Die Bildkünste als "psychagogische" Medien der Jesuiten
Visual arts as "psychagogic" media of the Jesuits
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (25%); Kunstwissenschaften (50%); Philosophie, Ethik, Religion (25%)
Keywords
-
History of architecture,
Dramatics,
Religious studies,
Art History
Der Idee des Projektes liegt die Überzeugung zugrunde, dass die kunsthistorisch relevante Leistung der Gesellschaft Jesu nicht bloß in der Schaffung neuer Typologien für die Sakralarchitektur zu finden ist. Der Orden hat vielmehr ein gesamtheitliches, von theologischen, apostolischen und künstlerischen Konzepten getragenes Programm entwickelt, das untrennbar auf naturwissenschaftlichen Theorien wie der praktischen Anwendung von naturwissenschaftlichen Ergebnissen von eigenen, jesuitischen Gelehrten beruht. Zentrale Bedeutung haben die Disziplinen der Perspektivlehre, der Optik und Akustik, zu denen Ordensgelehrte des 17. Jahrhunderts entscheidende Beiträge für deren Anwendung im theatralen Bereich geleistet haben. Es soll die Frage beantwortet werden, in welchem Ausmaß die Konstruktion und Ausstattung von Kirchen- und gleichermaßen von Theaterräumen gemeinsamen, psychagogischen Kriterien unterlagen. Gegenstand des vorliegenden Forschungsprojekts sind die Kollegien und Ordenshäuser der Jesuiten mit ihren zugehörigen Infrastrukturen und ihre repräsentative Funktion. Der Fokus liegt dabei vornehmlich auf den Apparaten und Vorrichtungen zu Predigt und zur Glaubenspropaganda, die die jesuitischen Institutionen besaßen: Oratorien, Kirchenräume, Refektorien und Bühnen. Sie wurden nach dem aktuellen Stand der künstlerischen Techniken und Gestaltungsmethoden konzipiert und dies in einem Ausmaß, wie es bis dato von keinem anderen Orden praktiziert worden war. Das Neuland, das im Rahmen des Projektes erschlossen werden soll, ist die vom Orden erlangte Synthese zwischen den gestaltenden, den szenisch darstellenden Künsten und den mathematischen Wissenschaften. Von hohem Interesse sind dabei unterschiedliche Kunstgattungen vor allem die perspektivische, insbesondere Fresko- und Quadratura-Malerei, die Skulptur sowie das Bühnenbild, die Choreographie und sogar die nicht archivierbare Kunst des Schauspielens; all diese waren sehr zweckdienlich für den Orden und wurden deshalb programmatisch von ihm gefördert. Dankdieser einer gezielten Förderung trugen die Societas Jesu und weitere durch sie beeinflusste kirchliche Akteure zum Fortschritt der Künste bei, die das vorliegende Forschungsvorhaben und die theologische Forschung mit dem theologischen Begriff "psychagogisch" definieren. Durch gezielte Untersuchungen der jesuitischen Sakral- und Theaterbauten in der ehemaligen Österreichischen Ordensprovinz (Ostösterreich, Ungarn, Slowenien, Kroatien) sowie der ehemaligen Süddeutschen Ordensprovinz (Bayern, Tirol, Schweiz) sollen im Vergleich mit der hochentwickelten Ausstattungskultur in Norditalien (Bologna, Parma-Piacenza) die jesuitischen Gesetzmäßigkeiten in den gestaltenden und optisch-mathematischen Künsten freigelegt werden.
Das Projekt war im Wesentlichen auf die Analyse zwei aneinander gebundener Fragen ausgerichtet. Die Kernthese beruht in der Annahme, dass die künstlerischen Medien wie Architektur, Freskomalerei und Skulptur von den Fachleuten des jesuitischen Ordens aktiv benutzt wurden, um die Seelen der Gläubigen zu leiten und sie letztlich zu Gott hinzuführen (Psychagogie). Diese seelenführende Funktion der raumgestaltenden Künste ist in der Konsequenz ein generelles Spezifikum der barocken Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts. Doch wurde diese Theorie zur barocken Kunst im Projekt nicht weiter thematisiert, sondern lediglich der Versuch unternommen, auf pragmatische Weise die Rolle der Gesellschaft Jesu auszuleuchten. Denn auf diesem Konzept der Seelenführung basierte in Teilen die intensive Beschäftigung von Mitgliedern des Ordens mit technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Optik, der Mechanik oder der theaterspezifischen Techniken, deren Erkenntnisse in den Bau und die Ausstattung von Sakralräumen und Theaterräume eingeflossen sind. Entscheidend für den international agierenden bzw. weltweit tätigen Orden war - und daran knüpft der zweite wichtige Fragenkomplex des Projektes an - der Austausch von Fachleuten und Wissenschaftlern innerhalb Ordens, also über die Grenzen der einzelnen Ordensprovinzen hinaus. Dieser Wissenstransfer wurde im Projekt speziell zwischen den habsburgisch regierten Ländern und Norditalien, mit anderen Worten zwischen der österreichischen und der oberdeutschen Ordensprovinz einerseits und der venezianischen und mailändischen Ordensprovinz andererseits untersucht. Entsprechende Recherchen in den Staatsarchiven und einschlägigen Bibliotheken, etwa in Parma, Modena oder Mailand brachten Quellenergebnisse, die diesen Austausch in den Norden exemplarisch nachvollziehen ließen. Es sollte sich bald zeigen, dass die jesuitischen Zentren auf Österreichischer Seite in Graz (inkl. Universität) und Innsbruck waren, wobei auch München als Zentrale (nach Innsbruck) der oberdeutschen Ordensprovinz eine entscheidende Rolle spielte. In weiteren Archiven hat sich reiches Quellenmaterial (Schriftdokumente, Planzeichnungen) zu den jesuitischen Kollegien nicht nur in Graz, sondern auch in Judenburg und Leoben, und weiters zu Niederlassungen im heutigen Slowenien und Kroatien finden lassen. Kontakte mit entsprechenden Fachkollegen wurde aufgenommen. Recherchen am jesuitischen Zentralarchiv in Rom und im Österreichischen Staatsarchiv rundeten das Bild wertvoll ab. Wertvolle Funde in den Archiven, etwa auch zum wichtigen Kollegium (samt Universität) in Wien, werden zur Publikation vorbereitet. Der Hauptbearbeiter Paolo Sanvito entwickelte gemeinsam mit dem Mailänder Professor Danilo Zardin eine in Mailand 2022 abgehaltene Tagung, die sich dieser Transferthematik annahm. Internationale Präsenz zeigt das Wiener Projekt weiters durch die Teilnahme an Tagungen in Barcelona, Luzern, Paris, Prag und Rijeka. Sanvito hat sich auch der Zeichnungen zur Akustik des Naturwissenschaftlers und Jesuiten Mario Bettini angenommen. Die große internationale Tagung, die die Projektmitarbeiter (mit den Kollegen des D-A-CH-Projektes in Freiburg) entwickelten und im Frühjahr 2023 in Wien abhielten, brachte weitreichende Ergebnisse, die die Grundlage für die Gesamtpublikation bilden.
- Sebastian Schütze, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Hans W. Hubert, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - Deutschland
- Danilo Zardin, Universita Cattolica del Sacro Cuore - Italien
Research Output
- 6 Publikationen
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2022
Titel Die Baugeschichte des Jesuitenkollegiums Typ Journal Article Autor Stegbauer S Journal Bauforschungen in Niederösterreich -
2022
Titel Die ehemalige Jesuitenkirche St. Leopold und die Jesuitenresidenz in der Vorstadt Typ Journal Article Autor Stegbauer S Journal Bauforschungen in Niederösterreich Seiten 65-70 -
2022
Titel Die Jesuiten in Wiener Neustadt Typ Journal Article Autor Stegbauer S Journal Bauforschungen aus Niederösterreich Seiten 33-38 -
2023
Titel The two Jesuit Saints as Subjects of Stage and Sacred Spaces North of the Alps Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sanvito P Konferenz Territori di santità. Immagini e scenari nel Seicento. Quattro spagnoli e un santo Seiten 277-296 -
2023
Titel The Role of Jesuit Chemistry or Medicine research and the Development of Early Medical Handbooks Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sanvito P Konferenz Ut pictura medicina. Visuelle Kulturen und Medizin. -
2021
Titel "Der Beitrag Oberitaliens zur Entwicklung der Künste durch den Jesuitenorden im Kontext der europäischen Kunstgeschichte" Typ Journal Article Autor Sanvito P Journal Frühneuzeit Info Seiten 168-173