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Formen und Funktionen auktorialer Epitexte

Forms and Functions of Authorial Epitexts

Thomas Wegmann (ORCID: 0000-0001-6816-6160)
  • Grant-DOI 10.55776/I4313
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 07.01.2020
  • Projektende 06.06.2023
  • Bewilligungssumme 251.370 €
  • Projekt-Website

DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz

Wissenschaftsdisziplinen

Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)

Keywords

    Authorship, Literary Field of the Present, Paratext, Epitext

Abstract Endbericht

Der Terminus Paratext bezeichnet gemeinhin Textsorten oder -elemente, die einen Basis- bzw. Haupttext flankieren, ergänzen oder kommentieren, dabei überwiegend von dessen Autor selbst stam- men oder von diesem autorisiert wurden. Unterscheiden lassen sich dabei Peritexte, die wie Vorwort, Motto oder Gattungsbezeichnung medial an ihren Verweistext gebunden sind, und Epitexte, die wie Interviews, Briefe oder Tagebucheinträge in der Regel in materieller Entfernung zu dem Text erschei- nen, auf den sie sich beziehen. Das in Kooperation mit der Universität Siegen konzipierte Forschungs- vorhaben untersucht im Anschluss an das FWF-Projekt Zur Funktion auktorialer Paratexte für die Inszenierung von Autorschaft (Projekt-Nr. P 26723 G23; Laufzeit 2014-17), welches sich exempla- risch mit der Zeit um 1800 sowie der Klassischen Moderne beschäftigte, verschiedene Formen von Epitexten und ihre Funktionen im deutschsprachigen literarischen Feld der Gegenwart. Das impliziert nicht nur eine literarhistorische Verlagerung, sondern auch die Berücksichtigung veränderter kulturel- ler, ökonomischer und vor allem medialer Bedingungen. So besteht das zugrundeliegende Textkorpus nicht mehr wie noch beim Vorgängerprojekt ausschließlich aus schriftlichen Quellen, sondern partiell auch aus audiovisuellem Material. Denn auktoriale Epitexte wie Interviews oder Literatur- preisreden finden sich seit einiger Zeit auch auf YouTube und anderen Kanälen. Nicht nur in medien- technischer Hinsicht ist dabei von der Annahme auszugehen, dass sich Formen und Funktionen aukto- rialer Epitexte aktuell ausdifferenzieren, sich das epitextuelle Spektrum mithin erweitert und für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur signifikant an Bedeutung gewinnt, wobei es sich ersichtlich nicht auf die notorisch gewordene Rolle des Beiwerks reduzieren lässt. Vielmehr ist zu fragen, in- wiefern das literarische Werk zunehmend Anlass und Kulisse für epitextuell realisierte Inszenierungen von Autorschaft bietet. Diese Zusammenhänge exemplarisch auf der Basis eines fest umrissenen, deutschsprachigen Quellenkorpus theoriegeleitet und materialgesättigt zu untersuchen, ist das Ziel unseres Vorhabens, das wir zu diesem Zweck in drei Arbeitspakete gliedern. Neben den im Rahmen von Autorenlesungen und Literaturpreisverleihungen zunächst mündlich geäußerten Epitexten liegt der Fokus auch auf den proliferierenden Varianten fingierter Epitexte, die Paratextualität zum Teil eines ästhetischen Spiels werden lassen, welches die Grenze von Text und Paratext produktiv über- schreitet und gleichzeitig aufs Neue markiert.

Im Rahmen unseres Projekts wurden erstmals Formen und Funktionen von Epitexten systematisch aufgezeigt und exemplarisch für den Untersuchungszeitraum analysiert. Dazu haben wir aus den zahlreichen Varianten des Epitextes drei Typen herausgegriffen, die besonders symptomatisch für das literarische Feld der Gegenwart sind: 1. Performative Epitexte (etwa Äußerungen von Autor:innen bei Lesungen). 2. Ritualisierte Epitexte (etwa Dankesreden bei Literaturpreisverleihungen). 3. Fingierte Epitexte (etwa Interviews, die nie geführt wurden). Mit dieser Aufteilung in drei konkrete Arbeitspakete, von denen das erste an der Universität Siegen und die beiden letzteren an der Universität Innsbruck bearbeitet wurden, konnten wir gleichzeitig das zu Grunde gelegte Material klarer konturieren und dennoch ein breites Spektrum an Epitexten untersuchen, wobei sich bei aller Vielfalt der proliferierenden Epitexte zwei konstante Merkmale herausarbeiten ließen: Funktionalität und auktoriale Bindung. Diese bezeichnet im Wesentlichen die Kopplung des Epitextes an die Instanz von Autorschaft, welche ihn legitimiert und zugleich verantwortet, jene den konstitutiven Umstand, dass gerade das Verhältnis von Text und Epitext nicht als ein essentialistisches bzw. statisches, sondern als ein funktionales und kontextabhängiges zu verstehen ist. So können Epitexte zu Texten transformieren, die wiederum eine eigene paratextuelle Umgebung hervorbringen, wenn etwa der in einem Periodikum erschienene essayistische Selbstkommentar einer Autorin später in ihre Werkausgabe aufgenommen wird. Dabei konnten wir zeigen, dass und wie Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart eine zentrale Rolle einnehmen, verstärkt nachgefragt werden und dabei keineswegs nur an die Schriftform gebunden sind. Nach Abschluss des Projekts dürfen wir sogar konstatieren, dass die mit Gegenwartsliteratur befassten Institutionen schon seit geraumer Zeit verstärkt Anlässe schaffen, bei denen Epitexte produziert werden, wenn sich Autor:innen etwa bei Lesungen oder Literaturpreisverleihungen zu ihrem Werk und / oder ihrer Person interpretierend äußern. Wir haben genau diese beiden Szenen der Literaturvermittlung in den Arbeitspaketen zu performativen bzw. ritualisierten Epitexten eingehend untersucht. Erscheinen Epitexte dagegen in fiktionaler Umgebung bzw. gänzlich als Fiktion (z. B. fingierte Interviews in Romanform), machen sie außerdem selbstreflexiv die Funktionsweise von Epitexten im Allgemeinen sichtbar und stellen diese in Hinblick auf auktoriale Inszenierungspraktiken sowie die Mechanismen des Literaturbetriebs im Besonderen aus. In diesem Zusammenhang konnten wir an bestehende Forschungen zur Werkpolitik und zur Inszenierung von Autorschaft anknüpfen, gilt doch der zuletzt viel gebrauchte Begriff der 'Inszenierungspraktiken' nicht zuletzt diesem epitextuellen Beiwerk der literarischen Texte, wobei in der literaturbetrieblichen Praxis Autorschaftsinszenierung und Werkpolitik permanent ineinandergreifen. Durch unsere Konzentration auf Epitexte konnten wir der Paratext-Forschung, die dazu tendiert, den Bereich entweder auf Peritexte zu reduzieren oder auf nicht-auktoriale Texte wie Literaturkritiken auszuweiten und ihn damit begrifflicher und konzeptioneller Unschärfe anheim zu stellen, nicht nur neue, sondern auch systematisch fundierte Wege aufzeigen. Principal Investigator: Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann (Universität Innsbruck)

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Jörg Döring, Universität Siegen - Deutschland

Research Output

  • 5 Zitationen
  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 2024
    Titel Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart
    DOI 10.1515/9783111322537
    Typ Book
    editors Wegmann T, Döring J, Manz N, Mayr M, Obererlacher A
    Verlag De Gruyter
  • 2021
    Titel Dokufiktionalität in Literatur und Medien, Erzählen an den Schnittstellen von Fakt und Fiktion
    DOI 10.1515/9783110692990
    Typ Book
    editors Bidmon A, Lubkoll C
    Verlag De Gruyter
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Verfilmte Autorschaft
    DOI 10.14361/9783839450635
    Typ Book
    editors Hoffmann T, Wohlleben D
    Verlag Transcript Verlag
  • 2023
    Titel "Weiter bin ich nicht gekommen". Zu Monika Rincks Danksagungen für Literaturpreise; In: Monika Rinck - Poesie und Gegenwart
    DOI 10.1007/978-3-662-64898-8_6
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer Berlin Heidelberg
  • 2023
    Titel Vom Danken und Echauffieren; In: Saša Stanišić: Poetologie und Werkpolitik
    DOI 10.1515/9783110787436-011
    Typ Book Chapter
    Verlag De Gruyter
  • 2021
    Titel Literaturpreise, Geschichte und Kontexte
    DOI 10.1007/978-3-476-05732-7
    Typ Book
    editors Jürgensen C, Weixler A
    Verlag Springer Nature
  • 2023
    Titel "Es ist schon viel Unsinn über mich verbreitet worden"; In: Plausibilisierung und Evidenz - Dynamiken und Praktiken von der Antike bis zur Gegenwart
    DOI 10.1515/9783839469781-009
    Typ Book Chapter
    Verlag Bielefeld University Press
  • 2020
    Titel Auctor in fabula. Zu einem Aspekt metafiktionalen Erzählens in der Gegenwartsliteratur: Glavinic, Dath, Haas.; In: Selbstreferenz in der Kunst. Formen und Funktionen einer ästhetischen Konstante
    Typ Book Chapter
    Autor Wegmann
    Verlag Ergon Verlag
    Seiten 317 - 334
    Link Publikation

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