Formen und Funktionen auktorialer Epitexte
Forms and Functions of Authorial Epitexts
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Authorship,
Literary Field of the Present,
Paratext,
Epitext
Der Terminus Paratext bezeichnet gemeinhin Textsorten oder -elemente, die einen Basis- bzw. Haupttext flankieren, ergänzen oder kommentieren, dabei überwiegend von dessen Autor selbst stam- men oder von diesem autorisiert wurden. Unterscheiden lassen sich dabei Peritexte, die wie Vorwort, Motto oder Gattungsbezeichnung medial an ihren Verweistext gebunden sind, und Epitexte, die wie Interviews, Briefe oder Tagebucheinträge in der Regel in materieller Entfernung zu dem Text erschei- nen, auf den sie sich beziehen. Das in Kooperation mit der Universität Siegen konzipierte Forschungs- vorhaben untersucht im Anschluss an das FWF-Projekt Zur Funktion auktorialer Paratexte für die Inszenierung von Autorschaft (Projekt-Nr. P 26723 G23; Laufzeit 2014-17), welches sich exempla- risch mit der Zeit um 1800 sowie der Klassischen Moderne beschäftigte, verschiedene Formen von Epitexten und ihre Funktionen im deutschsprachigen literarischen Feld der Gegenwart. Das impliziert nicht nur eine literarhistorische Verlagerung, sondern auch die Berücksichtigung veränderter kulturel- ler, ökonomischer und vor allem medialer Bedingungen. So besteht das zugrundeliegende Textkorpus nicht mehr wie noch beim Vorgängerprojekt ausschließlich aus schriftlichen Quellen, sondern partiell auch aus audiovisuellem Material. Denn auktoriale Epitexte wie Interviews oder Literatur- preisreden finden sich seit einiger Zeit auch auf YouTube und anderen Kanälen. Nicht nur in medien- technischer Hinsicht ist dabei von der Annahme auszugehen, dass sich Formen und Funktionen aukto- rialer Epitexte aktuell ausdifferenzieren, sich das epitextuelle Spektrum mithin erweitert und für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur signifikant an Bedeutung gewinnt, wobei es sich ersichtlich nicht auf die notorisch gewordene Rolle des Beiwerks reduzieren lässt. Vielmehr ist zu fragen, in- wiefern das literarische Werk zunehmend Anlass und Kulisse für epitextuell realisierte Inszenierungen von Autorschaft bietet. Diese Zusammenhänge exemplarisch auf der Basis eines fest umrissenen, deutschsprachigen Quellenkorpus theoriegeleitet und materialgesättigt zu untersuchen, ist das Ziel unseres Vorhabens, das wir zu diesem Zweck in drei Arbeitspakete gliedern. Neben den im Rahmen von Autorenlesungen und Literaturpreisverleihungen zunächst mündlich geäußerten Epitexten liegt der Fokus auch auf den proliferierenden Varianten fingierter Epitexte, die Paratextualität zum Teil eines ästhetischen Spiels werden lassen, welches die Grenze von Text und Paratext produktiv über- schreitet und gleichzeitig aufs Neue markiert.
Im Rahmen unseres Projekts wurden erstmals Formen und Funktionen von Epitexten systematisch aufgezeigt und exemplarisch für den Untersuchungszeitraum analysiert. Dazu haben wir aus den zahlreichen Varianten des Epitextes drei Typen herausgegriffen, die besonders symptomatisch für das literarische Feld der Gegenwart sind: 1. Performative Epitexte (etwa Äußerungen von Autor:innen bei Lesungen). 2. Ritualisierte Epitexte (etwa Dankesreden bei Literaturpreisverleihungen). 3. Fingierte Epitexte (etwa Interviews, die nie geführt wurden). Mit dieser Aufteilung in drei konkrete Arbeitspakete, von denen das erste an der Universität Siegen und die beiden letzteren an der Universität Innsbruck bearbeitet wurden, konnten wir gleichzeitig das zu Grunde gelegte Material klarer konturieren und dennoch ein breites Spektrum an Epitexten untersuchen, wobei sich bei aller Vielfalt der proliferierenden Epitexte zwei konstante Merkmale herausarbeiten ließen: Funktionalität und auktoriale Bindung. Diese bezeichnet im Wesentlichen die Kopplung des Epitextes an die Instanz von Autorschaft, welche ihn legitimiert und zugleich verantwortet, jene den konstitutiven Umstand, dass gerade das Verhältnis von Text und Epitext nicht als ein essentialistisches bzw. statisches, sondern als ein funktionales und kontextabhängiges zu verstehen ist. So können Epitexte zu Texten transformieren, die wiederum eine eigene paratextuelle Umgebung hervorbringen, wenn etwa der in einem Periodikum erschienene essayistische Selbstkommentar einer Autorin später in ihre Werkausgabe aufgenommen wird. Dabei konnten wir zeigen, dass und wie Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart eine zentrale Rolle einnehmen, verstärkt nachgefragt werden und dabei keineswegs nur an die Schriftform gebunden sind. Nach Abschluss des Projekts dürfen wir sogar konstatieren, dass die mit Gegenwartsliteratur befassten Institutionen schon seit geraumer Zeit verstärkt Anlässe schaffen, bei denen Epitexte produziert werden, wenn sich Autor:innen etwa bei Lesungen oder Literaturpreisverleihungen zu ihrem Werk und / oder ihrer Person interpretierend äußern. Wir haben genau diese beiden Szenen der Literaturvermittlung in den Arbeitspaketen zu performativen bzw. ritualisierten Epitexten eingehend untersucht. Erscheinen Epitexte dagegen in fiktionaler Umgebung bzw. gänzlich als Fiktion (z. B. fingierte Interviews in Romanform), machen sie außerdem selbstreflexiv die Funktionsweise von Epitexten im Allgemeinen sichtbar und stellen diese in Hinblick auf auktoriale Inszenierungspraktiken sowie die Mechanismen des Literaturbetriebs im Besonderen aus. In diesem Zusammenhang konnten wir an bestehende Forschungen zur Werkpolitik und zur Inszenierung von Autorschaft anknüpfen, gilt doch der zuletzt viel gebrauchte Begriff der 'Inszenierungspraktiken' nicht zuletzt diesem epitextuellen Beiwerk der literarischen Texte, wobei in der literaturbetrieblichen Praxis Autorschaftsinszenierung und Werkpolitik permanent ineinandergreifen. Durch unsere Konzentration auf Epitexte konnten wir der Paratext-Forschung, die dazu tendiert, den Bereich entweder auf Peritexte zu reduzieren oder auf nicht-auktoriale Texte wie Literaturkritiken auszuweiten und ihn damit begrifflicher und konzeptioneller Unschärfe anheim zu stellen, nicht nur neue, sondern auch systematisch fundierte Wege aufzeigen. Principal Investigator: Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann (Universität Innsbruck)
- Universität Innsbruck - 100%
- Jörg Döring, Universität Siegen - Deutschland
Research Output
- 5 Zitationen
- 8 Publikationen
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2020
Titel Auctor in fabula. Zu einem Aspekt metafiktionalen Erzählens in der Gegenwartsliteratur: Glavinic, Dath, Haas.; In: Selbstreferenz in der Kunst. Formen und Funktionen einer ästhetischen Konstante Typ Book Chapter Autor Wegmann Verlag Ergon Verlag Seiten 317 - 334 Link Publikation -
2021
Titel Literaturpreise, Geschichte und Kontexte DOI 10.1007/978-3-476-05732-7 Typ Book editors Jürgensen C, Weixler A Verlag Springer Nature -
2020
Titel Verfilmte Autorschaft DOI 10.14361/9783839450635 Typ Book editors Hoffmann T, Wohlleben D Verlag Transcript Verlag -
2024
Titel Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart DOI 10.1515/9783111322537 Typ Book editors Wegmann T, Döring J, Manz N, Mayr M, Obererlacher A Verlag De Gruyter Link Publikation -
2023
Titel „Es ist schon viel Unsinn über mich verbreitet worden“ DOI 10.1515/9783839469781-009 Typ Book Chapter Autor Obererlacher A Verlag De Gruyter Seiten 193-214 Link Publikation -
2023
Titel "Weiter bin ich nicht gekommen". Zu Monika Rincks Danksagungen für Literaturpreise; In: Monika Rinck - Poesie und Gegenwart DOI 10.1007/978-3-662-64898-8_6 Typ Book Chapter Verlag Springer Berlin Heidelberg -
2023
Titel Vom Danken und Echauffieren DOI 10.1515/9783110787436-011 Typ Book Chapter Autor Mayr M Verlag De Gruyter Seiten 219-236 Link Publikation -
2021
Titel Dokufiktionalität in Literatur und Medien, Erzählen an den Schnittstellen von Fakt und Fiktion DOI 10.1515/9783110692990 Typ Book editors Bidmon A, Lubkoll C Verlag De Gruyter Link Publikation