Wandel in eurasischen Steppen und ihren Peripherien
Changes in Eurasian Steppes and their Peripheries
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Soziologie (10%)
Keywords
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Steppe peoples,
Eurasia,
Nomadic pastoralists,
Avars,
Anatolia,
Siberia
WANDEL IN DER EURASISCHEN STEPPE UND IHREN PERIPHERIEN Österreichische Projektteile Das österreichische Projekt wird zwei wichtige Aspekte zum gemeinsamen Projekt beitragen: erstens, eine allgemeine und methodologische Untersuchung über Ethnizität in der Steppe; und zweitens, eine Fallstudie über die longue durée des nomadischen Pastoralismus, die Anatolien mit den eurasischen Steppen verknüpft. Ethnizität in der Steppe: vergleichende Zugänge Univ.Prof.Dr. Walter Pohl Lange Zeit nahm die Erforschung der Steppenvölker Ethnizität als gegeben an; unter einer rasch wechselnden Oberfläche sich verschiebender Erscheinungen wurde meist eine Kontinuität breiter ethnischer Gruppierungen angenommen, zum Beispiel der Türken, Mongolen oder Ungarn . Diese Auffassung erlaubte vielerlei nationale Aneignungen der Vergangenheit, teils bis zum heutigen Tag. In jüngerer Zeit haben sich neue Zugänge zur Ethnizität in diesem Forschungsfeld verbreitet, die oft neue Debatten auslösten. Das vorliegende Projekt zielt auf eine vergleichende Betrachtung der Periode zwischen ca. 300-1000 u.Z., aufbauend auf ausgedehnten vorangehenden Forschungen sowohl über mittelalterliche Ethnizität als auch über die (vor allem europäischen) Steppenvölker. Die Untersuchung geht von Hunnen, Awaren, Bulgaren und Ungarn aus, wird aber auch die Steppenvölker der Epoche weiter im Osten vergleichend einbeziehen, um mehr über Rolle und Grenzen ethnischer Unterscheidungen in der Welt der Steppe und für deren auswärtige Betrachter herauszufinden. Die Analyse geht von der Voraussetzung aus, dass Gruppen nicht per se ethnisch sind, sondern dass Ethnizität ein Ordnungsprinzip der sozialen Welt ist, das durch Kommunikation und durch Akte der Identifikation wirksam wird, und dessen Relevanz für verschiedene Akteure (in- group und out-group in der Steppe, Beobachter außerhalb der Steppenzone, moderne Forscher etc.) unterschiedlich war. Diese Forschungen sollen mehrere Forschungsartikel erbringen sowie in die Revision der Monographie über die Awaren von 1988 in der bei Cornell University Press geplanten englischen Ausgabe einfließen. Die beabsichtigte Zusammenarbeit ist für diese Studien von großem Wert. Ungarn ist seit langem eines der europäischen Zentren der Steppenforschung, besonders in der vergleichenden Archäologie, der Linguistik und Ethnologie der eurasischen Steppen. Viele Aspekte des ungarischen Projektes sind relevant für die hier vorgeschlagene allgemeine Untersuchung: Historische Semantik, die Analyse mündlicher Mythen und Traditionen, das Problem der Relevanz archäologischer Befunde für die Untersuchung von Identitäten und die Frage des Gebrauchs ethnischer Geschichte in moderner Identitätspolitik. Das ungarische Projektteam vereint einige der führenden Forscher in diesem Feld. Andererseits kann Österreich seine starke Tradition historischer Studien über Ethnizität und über die Beziehungen zwischen Barbaren mit der römischen und post-römischen Welt beitragen. Dazu kommt die lange Erfahrung mit der Kritik nationaler und ideologischer Aneignungen der Geschichte. Der Einfluss nomadischer Pastoralisten in Eurasien: eine Fallstudie aus Anatolien Dr. Celine Wawruschka Die nomadischen Kulturen Eurasiens werden oftmals kurzerhand mit Reitervölkern der Steppe assoziiert. Diese haben sicherlich den größten Eindruck auf Ihre Zeitgenossen gemacht, was sich demzufolge in den schriftlichen Quellen niederschlägt. Auch im archäologischen Fundmaterial sind die Elemente steppennomadischer Reitervölker gut zu identifizieren. Doch es waren keineswegs ausschließlich Reiternomaden, die die eurasische Steppe bevölkerten und sich immer wieder ins Innere Europas aufmachten. So, wie sich keine kulturelle Einheit innerhalb dieser sogenannten Reiternomaden Eurasiens ausmachen lässt, so kennen wir noch andere Erscheinungen des Nomadismus aus Eurasien, die ebenfalls keineswegs ein homogenes kulturelles Erscheinungsbild aufweisen: nomadische Viehzüchter (nomadic pastoralists). Ziel meines Projektbeitrages ist es, einerseits einen Überblick über die Entstehung und Vielfalt der Kulturen der nomadischen Viehzüchter Eurasiens vom Neolithikum bis in die Gegenwart zu bieten. Dabei möchte ich nicht nur deren vielfältige materielle Kultur beleuchten und grobe Gemeinsamkeiten herausarbeiten, sondern vor allem auf jene Elemente näher eingehen, die auf interkulturelle Erscheinungen und Beeinflussung schließen lassen. Denn sesshafte Bevölkerungen und nomadische Viehzüchter waren seit Anbeginn miteinander in Kontakt, da sich ihre Wirtschaftsformen ergänzt, ja zum Teil einander bedingt haben - insbesondere in einigen der naturräumlich charakteristischen Landschaften Eurasiens. Dieser Kontakt war jedoch auch von Konflikten geprägt, insbesondere mit dem Aufkommen von Staaten. Aus diesem Grund wird sich der zweite Schwerpunkt meines Projektbeitrages mit der Genese der Reitervölker aus den nomadischen Viehzüchtern Eurasiens beschäftigen: Welche nomadischen Reitervölker lassen sich auf Kulturen ehemaliger nomadischer Viehzüchter zurückführen? Wie beeinflusste dies in der Folge das Verhältnis nomadischer Reitervölker zu nomadischen Viehzüchtern? Welche äußeren Rahmenbedingungen führten zur kriegerischen Ausrichtung dieser Völker? Lassen sich hier gemeinsame Elemente herausfiltern oder sind die Rahmenbedingungen jeweils individuell zu betrachten? Und welcher Moment führte schließlich zu den Staatenbildungen von Reitervölkern? Diesem allgemeinen Überblick folgt eine Fallstudie aus Anatolien, in der diesen Fragen detailliert auf den Grund gegangen wird. Die anatolische Halbinsel bietet sich hierfür einerseits aufgrund ihrer Lage am westlichen Rand Eurasiens an, die eine Zone kultureller Interaktion und Beeinflussung darstellt. Andererseits ist die reiche Geschichte Anatoliens von einem dynamischen Wechselspiel sesshafter und nomadischer Kulturen gezeichnet: Seit dem Neolithikum war Anatolien auch die Heimat nomadischer Pastoralisten. Mit den ersten Staatenbildungen in der mittleren Bronzezeit fanden sich nomadische Reitervölker über Jahrhunderte hinweg sowohl als Verbündete als auch als Eindringlinge, als Söldner und als Eroberer in Anatolien ein, bis eine Gruppe von ihnen die Grundfesten des Osmanischen Staates legte. Während all dieser Epochen war die vielfältige Landschaft Anatoliens weiterhin von verschiedenen Gruppen nomadischer Viehzüchter besiedelt. Aufgrund dieser breit gefächerten sozioökonomischen und geopolitischen Szenarien bietet sich eine Fallstudie aus Anatolien für die vorgelegte Themenstellung geradezu an. Bemerkungen zur Finanzierung Der Projektteil über Ethnizität in der Steppe wird vom Antragsteller als Teil seiner Forschungen durchgeführt und muss nicht gefördert werden. Er wird jedoch vom intensiven Austausch mit dem Projektteam profitieren und kann methodologische Gesichtspunkte zu den Forschungen beitragen. Der Projektteil über nomadischen Pastoralismus benötigt die Finanzierung einer 50% Post-Doc Stelle, vorgesehen für Dr. Celine Wawruschka. Sie ist ausgewiesen durch ein Doktorat in Archäologie an der Universität Wien, durch jahrelange Lehrtätigkeit an der Koç University in Istanbul (wodurch sie vertraut mit türkischer Sprache und Forschung ist), hat ein lebhaftes methodologisches Interesse und kann auf früheren Forschungen in diesem Feld aufbauen. Sie wird am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW angestellt sein, wo die nötige Infrastruktur vorhanden ist. Reisemittel werden für Projekttreffen und Workshops in Budapest und für einen Forschungsaufenthalt in Anatolien beantragt (wo Dr. Wawruschka durch ihr Netzwerk einheimischer Kollegen die Kosten gering halten kann).
Das Projekt Wandel in der eurasischen Steppe und ihren Peripherien wurde in Zusammenarbeit mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest, einem der führenden europäischen Zentren der Steppenforschung, durchgeführt. Das gab Gelegenheit, mit einem multidisziplinären Team zu arbeiten, das unter anderem archäologische, linguistische und ethnologische Zugänge vertrat und viele Anregungen für die Arbeit im österreichischen Projektteil bot. Das österreichische Projektteam setzte sich aus der Projektleitung, Prof. Dr. Walter Pohl, und einem Postdoc, Mag. Dr. Celine Wawruschka, zusammen, und behandelte die frühmittelalterlichen europäischen Steppenvölker in einem breiteren zentral-eurasiatischen Kontext. Der Arbeitsbereich des Projektleiters war der weiträumige Vergleich der wechselnden Reichsbildungen in den osteuropäischen und zentralasiatischen Steppen. In diesem Raum sind der wiederholte Aufbau von Machtbereichen, Migrationen und Verschiebungen von Identitäten besonders gut zu beobachten und folgen bis zu einem gewissen Grad ähnlichen Mustern. Dennoch ließ sich im Lauf der Projekts nachweisen, dass zwischen den aufeinander folgenden Reichsbildungen von Steppenvölkern im Karpatenbecken der Frühmittelalters, Hunnen, Awaren und Ungarn, wichtige Unterschiede bestanden. Awarische Identität beruhte vor allem auf dem aus Zentralasien mitgebrachten politischen Modell der Herrschaft eines Khagans, in dem der Awarenname erfolgreich monopolisiert wurde. Hunnen hingegen übernahmen in vielen Teilen Eurasiens einheimische Titel und politische Formen, und werden überall durch diesen Volksnamen unterschieden. In der Fallstudie über nomadisches Hirtentum in Anatolien nahm der Kontinuitätsgedanke großen Raum ein. Wie auch in anderen Ländern Eurasiens üblich, konzentriert sich die moderne türkische Geschichtsschreibung auf nomadische Reitervölker und lässt das Phänomen der nomadisierenden Hirtenvölker weitgehend außer Acht. Verwoben mit den politischen Umständen des 20. und 21. Jahrhunderts wurde und wird eine Urheimat aller Turkvölker und somit auch der modernen Türken angenommen und in Schulbüchern, Fernsehserien, Wahlplakaten, aber auch wissenschaftlichen Projekten propagiert. Einen neuen Forschungstrend stellen hier genetische Studien dar, die die angenommene historische Kontinuität biologisch nachweisen sollen. Was aufgrund technischer Möglichkeiten bislang nicht gelungen ist, zeigt jedoch klar methodische Probleme auf: Nur transdisziplinäre Forschung kann fachliche Zirkelschlüsse und politischen Missbrauch von wissenschaftlichen Annahmen und Hypothesen verhindern.
- Csanad Balint, Ung. Akademie der Wissenschaften - Ungarn
Research Output
- 9 Zitationen
- 3 Publikationen
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2018
Titel Ethnicity and Empire in the Western Eurasian Steppes DOI 10.1017/9781316146040.016 Typ Book Chapter Autor Pohl W Verlag Cambridge University Press (CUP) Seiten 189-205 -
2016
Titel Editor’s Introduction DOI 10.1553/medievalworlds_no4_2016s2 Typ Journal Article Autor Pohl W Journal Medieval Worlds Seiten 2-4 Link Publikation -
2016
Titel Genetic History and Identity: The Case of Turkey DOI 10.1553/medievalworlds_no4_2016s123 Typ Journal Article Autor Wawruschka C Journal Medieval Worlds Seiten 123-161 Link Publikation