. Am Beispiel frühmittelalterlicher Buntmetallfunde aus der March-Thaya Grenzregion Typ Journal Article Autor Eichert S. Journal Archaologie Osterreichs Seiten 29-34 -
2015
Titel O Velké Moravě, archeologii raného středověku i o ns samch Typ Journal Article Autor Macháček J Journal Archeologické rozhledy Seiten 464-494 -
2015
Titel Hradisko Pružina-Mescisk a jeho okolie; In: Hradisk - Svedkovia dvnych čias. Zbornk odbornch prspevkov o hradiskch a ich obyvateloch Typ Book Chapter Autor Kováčová L Verlag Občianske združenie Hradiská Seiten 175-185 -
2015
Titel KG Bernhardsthal Typ Journal Article Autor Lauermann E Journal Fundberichte aus Österreich Seiten 197-198 -
2015
Titel KG Wolfshoferamt Typ Journal Article Autor Breibert W Journal Fundberichte aus Österreich Seiten 243-244 -
2016
Titel Ein Gräberfeld des späten Frühmittelalters auf dem Oberleiserberg; In: Beiträge zum Tag der Niederösterreichischen Landesarchäologie 2016 Typ Book Chapter Autor Brundke N. Verlag MAMUZ Seiten 69-76 -
2016
Titel Geofyziklny prieskum mohl v Dunajskej Lužnej-Novch Košariskch; In: Zbornk na pamiatku Magdy Pichlerovej. Zbornk SNM Archeolgia, Supplementum 11 Typ Book Chapter Autor Čambal R Verlag Slovenské národné múzeum-Archeologické múzeum Seiten 27-34 -
2016
Titel Vvoj moravsko-rakouské hranice v raném středověku. Mikulov - vstupn brna na zem Moravy Typ Journal Article Autor Balcárková A Journal Památky archeologické Seiten 117-180 -
2016
Titel Digitising Patterns of Power (DPP): A Digital Approach towards Recording, Managing, Analysing and Presenting Archeological and Historical Information based on Case Studies from Eurasian Mountainous Regions Typ Journal Article Autor Eichert St. Journal Acta Archaeologica Carpathica Seiten 257-283 Link Publikation -
2016
Titel Neznámé opevnené sídlo v Dolních Bojanovicích DOI 10.5817/ah2016-1-14 Typ Journal Article Autor Dresler P Journal Archaeologia historica Seiten 241-249 Link Publikation
-
2017
Titel Invited Speaker Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2016
Titel Wissenschaftlich Technische Zusammenarbeit WTZ Oead Typ Travel/small personal Förderbeginn 2016 Geldgeber Austrian Agency for International Cooperation in Education and Research -
2018
Titel Wissenschaftlich Technische Zusammenarbeit WTZ Oead Typ Travel/small personal Förderbeginn 2018 Geldgeber Austrian Agency for International Cooperation in Education and Research